Nur zwei Oscars für Spielbergs „Lincoln“, drei für „Life of Pi“. Zum besten Film gekürt wurde Ben Afflecks Iran-Thriller „Argo“.
Ja, good old Hollywood ist nicht mehr, was es einmal war. Das gilt auch für die Academy of Motion Picture Arts and Sciences: Sie ist kein eingeschworener Verein älterer Amerikaner mehr mit instinktiver Abneigung gegen alles, was nicht hundertprozentig Mainstream ist. Sie ist offener geworden, pluralistischer. Das zeigt sich deutlich in der heurigen Liste der Preisträger, die nur böse Zungen als kompromisslerisch abtun werden.
Natürlich musste „Lincoln“, in zwölf Kategorien nominiert, Oscars bekommen! Wenn Steven Spielberg einen staatstragenden Film über einen Präsidenten macht, auf den sich die Nation einigen kann, und über eine Errungenschaft, auf die sie (heute) stolz ist, nämlich die Abschaffung der Sklaverei, dann kann der nicht leer ausgehen, auch wenn er dramaturgisch (z.B. mit der ungeschickt angefügten Ermordung am Ende) eher schwach ist. Aber es wurden eben nur ein Oscar für das beste Szenenbild und einer für den besten Darsteller: für Daniel Day-Lewis, der es durch heftige und doch subtile Mimik schafft, eine fast ausschließlich gute – also zur Fadesse tendierende – Figur nervös und spannend zu machen.
Ebenso zwei Oscars gehen an Quentin Tarantinos „Django Unchained“, der das Thema Sklaverei auf ganz andere Weise behandelt: drastisch, mit viel Blut, in der Form eines Italowesterns. Hier wurde außer Nebendarsteller Christoph Waltz das Drehbuch (von Tarantino selbst) ausgezeichnet.
Das technische Meisterwerk: „Life of Pi“
Nuanciert und durchdacht wirkt auch die Wahl der Preise für Ang Lees „Life Of Pi“, diesen betont schönen Film mit starkem Hang zur Esoterik, der vor allem ein technisches Meisterwerk ist: Die Preise für beste Regie, beste Kamera und beste visuelle Effekte werden ihm gerecht. Dazu kommt der Oscar für die beste Filmmusik: In diesem Genre scheint Hollywood noch so konservativ wie der von der outrierenden Adele gesungene schwülstige James-Bond-Titelsong „Skyfall“, der zum besten Filmsong gewählt wurde.
Dem gefühlsstarken Musicalfilm „Les Misérables“ wäre früher wohl ein Goldregen an Oscars beschert worden, es wurden nur drei, zwei davon nicht gerade aus den glamourösesten Bereichen: Make-Up respektive Frisuren und Ton. Und für die überwältigende Anne Hathaway, die fast noch am Anfang des Films stirbt, nachdem sie „I dreamed a dream“ gehaucht und geschluchzt hat, als beste Nebendarstellerin.
Jennifer Lawrence, die in „Silver Linings Playbook“ als seelisch beschädigte Witwe auftritt und wie ein Wunderwesen erscheint, bekam den einzigen Oscar für diese romantische Komödie, die „Presse“-Filmkritiker Christoph Huber „Hollywoods Optimismustherapie“ nannte.
Deutlich mehr Selbstironie und Mut zur Ambivalenz zeigt Ben Afflecks Thriller „Argo“, der zum besten Film erklärt wurde. Affleck erzählt darin von einer Geheimdienstoperation im Zuge des Geiseldramas in Teheran 1979: Sechs Angehörige der US-Botschaft konnten durch ein fiktives Filmprojekt aus dem Iran geschleust werden. Das Drehbuch basierte auf einem Artikel aus dem „Wired Magazine“ (2007), fiel daher in die Kategorie „adaptiertes Drehbuch“, in der es auch einen Oscar bekam. Einen dritten Preis an „Argo“ vergab die Academy für den rasanten Schnitt. Auffallend schlecht abgeschnitten hat Kathryn Bigelows „Zero Dark Thirty“ über die Jagd nach Osama bin Laden: nur ein Preis für den Tonschnitt.
Rührend: „Searching For Sugar Man“
Auch eine wahre Geschichte, die ausgesprochen unglaubwürdig klingt, erzählt das zum besten Dokumentarfilm gekürte „Searching For Sugar Man“: ein berührendes Porträt des Singer-Songwriters Rodriguez, der in den USA völlig erfolglos blieb, doch im Südafrika der Apartheid zum geheimnisvollen Star wurde – ohne dass er, inzwischen wieder „nur“ Bauarbeiter in Detroit, das irgendwie mitbekommen hätte. Wer will, kann das als Metapher für einen Vorsatz der Academy interpretieren: Wir wollen vermehrt mitbekommen, was sich außerhalb der Traumfabrik abspielt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.02.2013)