Gervacio Madja ist Togos erster Langläufer. Der Sofwareentwickler lebt in München und lehnt Exotenklischees ab. Technik und Kondition sind vorerst noch Nebensache.
Lago di tesero. Nur mit allerhöchster Mühe schaffte der stämmig wirkende Athlet den ersten Anstieg. Sein Stockeinsatz wirkte vollkommen verkrampft, der Laufschritt war unkoordiniert. Bei Abfahrten vertraute der auffällige Langläufer der sicheren Schneepflug-Technik, die schmalen Bretter schienen eben nicht seine Welt zu sein. Das war auch nicht weiter verwunderlich: Gervacio Madja kommt aus Togo. Und er ist trotzdem einer der Stars bei der nordischen WM im Val di Fiemme.
Es ist wieder einmal eine dieser für Großereignisse typischen „Exotengeschichten“. Seit den Winterspielen 1994, als der Kenianer Philip Boit im Ziel von Superstar Björn Daehlie empfangen worden ist, tauchen immer wieder Einzelkämpfer aus aller Herren Länder in einem für sie untypischen Metier auf. Beispiele derer gibt es sonder Zahl, doch oft stecken irgendwelche Charity-Stiftungen oder die Industrie dahinter. Sie agieren als Trittbrettfahrer und nützen den medialen Hype, um mit dem Sportler für eigene Projekte zu werben.
Keine Klischees, keine Tricks
Madja ist eine One-Man-Show, Togos erster Wintersportler und will von „Cool Runnings“ oder Werbetricks nichts hören: „Ich will Langläufer werden. Hier bei der WM bestreite ich mein Debüt, und ich will Team Togo auch bei Olympia in Sotschi 2014 anführen. Das muss ein wunderschönes Gefühl sein, dort die Fahne zu tragen.“
Auch erfüllt der Togolese nicht das klassische Klischee, welches ihn direkt aus seiner Heimat in die Kälte des Schnees führen und dort von vielen Emotionen begleitet scheitern lassen muss. Seit fünfzehn Jahren schon lebt Madja, ein Sofwareentwickler für Krankenhäuser, in München. Zusammen mit Freunden tüfelte er vergangenen Dezember an Sport-Ideen, eigentlich wollte er als Fußballer probieren. Bis ihm sein Freund Toni Hiltmair von Sotschi erzählte. Winterspiele, Schnee, das sei genau das Richtige für ihn – sie gründeten daraufhin den Wintersportverband Togo. Aus Afrika kam Zustimmung, es kostet ja nichts.
Jay-Jay bekam trotz anfänglicher Skepsis von seinen Freunden sofort das nötige Equipment geschenkt und mit Barbara Häsch eine Trainerin, die unentgeltlich werkt, zur Seite gestellt. Am 20.Dezember des Vorjahres stand der 27-Jährige erstmals auf Langlaufskiern. „Ich fühlte mich wie ein Idiot, war hilflos“, sagt er im bayrischen Akzent und lacht herzhaft über den Erstversuch knapp vor Weihnachten. „Ich bin so lange, immer wieder auf die Schnauze gefallen. So lange, bis ich es gelernt habe.“ Aller Anfang ist schwer, aber gejammert wird nicht.
Chancenlos, aber stolz
Dennoch, bei der WM wurde schnell deutlich, dass er weiterhin eher stolpert denn läuft. Im Skiathlon wollte er es allen beweisen, doch Madja hatte sich eindeutig verkalkuliert. Nach nur zwei Kilometern gab der von 10.000 Zuschauern frenetisch angefeuerte Togolese erschöpft auf. Ein paar Tränen kullerten über seine Wangen. Er schien zornig, auf sich und seine Chancenlosigkeit. Sein Softwarejob verlangte volle Aufmerksamkeit, trainieren konnte er nur an Wochenenden. Zehn Kilometer, sagt er stolz, „habe ich einmal am Stück geschafft“. Er hätte aber auf einen Rat hören, sich ein echtes Rennen im Fernsehen ansehen sollen. 1:24 Stunden brauchte er für zehn Kilometer. Stars wie Petter Northug oder Dario Cologna laufen diese Distanz unter 30 Minuten und haben dabei nicht einen Tropfen Schweiß vergossen.
Gervacio Madja gibt trotzdem nicht auf. Die Stimmung habe ihm gefallen, die „Unterstützung der Fans war unglaublich“, sagte er, als er die Langlaufskier wie Alpinskier schulterte und aus dem Stadion stapfte. Dabei verteilte er stolz seine ersten Autogrammkarten. „Jay-Jay Cross Country, Togo – Wir sehen uns in Sotschi“. Doch schon am Sonntag werde er wiederkommen, da wartet der Klassiker über 50 Kilometer. Mindestens ein Fünftel will der Togolese schaffen. Das ist sein Ziel. Den Traum, nicht Letzter zu werden, muss er wohl abhaken. Er nimmt es mit Humor: „Nur wenn sich alle anderen die Skier verknoten, hinfallen und nicht weiterlaufen, hätte ich eine ernsthafte Medaillenchance.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.02.2013)