Nur Schlierenzauer hebt sorgenfrei ab

Schlierenzauer hebt sorgenfrei
Schlierenzauer hebt sorgenfrei(c) GEPA pictures (GEPA pictures/ Thomas Bachun)
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Rekordsieger Gregor Schlierenzauer steht auch im Val di Fiemme im Schaufenster. Morgenstern, Loitzl und Kofler suchen nach "sportlichen Watschen" ihre Leichtigkeit.

Predazzo. Thomas Morgenstern lächelte gequält. Es war sein erster öffentlicher Auftritt seit eineinhalb Monaten und in Wahrheit wusste er nicht, wie er seine Auszeit denn begründen sollte. Als Titelverteidiger auf der Normalschanze hatte er aber das „Glück“, nicht um die Qualifikation für die WM im Val di Fiemme bangen zu müssen.

Der 27-jährige Kärntner war nach enttäuschenden Darbietungen und dem 27. Platz in Zakopane, Polen, am 12. Jänner kurzerhand aus dem Weltcup „ausgestiegen“. Nichts passte mehr, die „sportlichen Watschen“ standen im groben Widerspruch zu seinem emotionalen Hoch als Jungvater. Es habe ihn darob „körperlich z'sammprackt“, gab er nun vor dem Normalschanzenbewerb am Samstag in Predazzo zu. „Ich habe viel trainiert, bin aber auch viel im Bett gelegen. Diese Auszeit war für mich eine logische Konsequenz.“

Eine rätselhafte Auszeit

Diese „emotionale Berg- und Talfahrt“, sagt Morgenstern, habe er nun hinter sich gebracht. Ob er aber sofort an sportliche Höhen anschließen könne, ist nicht nur aufgrund einer Erkältung zweifelhaft. Er wisse schlichtweg nicht, wie es um seine Form bestellt sei. Er habe bis zuletzt keinerlei Kontakt mit den Teamkollegen gehabt, die Konkurrenz nicht beobachtet und nur danach getrachtet, Rückschläge nach der Tournee und dem verlorenen Weltcup mit Vertrauenstrainer Heinz Kuttin zu verarbeiten. Zudem genoss er seine Freizeit, daheim. Jedoch eine Sichtweise hat sich beim dreifachen Olympioniken nun verändert: „Das Lächeln meines Kindes zeigt mir, was wirklich wichtig ist im Leben.“

Der Wettkampf am Samstag wird Aufschluss darüber geben, ob Rückstände im Materialsektor, dieser Punkt betrifft das gesamte Adler-Team, egalisiert wurden. Denn der Saisonverlauf zeigt schonungslos auf, dass Deutschland, Norwegen, Polen und Slowenien die Vormachtstellung der Österreicher durchbrochen haben. Keines der fünf Teamspringen wurde gewonnen, im einzigen Mixed-Bewerb wurde Andreas Kofler und mit ihm die gesamte Equipe wegen seines zu großen Anzugs disqualifiziert. Dass Österreich trotzdem in allen Weltcupwertungen führt, ist nur von statistischem Wert.

Den Versuch, sich mit Erinnerungen an die glorreiche WM in Oslo 2011 – in Norwegen wurden alle vier Titel gewonnen – aus der Affäre zu ziehen, wagt auch nicht der sonst um keine Erklärung verlegene Trainer Alexander Pointner. Mit Gregor Schlierenzauer stelle er den „besten Skispringer der Gegenwart“, dahinter aber klafft weiterhin ein Loch zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Weder Morgenstern, Kofler noch Wolfgang Loitzl vermochten seit der Tournee zu überzeugen.

Loitzls Galgenhumor

Dass Schlierenzauer als Weltcupführender, achtfacher Saisonsieger, Rekordhalter (48 Siege), Tournee-Champion und Titelverteidiger auf der Großschanze diese Malaise aus seiner Sicht als „Luxussituation“ bezeichnet, macht das Unterfangen für Pointner nicht leichter, im Gegenteil. Während Druck für den Stubaier ein Spielzeug zu sein scheint („Ich werde als Top-Favorit geadelt“), drohen seine Kollegen bei dieser WM an den Erwartungen zu zerbrechen. Zumindest bewies Veteran Loitzl bereits seinen Galgenhumor. Er sagt: „Bis auf Schlierenzauer können wir alle bei dieser WM nur positiv überraschen...“

Pointner, der seine fünfte WM als Cheftrainer bestreitet, sprach davon, dass Medaillen das erklärte Ziel seien, man sie aber „nicht erwarten“ dürfe. Was nach plumpem Understatement klingt, trifft, bis auf Schlierenzauer, tatsächlich für jeden seiner Springer zu. Ob die bereits vorgenommenen Änderungen am Anzug (neue Naht im Schritt) die Trendwende einleiten, bleibt abzuwarten.

Bereits heute (16 Uhr, ORF1) heben die Skisprung-Damen in die nordische WM ab. Titelverteidigerin Daniela Iraschko ist verletzt, für sie soll Jacqueline Seifriedsberger, 22, einspringen. Ihr zur Seite stehen die erst 15-jährige Chiara Hölzl und Katharina Keil. Top-Favoritin ist jedoch die Japanerin Sara Takanashi. Die Sechzehnjährige hat wie Schlierenzauer acht Saisonsiege zu Buche stehen. Dass auch sie von einer „Luxussituation“ ausgeht, versteht sich nahezu von selbst.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.02.2013)

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