Blick von der begehbaren Stahlröhre der Bergstation Aiguille du Midi des Montblanc in den französischen Alpen.
Klimawandel

Werden wir die Berggipfel verlieren?

Hatten wir die Berge nicht für unumstößlich gehalten? Jetzt beginnen sie sich zu bewegen, kommen unseren Dörfern entgegen, sie wandern. Hat schon jemand ausgerechnet, wie viele Gipfelkreuze fallen und wie viele Kirchtürme sie unter sich begraben werden?

Der größte Gletscher Europas, der Vatnajökull auf Island, stirbt. Mit ihm erlischt ein Leuchten, das unwiederbringlich sein wird. Licht- und Farbspiele erlöschen, als würde man eine Lampe langsam dimmen, sie werden eines Tages nur mehr über das Lesen von Beschreibungen vorstellbar sein, denn Fotografien reichen vielleicht nicht heran, um das, was man im Beobachten von Lichtstimmungen spürt, nachempfinden zu können.

Die Erde befindet sich in einer Übergangsphase zu einer eisfreien Zeit. Diese Phase des Wechsels dauert schon lange an, seit einigen Jahren aber beschleunigt sie sich. In geomorphologischen Zeitskalen gedacht, sind Gletscher als auch Berge nicht für die Ewigkeit bestimmt. Wasser gefriert zu Eis und taut auf. Gebirge entstehen und werden abgetragen. Der dauernde Abtrag der Berge passiert einerseits durch den Prozess der natürlichen Verwitterung, Millimeter, Submillimeter pro Jahr sind es, ein beständiger aber geringer Verlust an Höhe, der erst nach mehreren Jahrhunderten sichtbar sein wird.

Andererseits haben die Gebirge aufgrund ihrer Entstehung Faltungen, Furchen und Klüfte, Schwachstellen – so wie jeder alternde Mensch Schwachstellen hat, wie Hornhautrisse in den Fersen oder leicht brechende Knochen, aufgrund eines Verlusts an Dichte. An diesen neuralgischen Punkten können Prozesse entstehen, die dazu beitragen, dass fremde Materialen eindringen oder Teilbereiche abrücken, abbrechen. In den Ostalpen ist noch Eis vorzufinden, einerseits das sichtbare in Form von Gletschern, die jedoch in ihren Ausmaßen nicht mit Riesen wie dem Vatnajökull in Vergleich zu setzen sind, denn im Verhältnis sind sie klein wie Schilde von Schildkröten im Vergleich zu Himmelszelten. Andererseits das Unsichtbare im inneren Teil: das Silikat, die Brocken, die inneren Mineralien, die über mehrere Jahre, bis auf eine kleine, oberflächliche Auftauschicht in den Sommermonaten, gefroren sind. Das bedeutet, dieser Frost ist immer da, versteckt unter der fragilen Oberfläche der Welt.

Es waren meine Hausberge, die ich auch mit meinem Vater bewanderte

Diese Zustände und Prozesse – das Gefrieren, das Auftauen, die Erosion, die Falten und Risse, das Nasse und das Trockene – sie wirken im Hochgebirgsraum zusammen, es entstehen Spannungen, die Halt erzeugen und zugleich Druck aufbauen.

Als Kind war die Badewanne im Haus meiner Eltern Richtung Norden ausgerichtet. Lag ich im warmen Schaumbad, der Schaum darin mein eigenes Gebirge, blickte ich Richtung Norden auf die Berge Mollns. Konkret auf den Gaisberg und auf den Schoberstein. Es waren meine Hausberge, die ich auch mit meinem Vater bewanderte. Da ich jeden Tag ein Bad nehmen musste, waren diese Gebirge für mich Ausblick, aber auch Anblick, denn weiter konnte ich nicht sehen, sie waren die Grenze meiner Welt. Ich tastete die Berge mit meinen Augen ab, so erscheint es mir im Rückblick, ein Bewandern von außen, und ich sah und fand fast jeden Tag ein Gesicht in den Felsen. Nicht immer, so glaubte ich, war es an derselben Stelle. Ich weiß, dass ich es oft suchte, es war nicht immer gleich zu finden, manchmal war es auch weg. Der Berg war im Rückblick eine Art Kippbild, ich konnte sein Gesicht nur in gewissen Stimmungen erkennen, und wenn es nicht da war, dachte ich, es hätte sich in den Berg hineingedreht, so als würde es mich nicht anschauen wollen. Jetzt da ich weiß, dass Felsen auch Falten haben, denke ich, dass Gesicht und Gestein miteinander verbunden sind. Es sind Muren, die aus Augen und Mündern fließen.

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