Für den 40-jährigen Noriaki Kasai scheint die Zeit stillzustehen. Der japanische »Flugsaurier« springt seit 1989 im Weltcup, an das Karriereende denkt er noch lang nicht. Im Gegenteil: »Ich will noch zehn Jahre weiterspringen.«
Manchmal zwickt es so richtig im Kreuz. Auch gerade jetzt, nach dem Springen von der Großschanze bei der WM im Val di Fiemme, machen ihm seine Wirbel wieder gehörig zu schaffen. Auch greift er sich auf das oft lädierte Knie. Doch die Freude an seinem Sport, das Dabeisein im Weltcup und hier bei der WM überwiegen alle Schmerzen. Er liebt einfach die Atmosphäre an den Schanzen. Deshalb kann Noriaki Kasai einfach nicht aufhören. Mit einem verschmitzten Grinsen schultert der Japaner seine Sprungskier, stapft zurück zum Lift und überholt flugs einen jungen Vorspringer. Dem mittlerweile 40-jährigen Kasai kann es weiterhin nicht schnell und weit genug gehen.
Kasai gilt als „Flugsaurier“, seit dem 3.Dezember 1989 hebt er schon im Skisprungweltcup ab. Er ist der Doyen der Schanzen, hat Stars und Sternchen flattern und wieder fliegen sehen. Er hat alle Regeländerungen erlebt und überstanden, er ist natürlich noch im Parallelstil gesprungen und hat auch im V-Stil brilliert. Selbst wenn er dafür einen äußerst waghalsigen Stil an den Tag legen musste. Bei der Einführung presste er noch mit extremer Vorlage seinen Kopf während des Fluges zwischen die Skier...
Große Sportler, Rockstars, Tenöre oder Politiker neigen oftmals dazu, den Augenblick zu übersehen, an dem sie ihre Karriere eigentlich besser beenden sollten. Sie verspielen ihren Mythos und machen sich – zum Beispiel ob etwaiger Schrulligkeit – zum Gespött jüngerer Generationen. Bei Noriaki Kasai ist das sicher nicht der Fall. Er wird verehrt, seine Technik stimmt – und passt eines Tages das Windglück, landet er auch mit Sicherheit wieder auf dem Podest.
Wehmut, niemals Zorn. 21 Jahre nach seinem größten Erfolg, dem Gewinn der Skiflug-WM in Harrachov, lächelt der Japaner immer noch, auch hier bei der nordischen WM, obwohl er Gold im Mixed-Bewerb nur von der Tribüne aus verfolgen durfte. Wehmut gestand der Japaner, der 15 Weltcupsiege, Olympia-Silber, zwei WM-Silberne und 2003 hier in Predazzo zweimal Bronze zu Buche stehen hat, ein. Zorn verspüre der Veteran aus Shimokawa, einer Stadt nahe Sapporo in Japans nördlichster Präfektur Hokkaido, aber keineswegs. Das schickt sich doch nicht für einen Japaner. Und: Dafür sei er doch wirklich lang genug dabei, erklärte er einem Servicemann, der ihm als Dolmetscher zur Seite stand, sollte er nicht die richtigen Wörter finden. Kasai: „Mir fehlen noch WM- und Olympia-Gold, ich kann also gar nicht aufhören. Das Mixed wäre eine große Chance gewesen, aber ich war nicht dabei.“
Vielleicht aber habe das erneute Verpassen des großen Zieles auch etwas Gutes. So habe er eben weiterhin eine vorgegebene Flugroute. Die Pension kann, nein, muss warten. Denn auch im Einzel von der Großschanze klappte es nicht. Kasai wurde 22.
Sein eigener Chef. Im Skisprungweltcup sieht Noriaki Kasai weiterhin seinen Arbeitsplatz. Dafür wird er schließlich auch bezahlt, wie alle anderen japanischen Sportler ist auch er Mitglied eines Firmenklubs. Er springt für Tschuiya Home, die Sportabteilung eines Wohnungsbau-Unternehmens. Jobangst kennt er nicht, sie ist unberechtigt: Kasai ist zugleich der Sportdirektor der Firma und wird sich selbst nicht rausschmeißen. Auch sind ihm Geldsorgen fremd, Kasai ist weiterhin eine Werbefigur. Und wenn er kommende Saison seine 23. Vierschanzentournee bestreiten wird, dürfte ihm wieder sein breites Grinsen entkommen. Die Skispringer sind auch seine Familie, die richtige Frau fürs Leben hat er noch nicht gefunden.
„Ich will noch zehn Jahre springen“, deutet Kasai mit beiden Händen, und obgleich es nahezu unmöglich erscheint, dass ein Fünfzigjähriger neben einem Teenager abspringt, ist man kurzerhand durchaus geneigt, ihm zu glauben. Er gehört eben zum Team Japan dazu. Bei den Winterspielen in Sotschi 2014 ist er definitiv dabei. „Der alte Hund springt noch immer“, sagt etwa Andreas Goldberger, 40, der selbst noch gegen den Japaner gesprungen ist und sich mit ihm spannende Wettkämpfe geliefert hat. „Ihm gebührt Respekt.“ Dass Kasai seit Februar 2004 sieglos ist und trotzdem noch nicht aufgegeben hat, kann Goldberger gut nachvollziehen. Aber irgendwann komme der Moment des finalen Absprunges. Und auf ihn hat Noriaki Kasai lang genug hingearbeitet.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.03.2013)