Die „Süddeutsche Zeitung“ moniert, dass Österreich zu wenig über die Oscars für Haneke und Waltz triumphiere: Es „fremdele“.
Nein, wir sind nicht paranoid, aber wir werden beobachtet. Etwa von der „Süddeutschen Zeitung“. „Man kann wirklich nicht behaupten, dass Österreich triumphieren würde“, konstatierte sie am Dienstag zum Thema Oscar-Verleihung: „Da hätte sich ,Bild‘, wenn gleich zwei Preise in Hollywood an Deutsche gegangen wären, aber mehr ins Zeug gelegt. Unter ,Wir sind Oscar‘ wäre da wohl nichts gegangen.“
Nun ja. Man kann einer Feuilletonistin der „Süddeutschen“ nicht vorwerfen, dass sie am Sonntag, an dem ja Montagszeitungen meist geschrieben werden, das „Österreich“ vom Montag nicht vor sich hatte, dessen Schlagzeile „Wir sind Oscar“ war. Allerdings stand schon in der Sonntagsausgabe des Blattes, das wie unser Land heißt, nicht zu klein: „Das Event des Jahres: Heute sind wir Oscar.“ Aber, wie Physiker und Journalisten gern sagen: Wir werden uns die schöne Theorie doch nicht durch schnöde Beobachtung kaputtmachen lassen! Diesfalls war die Österreich-Theorie der Süddeutschen: „Es scheint, als fremdele die Nation mit ihren zwei Ikonen, die vor allem in der Fremde zu Ruhm und Ehre gekommen sind.“ Die österreichische Nation ziehe nämlich „halbseidene Helden“ wie Richard Lugner oder Felix Baumgartner dem „kosmopolitischen Überflieger“ Waltz und dem „gestrengen, düsteren Intellektuellen“ Haneke vor.
Ja, so sind wir halt, wir mögen's nicht so streng und schon gar nicht gestreng. Nein, wir werden jetzt nicht Seiten zählen. Man muss da vorsichtig sein. Wir wollen keine schlafenden Hunde wecken, und schon gar nicht die Schreiber von „Österreich“. Die warnten schon am Samstag: „Piefke klauen unsere Oscar-Stars“.
Wie das? Nun, das deutsche Pendant, die „Bild“-Zeitung, hatte – ebenfalls mit nicht ganz kleinen Lettern – Waltz und Haneke als „unsere Oscar-Hoffnungen“ bezeichnet. Worauf „Österreich“ empört Waltz zitierte: „Ich bin in Wien geboren, ich bin in Wien aufgewachsen – wie österreichisch wollen Sie es denn noch haben?“ Von Haneke sind so klare Worte offenbar nicht im Archiv, da muss man Indizien anführen: „Er spricht Wienerisch.“
Ja, das stimmt. Zum Beispiel verwendet Michael Haneke – man muss es sagen, bevor auch noch die Franzosen daherkommen! – altwienerische Wörter wie „Melange“, „Trottoir“ und „Amour“. Dass er „lecker“, „schnieke“ oder „Quarktasche“ sagt, kann man sich dagegen kaum vorstellen. Dafür trug sein vorletzter Film, „Das weiße Band“, nicht nur den unösterreichischen Untertitel „Eine deutsche Kindergeschichte“, sondern spielte auch mitten in Preußen (um nicht Piefkistan zu sagen), noch dazu in einem protestantischen Pastorenhaus.
Man kann sich eben auf nichts verlassen: Österreich fremdelt, (Süd-)Deutschland fremdelt, die Welt fremdelt, Haneke fremdelt, Waltz fremdelt, alle fremdeln. Schönes Wort eigentlich.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.02.2013)