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Supermarktketten säubern unauffällig ihre Fleischvitrinen

(c) APA (HARALD SCHNEIDER)
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Es häufen sich die Indizien, dass der Pferdefleischskandal ein Betrugsfall ist. Verdächtige Tiefkühlkost wurde vor Bekanntwerden des Skandals aussortiert.

Wien. Der Fall liegt mehrere Jahre zurück, die Täter wurden verurteilt und haben ihre Strafe verbüßt. Für Lebensmittelexperten ist die Geschichte eines Waldviertler Getreidehändlers trotzdem topaktuell. Denn so wie damals dürfte es nun auch beim sogenannten Pferdefleischskandal abgelaufen sein. Nur in viel größerem Stil natürlich.

Damals ging es um 14.000 Tonnen konventionelles Getreide. Das lagerte im Betrieb eines Getreidehändlers. So lange, bis es teures, wertvolles Biogetreide war. Wie das geschehen konnte? Der Händler schickte das Getreide – natürlich nur fiktiv – auf eine lange Reise quer durch Europa. Über Deutschland und Italien gelangte es wieder ins Waldviertel. Es wurden Rechnungen und Zertifikate ausgestellt – und irgendwann stand auf diesen Belegen „Bio“. Schaden: 1,2 Mio. Euro.

Der Skandal um falsch etikettierte Fleischwaren dürfte ähnlich vonstattengegangen sein, meinen Experten im Gespräch mit der „Presse“. Bei einem hart umkämpften Markt wie dem Lebensmittelmarkt ergebe es nämlich keinen Sinn, viele Zwischenhändler zu engagieren. Das erhöhe schließlich nur den Preis. Außer es steckt ein Betrug dahinter. Mittlerweile wurden an das europäische Warnsystem RASFF sechs Betrugsfälle aus Deutschland, Irland, Großbritannien und Österreich gemeldet. In 17 der 27 EU-Länder sind Fälle von Pferdefleisch-Etikettenschwindel bekannt. Längst geht es nicht nur um falsche Deklaration, sondern auch um Gesundheitsgefährdung. In England wurde das Medikament Phenylbutazon, das im Pferdesport als Dopingmittel eingesetzt wird, nachgewiesen.

Apropos Doping: Illegales Doping gibt es nicht nur bei Mensch und Tier. Auch in Gemüse soll es da und dort vorkommen, berichten Insider der „Presse“. Die großen Lebensmittelkonzerne stellen vor allem bei Bioprodukten an die Produzenten extrem hohe Anforderungen. Der Spinat oder Häuptlsalat soll frisch und ansehnlich sein, aber natürlich ohne Chemie. „Da wird immer wieder geschummelt“, sagen Insider. Die großen Konzerne, die intern viel rigoroser kontrollieren als öffentliche Stellen, kommen den Betrügern oft auf die Schliche. Die Produzenten werden aussortiert. Aber natürlich ohne öffentliches Aufsehen zu erregen. So sortierte etwa auch die Lebensmittelkette Zielpunkt die Tiefkühl-Lasagne schon zu einem Zeitpunkt aus, als in Österreich offiziell noch kein Fall bekannt war.

Kein Geld für staatliche Kontrolle

Für Birgit Beck vom Verein für Konsumenteninformation (VKI) gibt es drei Erklärungen für solche Lebensmittelskandale: Erstens die fehlende Herkunftsbezeichnung, zweitens das Problem, dass die Hersteller oder Lieferanten immer nur Informationen über Vorlieferanten, aber nie über die ganze Lieferkette erhalten. Und drittens: „In der Lebensmittelkontrolle wird aus finanziellen Gründen verstärkt auf Eigenkontrolle der Hersteller gesetzt. Das ist zwar gut, ersetzt aber keine staatlichen Kontrollen. Das Problem gibt es leider in ganz Europa“, sagt Beck. Nachsatz: Betrug werde auch das beste System kaum verhindern können.

Eine verpflichtende Herkunftsbezeichnung gibt es nur für wenige Produkte: Rindfleisch, nicht verarbeitetes Obst und Gemüse, Wein, Olivenöl, Honig oder Fisch. Bei Letzterem muss das Fanggebiet angegeben werden, allerdings nur, wenn es sich um ein nicht verarbeitetes Produkt handelt. Beim Fischfilet muss also draufstehen, wo der Fisch herkommt, bei den Fischstäbchen reicht die Adresse des Verarbeitungsbetriebs.

Bei den Bioprodukten gibt es hingegen für alle Waren eine verpflichtende Herkunftsbezeichnung, allerdings muss lediglich angegeben werden, ob das Produkt aus der EU stammt oder nicht.

Auch in der Biobranche ist man – nicht nur im Zuge des Skandals – damit beschäftigt, wie man den Spagat zwischen Globalisierung und Regionalität schafft. Einerseits muss ein Biobauer, will er davon leben, auf Export seiner Produkte setzen, andererseits verlangen immer mehr Konsumenten regionale Produkte. Genau das war auch Thema bei der unlängst in Nürnberg abgehaltenen Biomesse Biofach. „Das Problem ist, dass es kein allgemeines Verständnis für Regionalität gibt“, meint Ulrich Hamm von der Universität Kassel. Er warnt davor, dass der Bio-Lebensmittelhandel denselben Fehler macht wie der konventionelle Handel, „nämlich alles über den Preis zu argumentieren“.

Auch bei der Fachmesse in Nürnberg war der Ruf nach mehr Transparenz deutlich zu hören. Weitergedacht müsse das bedeuten, dass Bio-Produzenten auch transparent machen, wo das Futtermittel herkommt. „Da scheuen sich aber viele, weil ja dann jeder weiß, dass auch im Biomarkt nicht regionale Futtermittel verwendet werden.“ Vor allem in Deutschland rentiert sich für viele Biobauern die Arbeit mit Lebensmitteln nicht mehr, weshalb viele auf erneuerbare Energie umsteigen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.02.2013)