„Niederlagen sind Teil des Sports“, sagt Skisprungtrainer Alexander Pointner, das Warten auf Gold offenbart aber gehörige Selbstzweifel. Teambewerb ist die letzte Chance.
Predazzo. Es war ein seltenes Bild, das sich den Besuchern da in einer Pizzeria in Predazzo bot, die anlässlich der nordischen WM an ausgewählten Tagen als „Österreich-Haus“ ihre Pforten öffnet. Nicht die erfolgsverwöhnten Skispringer wurden gefeiert, sie saßen auch weit voneinander getrennt auf eigenen Tischen oder kamen wie Gregor Schlierenzauer überhaupt erst viel zu spät. Die große Bühne gehörte dem Kombinierer Bernhard Gruber. Dem Silbermedaillengewinner wurde die nicht alltägliche Ehre zuteil, den Anstich des Bierfasses vorzunehmen.
Trotz des unendlichen Vorrats an Gerstensaft und endloser Beschwichtigungen diverser Funktionäre wollte aber keine rechte Stimmung aufkommen. Die Tatsache, dass auch im Springen von der Großschanze der Sieg ein frommer Wunsch geblieben war, sorgte für Irritation. Erstmals seit der WM 2007 in Sapporo trug kein Österreicher Einzelgold um den Hals. Sogar Rekordweltcupsieger Schlierenzauer, der nach einer durchwachsenen Saison als einziger Siegspringer im Adlerhorst galt, musste sich als Achter geschlagen geben. Verärgert, von Fotografen genervt und vom Erlebten gezeichnet, winkte er schnell ab. „Ich bin keine Maschine. Ich bin auch nur ein Mensch.“
Beleidigt, ein falsches Lachen
Sein Höhenflug, fünf ÖSV-Tourneesiege in Folge sowie unzählige WM- und Olympiamedaillen, hat die Erwartungen seit den Winterspielen 2006 nicht nur bei Medien und Fans anwachsen lassen, sondern auch im Team selbst. Niederlagen waren bis vor Saisonbeginn nur ein sporadisches Phänomen für diese Springergeneration.
Nun aber sind sie omnipräsent, die Rückschläge, private Probleme und Formkrisen, die Zweifel mitsamt allem Ärger über neue, zu enge Anzüge, die entbehrliche Wind- und Anlaufregel und dem damit erklärten Auftrieb der Konkurrenten. Diese Serie dauert auch bei der WM an. Vom Rätselraten der Springer – trotz zweier Silbermedaillen – und dem viferen Umgang mit Rückenwind profitieren andere, etwa Kamil Stoch. Der Pole gewann erstmals Gold.
„Niederlagen sind Teil des Sports“, sagt Cheftrainer Alexander Pointner gequält. Mit ihnen umzugehen ist aber ein diffiziler Lernprozess. Er formt den Charakter, darin wurzelt die wahre Stärke der Mannschaft, sagt der Familienvater. Der Anblick in Predazzo bot ein anderes Bild: Wie ein kleines Kind beleidigt im Eck zu sitzen oder nach dem Aus wie Andreas Kofler „mit einem Lächeln im Gesicht“ abzureisen, zeigt, dass auf Pointner sehr viel Arbeit wartet. Aus diesem Blickwinkel wird der von Beobachtern oft hinterfragte, weil im Skisprungweltcup einzigartige Einsatz diverser Mentaltrainer, Psychologen und Priester für jedermann nachvollziehbar...
Pointner weiß, dass diese Saison nicht optimal verläuft. Auch ist es für ihn nur ein schwacher Trost, dass Österreich (1108,6) mit 0,1 Punkten Vorsprung Gold vor Deutschland (1108,5) gewonnen hätte, wäre das Einzel ein Teambewerb gewesen. Es bleibt ein Konjunktiv: In dieser Weltcupsaison haben seine Adler keinen der bislang vier Teambewerbe gewonnen.
Seit 2003 unbesiegt
Nur der Blick auf eine andere Statistik ließ ihn schmunzeln: Bei der WM 2003 im Fleimstal wurde Österreich Fünfter, hat seitdem aber ausnahmslos alle Teamspringen im Rahmen einer nordischen WM oder bei Winterspielen gewonnen. Darum ist Pointner vor dem heutigen Teambewerb (16.30 Uhr, ORF1) zuversichtlich. Er schickt Fettner, Loitzl, Morgenstern und Schlierenzauer in die Anlaufspur, „und sie wissen mit dieser Situation umzugehen“. Mit der Möglichkeit, zwei Jahre nach Oslo und dem Gewinn aller vier WM-Bewerbe sieglos die Heimreise antreten zu müssen, beschäftigte sich der erfolgreichste ÖSV-Cheftrainer der Geschichte (noch) nicht.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.03.2013)