Sportdirektor Markus Gandler zählt zehn Langläufer im Kader und stellt erstmals seit 1989 wieder eine WM-Damenstaffel. Österreichs Loipensport setzt neue Impulse und träumt vom Lauf zurück ins Rampenlicht.
Predazzo. Italien fiebert zwei Großereignissen entgegen. Heute beginnt im Val di Fiemme die nordische WM und am Wochenende wählt die Nation ihr Parlament. Wären in Österreich Plakatständer und -wände mit schief grinsenden Konterfeis diverser Politiker voll gepflastert, lachen rund um Cavalese ausnahmslos Sportler den Besuchern entgegen. Die Politik beschränkt sich auf Postwurfsendungen und TV-Auftritte. Ein Ansatz, den Österreich überdenken sollte.
Vor den Loipensprints, in denen heute ab 12.45 Uhr Norwegen mit Marit Björgen oder Petter Northug den Ton angeben wird, drängten Reporter in Scharen zum PR-Termin der Skandinavier. Zur Audienz von Österreichs Langlaufteam kamen nur wenige Journalisten. Das war auch gut so. Im Keller des „Sass Moar“-Hotels in Predazzo war ohnehin kaum Platz. Olympia-Trikots, Autogrammkarten und Pokale erinnerten an große Erfolge, und zu denen will Sportdirektor Markus Gandler unbedingt zurückkehren. Im „Stüberl“ herrscht Beschaulichkeit, dabei sind die Voraussetzungen so gut wie schon seit 2006 nicht mehr.
Der erste Traum ist erfüllt
Nach der Razzia bei den Winterspielen in Turin war Österreichs Langlauf wieder am Nullpunkt angelangt. Erfolge von einst, etwa Staffel- und Olympia-Gold, verblassten angesichts der Vorwürfe, in deren langem Schatten laut Gandler „eine komplette Generation“ verloren ging. Doch die hartnäckige Aufbauarbeit machte sich bezahlt, bei der WM 2013 stellt der ÖSV nun jeweils fünf Herren und Damen. „Die erste Damenstaffel seit 1989 wird am 28. Februar Wirklichkeit“, strahlt Gandler. „Smutna, Stadlober, Muschet und Mayerhofer – für uns alle geht damit ein Traum in Erfüllung.“
Junge, ambitionierte Läufer wie Johannes Dürr, 25, oder Juniorenweltmeisterin Teresa Stadlober, 20, geben dem ÖSV-Chef zusätzliche Hoffnung. Von beiden erwartet sich Gandler auch im Duathlon am Samstag Topleistungen. „Die sind realistisch, eine Medaille wäre natürlich vermessen, viel zu viel.“ Katarina Smutna, 29, zuletzt Achte in Davos, soll bei ihrer dritten WM das Sprintfinale erreichen, dann wäre Gandler „happy“.
Während sich in der Qualifikation Exoten aus der Mongolei, Neuseeland oder Australien tummelten oder heute mit Gervacio Madja sogar ein (Münchner) Togolese in der Spur beweisen will, muss sich Österreich vor solch bizarren Vergleichen nicht fürchten. Dürrs vierter Platz im Rahmen der Tour de Ski – auf den WM-Loipen in Lago di Tesero – führte den ÖSV ins Spitzenfeld zurück und diese Tatsache bestätigt den Sportdirektor. Es mache ihn stolz, seinen Athleten zuzusehen, ihre Schritte zu verfolgen, und bemerkt er Verbesserungen in der Skating- oder Klassiktechnik, entkommt dem Staffel-Weltmeister von 1999 auch ein breites Grinsen.
Dennoch herrscht Bescheidenheit in der Mannschaft, alle Trainer sind zugleich auch Wachsler, das ist Gandlers Wunsch. Zudem ist das Budget im Vergleich zu den Skispringern extrem gering. So wachse das Team zusammen, jeder sei für alles und seine Kollegen mitverantwortlich. Für Stars vom Format Marit Björgen, die ohnehin in Österreich nicht zu finden sind, wäre momentan auch kein Platz.
Erstmals seit der WM 2003 im Fleimstal stellt Österreich an gleicher Stelle wieder ein respektables Team. Erfolge wie in Ramsau 1999 sind zwar ausgeschlossen, aber für die Zukunft sind sie nicht mehr vollkommen illusorisch. Dann würden ÖSV-Termine wieder von Medien gestürmt. Wer weiß, vielleicht klappt es ja mit der Bewerbung für eine WM in Seefeld und Innsbruck. Auch der Beschaulichkeit in diversen Stüberln wäre ein Ende gesetzt.
WM-Kader: Johannes Dürr, Bernhard Tritscher, Harald Wurm, Max Hauke, Aurelius Herburger; Katerina Smutna, Teresa Stadlober, Kerstin Muschet, Nathalie Schwarz, Veronika Mayerhofer.
Heute:Sprintvorläufe ab 10, Finali ab 12.45 Uhr.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2013)