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Jörg Krämer: "Es droht ein schwächerer Euro"

Jörg Krämer(c) Clemens Fabry
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Jörg Krämer, Chefökonom der Commerzbank, befürchtet, dass der politische Druck aus der Eurozone eine italienische Währungsunion macht.

Die Presse: Nach der Italien-Wahl ist Europa in heller Aufregung, der Euro schwächelt. Hat die Politik am Ende längst das viel beschworene „Primat über die Märkte“ inne?

Jörg Krämer: Die Märkte reagieren auf die Politik, ganz klar. Im Falle Italiens auf ein Wahlergebnis, das zwar viele Anleger befürchtet, aber dann doch nicht erwartet haben. Eine Pattsituation. Umgekehrt haben die Märkte die Politik in Italien leider wenig beeinflusst. Es wäre besser gewesen, die Sorgen der Anleger wären mehr ins Bewusstsein der italienischen Wähler gekommen.

 

Glauben Sie denn, dass die Wähler in Deutschland am Wahltag die „Sorgen der Anleger“ im Kopf haben?

Die Anleger sorgen sich ja um die tief greifenden wirtschaftlichen Probleme Italiens, die auch die Wähler etwas angehen sollten. Im Interesse des Landes.

 

Erwarten Sie negative Effekte für Europa, ein Wiederaufflammen der sogenannten Eurokrise?

Da muss ich mit Ja und Nein antworten. Kurzfristig ist die Krise wieder da. Der Euro ist deutlich gesunken, die Aufschläge für südeuropäische Staatsanleihen sind gestiegen, aber ich glaube nicht, dass die Staatsschuldenkrise eskaliert. Anders als 2011 steht die EZB bereit, Anleihen der Peripherieländer aufzukaufen. Anleger wenden sich ungern gegen eine Zentralbank, die die Mittel für den Kauf von Staatsanleihen ja unbegrenzt selbst herstellen kann.

 

Auf den ersten Blick ist das paradox. Sie kritisieren ja, dass die EZB Staatsanleihen kauft.

Ja.

 

Andererseits gestehen Sie ein, dass die EZB so die Krise entschärft hat.

Korrekt. Ich hab das sogar prognostiziert. Es sieht so aus, dass die EZB mit dem Inaussichtstellen von Anleihenkäufen die Währungsunion stabilisiert und die Krise abebben lässt. Ich habe diese Entscheidung trotzdem kritisiert, weil es zwei Alternativen gegeben hätte, die wesentlich besser wären. Die erste ist die asiatische Alternative. Dass also die Peripherieländer ihre wirtschaftlichen Probleme primär selbst lösen, wie die Tigerstaaten nach der Asienkrise 1997. Die haben nach einer harten Anpassung Überschüsse und sind heute ein Hort der Stabilität. Das wäre die beste Lösung gewesen – aber das wollte man nicht. Die zweitbeste Lösung wäre gewesen, dass die Regierungen den Rettungsfonds ESM ausreichend munitionieren. Damit im Fall der Fälle auch Italien gestützt werden könnte. Momentan ist er dafür eindeutig zu klein. Jetzt sind wir aber bei der Lösung drei: Die EZB macht das. Dabei war die EZB bis 2010 perfekt abgeschirmt. Aber durch die Entscheidung, Staatsanleihen zu kaufen, hat sie sich freiwillig an den Tisch gesetzt. Und dadurch tauchte für die Politik die Option auf, die Krise nicht mehr selbst lösen zu müssen. Aber das halte ich von allen Möglichkeiten für die schlechteste Lösung.

 

Aber warum hat sich die EZB überhaupt an den Tisch gesetzt?

Das werden Sie in den Geschichtsbüchern nachlesen müssen. Heute kann man darüber nur spekulieren. Jedenfalls halten sich die Politiker inzwischen merklich zurück mit Reformen, weil sie sich denken: Die EZB ist da, die macht das schon.

 

Glauben Sie, dass die Langzeitkredite für die Banken von der EZB eine indirekte Form der Staatsfinanzierung durch die Notenpresse darstellen?

Selbstverständlich. Das hat Frankreichs Ex-Präsident Nicolas Sarkozy sogar bestätigt, als er sagte, die Banken hätten jetzt keine Entschuligung mehr, nicht Staatsanleihen zu kaufen. An den Märkten haben sie das „Sarkozy-Trade“ genannt. Ja, das war eine indirekte Form der Staatsfinanzierung.

 

Aber es gibt ja noch keine direkte Form. Fast täglich fordert ein französischer Politiker derzeit frisches Geld von der EZB – und da schwingt fast ein bisschen Verzweiflung mit.

Ja, es ist eine Zwischenform. Schauen Sie sich den Irland-Deal an oder auch was in Griechenland teilweise geschehen ist. Ökonomisch gesehen ist das schon Staatsfinanzierung durch die Notenpresse.

 

Aber trotz allem hat nicht der Kauf von Staatsanleihen die Krise beruhigt, sondern lediglich die Ankündigung. Das ist doch ein haarscharfer, aber bedeutender Unterschied, oder?

Ja, ein sehr bedeutender Unterschied. Nur die Ankündigung hat ausgereicht. Das hat mich selbst auch überrascht. Aber erstens stellt sich keiner gern gegen die Zentralbank, und zweitens sind nicht alle Anleger deutsche Volkswirte. Angelsachsen und Asiaten finden die Staatsfinanzierung durch die Notenpresse gut und richtig.

 

Wie lange kann das funktionieren?

Das kann nicht ewig funktionieren – aber durchaus fünf Jahre oder eventuell sogar länger. Das Risiko ist, dass es zu einer Überhitzung kommt – zum Beispiel in Deutschland. Das kann passieren, muss aber nicht.

Als Volkswirt neigt man dazu, den raschen Untergang für etwas vorherzusagen, das man nicht mag. Aber das ist ein Irrtum. Ich glaube, dass eine Zentralbank ineffiziente Strukturen lange übertünchen kann. Aber das hat auch einen hohen Preis. Das nimmt den Reformdruck von den Krisenstaaten, und langfristig bekommen wir mehr Inflation und einen schwächeren Euro. Der Euroraum wird schrittweise Ähnlichkeiten mit dem Italien der 1970er- und 1980er-Jahre entwickeln – einer italienischen Währungsunion.

Zur Person

Jörg Krämer, Jahrgang 1966, ist Chefvolkswirt der Commerzbank. Er hat 2006 bei der zweitgrößten Bank Deutschlands angefangen. Krämer studierte in Bonn und Münster und forschte am Kieler Institut für Weltwirtschaft. Danach arbeitete er für Merrill Lynch Capital Markets, Invesco Asset Management Deutschland sowie die Bayerische Hypo- und Vereinsbank. Die Commerzbank betreut in Österreich rund 700 Firmenkunden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.02.2013)