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Der Janker fürden Bankert

Verschlagen, hinterfotzig: Harald Darers Romandebüt Der Herr Norbert hat vom Gericht die Auflage bekommen, eine Therapie zu machen, und der junge steirische Autor Harald Darer erzählt uns, was der Herr Norbert in den Therapiestunden seinem Hund erzählt, denn einmal kommt auch der Therapeut zu Wort und schlägt dem Herrn Norbert vor, in seiner Gegenwart mit dem Hund zu reden, wenn er sich da leichter tue.

Der Herr Norbert hat vom Gericht die Auflage bekommen, eine Therapie zu machen, und der junge steirische Autor Harald Darer erzählt uns, was der Herr Norbert in den Therapiestunden seinem Hund erzählt, denn einmal kommt auch der Therapeut zu Wort und schlägt dem Herrn Norbert vor, in seiner Gegenwart mit dem Hund zu reden, wenn er sich da leichter tue. Nun ist die Therapiesitzung zumindest seit „Portnoys Beschwerden“ von Philip Roth und den Filmen von Woody Allen kein besonders neues oder originelles Sujet, aber Jan Philipp Reemtsma hat schon vor Jahren darauf hingewiesen, dass, wer Herz mit einer neuen Facette auf Schmerz zu reimen verstünde, ein Genie wäre.

In diesem Sinn darf man Harald Darer seit Erscheinen seines Debütromans „Wer mit Hunden schläft“ mit Fug und Recht ein Genie nennen. Erstens, weil er Innerhofersche Sozialkritik mit Schalkoschem Witz, Kindheitselend mit Erwachsenenschrulligkeit und bäuerliche Verschlagenheit mit beamteter Hinterfotzigkeit in nie da gewesener Weise zusammenbringt, und zweitens, weil er das in einem ebenso überraschenden wie furiosen Sprachrausch tut. „So ist auch der Norbert an diesem für ihn bedeutungsvollen, ja schicksalsträchtigen Tag, wie solche Ereignisse genannt werden, nicht in einem roten, sondern traditionellerweise in einem hellblauen Walkjanker auf dem Bahnsteig in Pichlberg gestanden und hat sich, auf den Regionalzug nach Mürzzuschlag wartend, viel mehr über das Tragen des hellblauen Walkjankers als über die Tatsache, von seiner Mutter weggegeben worden zu sein, aufgeregt.“ Sätze wie dieser geben zwar schon beim ersten Lesen ihren Inhalt preis, bescheren aber beim zweiten oder dritten Mal, wenn die Verschraubungen von Ironie und Ernsthaftigkeit deutlicher hervortreten, noch größeres Vergnügen.

 

Ein Hund namens Kreisky

Der Norbert ist als Bankert einer Bauerndirn ins Heim gesteckt und später Straßenbahnfahrer bei den Wiener Linien geworden, von denen er allerdings wegen eines bizarren Zwischenfalls suspendiert ist. Nur deshalb hat er genügend Zeit, seinem Hund Kreisky beim Frühstück im Kaffeehaus oder in der therapeutischen Praxis zu erzählen, wie alles gekommen ist.

Der Herr Norbert ist ein Deppenmagnet, und vermutlich werden sich gar nicht so wenige Leserinnen und Leser in so einem Deppenmagneten wiedererkennen. Bei der ausführlichen Beschreibung einer Abtreibung mit Buttermesser, Häkelnadel und Kinderlöffel ist der Wiedererkennungseffekt unwahrscheinlicher.Der tritt erst wieder ein, wenn sich der Leitenbauer und der Pfarrer, der die einschlägige Adresse vermittelt hat, sagen, dass schließlich niemand zu nichts gezwungen worden ist.

An Harald Darers Sprache wirkt nichtsaufgesetzt, sondern im Gegenteil alles ausgesetzt. Die Sprache, eigenwillig und unverwechselbar, setzt sich und damit die Protagonisten und den Verfasser des Romans dem unverstellten Blick des Lesers aus. Ihre Ästhetik liegt in der beharrlichen Weigerung, irgendetwas ästhetisch glattzuschmirgeln. ■





Harald Darer
Wer mit Hunden schläft

Roman. 218S., geb., €19,90 (Picus Verlag, Wien)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.03.2013)