Das Designerduo Raw Edges lässt Bücher herumhängen statt -stehen. Und macht sie selbst zum Material.
Manche dachten schon, die schönen Buchstaben, schwarz auf weiß gedruckt, würden verschwinden. Das Papier, ihre eigentliche Heimat, für immer verlassen. Und seelenlos wiederkehren. Gepixelt auf irgendeinem beliebigen Screen. Schon die Bibliotheken werden heute digitalisiert. Die Bücher haben trotzdem ihren Platz. Auch im Design. Auf Regalen etwa, die plötzlich selbst zum Großteil aus Büchern bestehen. Das Designstudio Raw Edges, ein israelisches Designerpaar, das sich in London angesiedelt hat, zeigt, wie Bücher selbst zum Material werden. Vor allem jene, die man schon ausgelesen hat.
„Wir wollten ursprünglich eine Aufbewahrung für Bücher machen, die aus möglichst wenig Material besteht“, erklärt Shay Alkalay. Und da kam ihm und seiner Partnerin Yael Mer die Idee: Man lässt einfach die Bücher selbst das Material sein. Zum großen Teil zumindest. „Man hat manchmal so viele Romane zu Hause, die man nur einmal liest“, sagt Alkalay. Dann stehen sie in den Regalen herum, verbringen ein paar Momente ihrer Lebenszeit in Umzugskartons, bis sie wiederum in neuen Regalen auf Zeiten warten, die nie wiederkommen. „Warum nützen wir diese Romane nicht als Oberfläche?“, dachte sich Alkalay. Und das „Booken“-Regal, das Raw Edges für den italienischen Hersteller Lema entworfen haben, macht genau das. Ein Bücherregal aus Büchern quasi. Und ohne sie, die Buchrücken, das Papier, wäre das Objekt nicht fertig. „Es würde auch irgendwie traurig aussehen“, meint Alkalay. In die schmalen Holzplättchen, die zwischen zwei Holzleisten aufgefädelt sind, hängt man die Bücher ein. Das funktioniert auch als Lesezeichen.
Ausdrucksstark. Das „Booken“ werde es auch als Wandregal geben, erzählt Alkalay. „Dann ist es nicht viel mehr als ein Rahmen. Das minimiert das Material.“ Das Objekt muss also erst aufgefüllt werden mit den Büchern, die man gerade liest. Oder jenen, die man vielleicht für immer zugeschlagen hat. Der Designer selbst mag Bücher. Verrückt nach ihnen sei er aber nicht, wie er sagt. Zumindest nicht nach den Buchstaben, Worten und Texten. Er denkt in Bildern. Erklärt mit Skizzen und Zeichnungen. „Man sagt ja, die Hälfte der Kunst- und Designstudenten habe eine Leseschwäche“, scherzt Alkalay. Abwegig sei das nicht, meint er: „Schon als Kind empfand ich es viel einfacher zu zeichnen als Bücher zu lesen.“
Texte wirken auf ihn, doch zumeist ihre Ausdrucksseite – der Schrifttyp. Diese Formen springen ihn an. Nicht die Bedeutungen dahinter. „Doch in diesem Stück ‚Booken‘ sind Bücher zweifellos essenziell. Aber am Ende des Tages fungieren sie einfach als Material.“ Als Oberfläche, die auch ein kleines, zaghaftes Statement abgeben darf: „Wir stehen ja an einem Punkt, an dem man nicht genau weiß, was mit den Büchern in Zukunft passieren wird.“ Die Bücher, wie viele Dinge, lösen sich auf, dematerialisieren, zerstäuben zu Wolken digitaler Codes.
Weniger Dinge – das kann auch befreien. Man merkt, wie wenig man braucht, wenn man nicht alles ständig um sich hat. Als Alkalay mit Yael Mer für zehn Monate nach Stuttgart zog, ließen sie die meisten Dinge in London zurück. Gelagert in dunklen Kellerabteilen. „Wir hatten plötzlich das Gefühl, als würden wir von dem Zeug, das wir zu Hause gelassen haben, überhaupt nichts mehr brauchen“, sagt Alkalay. Je älter er werde, desto weniger benötige er. Dabei wollen Designer und Hersteller im Grunde das Gegenteil erreichen: Dinge produzieren, die man glaubt, ein Leben lang zu brauchen. Allein aus emotionalen Gründen. Dinge ohne materielles oder ästhetisches Ablaufdatum. Und Objekte, auf die man nicht unbedingt mit einem vernünftigen Nicken reagiert. Sondern auch einmal mit einem Lächeln, wie Alkalay meint. „Booken“ könnte so ein Objekt sein, dadurch auch durchaus neue Zielgruppen für den Hersteller Lema erschließen.
Das Objekt „Buch“ an sich neu zu gestalten – auch das wäre eine „interessante Designaufgabe“, meint Alkalay. Schon im selben Moment fällt ihm ein, wie er es angehen würde: „Ich würde das Buch vielleicht wieder als Schriftrolle gestalten. Wie früher.“ Das Scrollen ist längst in die digitale Welt übersiedelt. Abseits der Bildschirme scrollt kaum jemand mehr, der lesen will. „Das Scrollen geht zurück auf uralte Zeiten des Lesens. Und heute versucht man auf dem iPad wieder Bücher zu faken und das reale Umblättern zu simulieren“, sagt Alkalay. Die Verbindung zur realen Welt des Papiers trauen sich die Technologie-Unternehmen dann doch nicht zu kappen. Wenn man etwas in den Papierkorb wirft, rein virtuell, raschelt’s auf dem Computer, als würde man tatsächlich einen Zettel zusammenknüllen.
Rückzugsort. Shay Alkalay und Yael Mer kommen aus Tel Aviv, Design studierten sie am Royal College of Art in London. Seitdem haben sie unter anderem auch für Hersteller wie Cappellini, Established & Sons, Arco, Kvadrat und Mutina gearbeitet. Im letzten Jahr hatten sich Raw Edges in das Schloss Solitude in Stuttgart zurückgezogen, in eine der dortigen Künstlerresidenzen.
„Ein fantastischer Platz, um auch andere kreative Menschen zu treffen“, sagt Alkalay. Seit den Tagen an der Uni in London bewegt er sich in der „Designblase“ der Stadt. Designer treffen Designer. Und treffen Designer.
Man könnte sich bequem in dieser Blase eine Designerkarriere lang treiben lassen. Doch über neue Perspektiven, Ideen und Innovationen stolpert man eher, wenn man die Blase platzen lässt. Und anderen begegnet, an anderen Orten. Wie in Stuttgart im Schloss etwa, in dem man sich noch beim Musiker im Stock darüber Inspiration holt, wenn das eigene Projekt ins Stocken kommt. „Die Schreiber und Musiker sind wirklich inspirierend“, sagt Alkalay. Vor allem auch: Sie brauchen kein Material für ihren kreativen Prozess. Außer vielleicht Papier und Bleistift. „Und wir Designer, wir arbeiten fast ausschließlich mit Material.“ Auch wenn sie versuchen, mit möglichst wenig davon auszukommen. Wie beim „Booken“.