Floridsdorf hatte lange das Image eines reinen Arbeiterbezirks und war stolz auf die „rote“ Vergangenheit. Ein neues Buch zeigt seine vielen bürgerlichen Facetten.
Floridsdorf ist eine Industriestadt und das Gros seiner Bevölkerung bilden naturgemäß die Fabriksarbeiter, welche 90 Percent der hiesigen Einwohner ausmachen. Ihre Existenz ruht ganz auf den Schultern der Arbeiter, Fabriksschlot neben Fabriksschlot ragt hier gen Himmel.“ Die „Floridsdorfer Zeitung“ vom 24. März 1900 schimpft nach diesen Eingangszeilen drauf los. Die Stadtverwaltung nehme keine Rücksicht auf die kleinen Leute und ihre Wünsche, in der Innenstadt entstünde ein Prunkbau nach dem anderen, während man jenseits der Donau nicht einmal eine ordentliche Wasserleitung habe, 25 Prozent aller Krankheiten hier seien auf die schlechte Wasserqualität zurückzuführen. Erst 1910 erfolgte der Anschluss an die Hochquellenwasserleitung.
Das blieb lange Zeit die Etikettierung von Floridsdorf. In alten Büchern sind vor allem Zinskasernen, Fabriken, Gemeindebauten und dazwischen eingestreut ein paar Wirtshäuser zu sehen. Dass es immer auch ein bürgerliches Floridsdorf gegeben habe, wird meist unterschlagen. Gabriele Dorffner und Matthias Marschik, beide ausgewiesene Kenner der Wiener Lokalgeschichte, Dorffner ist auch freie Mitarbeiterin am Bezirksmuseum Floridsdorf, versuchen in einem neuen Buch, das Bild des 21. Wiener Gemeindebezirks zu modifizieren. Das sei eine notwendige Ergänzung an unserem Geschichtsbild, schreiben sie: „Die Erforschungen der Leistungen der Wiener Sozialdemokratie und der Arbeiterkultur ab den 1970er-Jahren wird in letzter Zeit um Analysen zum ‚schwarzen‘, konservativen bürgerlichen Wien erweitert, nicht um das austromarxistische Reformprogramm zu schmälern, sondern um die Geschichte in ihrer Gesamtheit zu zeigen und zu vervollständigen.“