Das Wettrüsten im Langlauf: Luxusliner statt Container

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Norwegens Langläufer strahlen dank ihrer Serviceleute, die in ihrem eigenen Lkw werken. Österreichs Trainer müssen auch „wachseln“.

Lago di tesero. Die nordische WM im Val di Fiemme gleicht norwegischen internationalen Meisterschaften. Die Skandinavier dominieren nicht nur auf Loipen, Tribünen oder Schanzen, sie sind unwidersprochen das Zielpublikum in Cavalese. Ihre Trinkfreudigkeit beschert dem „Norske Hus“ auf dem Hauptplatz täglich Umsatzrekorde, 5000 Norweger sollen in diesem beschaulichen Ort und im nahen Castello während der WM ihr Quartier bezogen haben. Es gibt kaum ein Lokal, in dem nicht ihre Landesflagge „ausgesteckt“ worden ist, um das Après-Ski-Geschäft gesondert anzukurbeln.

Doch das wahre WM-Business findet in Luxuslinern statt. Ein 40Tonnen schwerer Sattelschlepper parkt, ähnlich einem Motorhome in der Formel 1, in Lago di Tesero hinter dem Zielareal. Neben ihm thronen noch weitere, aber weitaus kleinere als das Flaggschiff der Norweger. In diesem Lkw-Fuhrpark wird nicht hofiert und getrunken, er ist Sperrgebiet. Hier wird geschliffen, gewachst, geschwitzt und getestet.

Prunk um vier Millionen Euro

Dieses Wettrüsten ist nicht dem Verlangen nach Glanz oder Glamour geschuldet, es dient einzig und allein dem Wachs und der Suche nach dem richtigen Schliff. Seit 2011 setzen die Skandinavier auf ihr rollendes Wachs-Imperium. Das Schweizer Gegenmodell soll eine Million Franken (820.000Euro) gekostet haben und 90 Quadratmeter Platz bieten, erzählt ein Eidgenosse stolz. Dort wurde Dario Colognas Goldski für den Skiathlon präpariert. Fünf Minuten vor Start soll erst der richtige von 700 möglichen Schliffen gefunden worden sein.

Einer der ansonst extrem verschwiegenen norwegischen Serviceleute kann über diese Zahlen nur lachen. Ihr Gefährt umfasst zwei Stockwerke, ist 110 Quadratmeter groß und in dieser Ausstattung für vier Millionen Euro erhältlich. Ein Schnäppchen, dafür spare sich der Skiverband ja viele Übernachtungskosten – es gibt auch Schlafräume, Küche, Bad, etc.

Das Investment ist zudem gesundheitsfördernd. Das lästige Be- und Entladen entfällt, 380 Paar Ski bleiben immer an ihrem fixen Platz. Und giftige Dämpfe, die beim Wachsen entstehen, werden abgesaugt. Dass Wachsler mittlerweile einen Lkw-Führerschein besitzen, versteht sich von selbst.

Es liegen Welten im nordischen Sport zwischen Norwegen und allen anderen Nationen. Dank gepflegter Sportkultur, umfassender Trainingslehre, profunder Trainerausbildung, Tipps der Wissenschaft und einer Unzahl an Sponsoren ist die stets pünktliche Hochform bei Großereignissen erklärbar. Durch den Vorteil im Wachs- und Skibereich wird es aber erst so richtig verständlich.

Die ob dieser Infrastruktur gewonnene Zeit wird reinvestiert in allumfassende Skitests. Computeranalysen und Schleifmaschinen, welche die täglich variierende Struktur des Schnees – etwa Kälte, Nässe und Saugeffekt –, in den Skibelag fräsen, sorgen für den Rest.

Dass Langlaufstars wie Therese Johaug oder Marit Björgen, die über 10 Kilometer Skating Gold und Silber gewannen, von Ausrüstern auch bessere Skier bekommen als etwa Österreichs Kombinierer, ist weiter kaum verwunderlich.

Der kleine, feine Langlauf-Laden

Als Österreicher muss man nur in einem Punkt nachdenklich werden. Der Kontrast mutet extrem an: Die Cheftrainer Alexander Marent und Gerald Heigl sind zugleich auch als Wachsler im Einsatz. Das ist eine einzigartige Personalsituation. „Zwei weitere Serviceleute“, sagt Sportdirektor Markus Gandler, „arbeiten rein mit den Skiern – wir haben alles in allem fünf Mann, die sich um das Material kümmern.“ Kein Lkw, kein Transporter, allen bleibt nur der gewohnte Gang in den Container. „Norwegen spielt in einer anderen Liga“, fügt Gandler hinzu.

Sein „Langlauf-Laden“ sei eben klein, aber fein. Das zeigen der siebente WM-Platz der Sprinter Tritscher/Wurm, Platz 18 im Skiathlon durch Katerina Smutna, Platz 26 von Teresa Stadlober über 10 Kilometer Skating oder der erste WM-Start einer Damenstaffel seit 1989. Schenkt man Funktionärsaussagen zu fortgeschrittener Stunde bei Medaillenfeiern Glauben, ist ein Ende der Klammheit absehbar. Der Skiverband soll von Eindrücken und Ergebnissen begeistert sein und mehr Mittel in Aussicht stellen. Für einen Luxusschlitten wird es nicht reichen, das ist in Wahrheit ganz in Gandlers Sinn. Das Lkw-Fahrverbot an Wochenenden gilt auch für Sportler...

Auf einen Blick

Die Norwegerin Therese Johaug gewann Gold über 10 Kilometer in der freien Technik in 25:32,4 Minuten vor Marit Björgen (NOR; +10,2Sek.) und Julia Tschekalewa (Rus; +32,7). Teresa Stadlober (AUT) wurde 26. (+1:37,4 Minuten).
Auch Norwegens Serviceleute
stehen in der Auslage. Allein ihr Luxus-Lkw, in dem alle Skier geschliffen und gewachst werden, kostet vier Millionen Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.02.2013)

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