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Das große Kettensägenmassaker mit Nestroy

grosse Kettensaegenmassaker Nestroy
(c) APA/ROLAND SCHLAGER (ROLAND SCHLAGER)
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David Bösch befreit den „Talisman“ von Biedermeierlichkeit. Allerdings begräbt er die Satire unter einer Gagflut und stellt überdrehte Kunstfiguren statt Menschen auf die Bühne, allen voran Johannes Krisch als Titus.

Janis Joplin ist wiederauferstanden. Sie putzt ihre Stiefel am Vorhang ab, singt rau und trinkt Bier aus der Flasche. Im Akademietheater ist seit Samstag Nestroys „Talisman“ in der Regie von David Bösch zu erleben – in des Wortes voller Bedeutung. Die Idee, die Gänsehüterin Salome (entzückend: Sarah Viktoria Frick) mit ein paar kräftigen Strichen der bei Jung und Alt beliebten Hippie-Zeit zu übermalen, ist noch eine der weniger schrägen dieser Aufführung. Befiel den Deutschen Bösch Bammel vor Nestroy? Kaum eine Minute vergeht ohne Einfall, dadurch verfliegen die drei Stunden mit einer Pause recht rasch. Staunen ist angesagt, aber auch kräftige Irritation. Am Ende gab es einen Buh-Orkan für den Regisseur – und Jubel für die Schauspieler. Etwas ungerecht. Bösch war auch mutig.

Ticks, Krankheiten – und ein böses System


Er befreite Nestroy von der Biedermeierlichkeit bzw. stilisierte diese. Es ist, als wären Figuren aus Peter Fendis frivolen Szenen entsprungen und tanzten nun zu wilden Pop-Rhythmen. Jeder hat einen Tick oder leidet an einer Krankheit. Der Friseur (Dietmar König) hat nach seinem Kutschenunfall ein Schleudertrauma – oder war er schon vorher so schrullig, weil er sich zwischen Männlein und Weiblein nicht entscheiden kann? Frau von Cypressenburg (zu kokett: Kirsten Dene) hat Wortfindungsstörungen und amüsiert alle mit der Verwechslung von impotent und impertinent usw. Ihre Tochter Emma (Liliane Amuat) kämpft mit Bulimie.
„Der Talisman“ (1840) handelt kurz gesagt von einem „vazierenden Barbiergesellen“, der wegen seiner roten Haare gemobbt wird. Vom Friseur bekommt er eine Perücke geschenkt, damit beginnt sein sozialer Aufstieg, bei dem er die gleichfalls rothaarige Gänsehüterin aus den Augen verliert. Es geht um Vorurteile, Opportunismus und andere zeitlose Gemeinheiten. Bösch hält die Armen nicht für besser als die Reichen. So dachte auch Nestroy. Im Universum von Bösch und seinem Ausstatter Patrick Bannwart ist alles verrottet. Die Hochherrschaftlichkeit des Witwenhaushalts ist Fassade. Im Park verwittern kümmerliche Rosen. Die Armen wandern von Misthaufen zu Misthaufen und essen den Tieren das Brot weg. Selten sieht man es bei Nestroy so drastisch, das  Elend dieser nur vermeintlich guten alten Zeit. „Dorf“ steht auf der Feuermauer. Das Schloss ist eine golden bepinselte Kastenwand, in deren Abteilen sich allerhand ereignet: Sie sind nicht nur Kleiderlager, sondern auch Arbeitskojen fürs Prekariat und Separees. Wer auftreten muss, zieht sich geschwind etwas über, verkleidet sich.

Alle verkleiden, inszenieren sich


Unter Perücken versteckt sich nicht nur Titus (temperamentvoll, aber etwas hohl: Johannes Krisch). Auch die Damen (Dene, Amuat und die besonders bizarr kostümierte Maria Happel als Kammerfrau Constantia) sind mit groteskem Kopfschmuck ausgestattet, desgleichen die Musiker (Bernhard Moshammer, Karsten Riedel). Die Couplets wurden neu geschrieben: Raps über Liebe, Skandale, Spott über Stronach. Der überbordende Slapstick mit Menschen und Sachen – Gärtnerin Flora Baumscheer (Regina Fritsch) wehrt sich mit ihrer Giftspritze nicht nur gegen Läuse im Garten, sondern auch gegen aufmüpfige Männer, Titus fährt mit einem Friseurstuhl auf und ab – hat auch Nachteile. Nestroys Satire verschwindet teilweise in allgemeiner Umtriebigkeit.
Dazu kommt, dass im Burgtheater wenige Schauspieler sehr viele große Rollen spielen und vielleicht überlastet sind, sodass sie nicht die Muße haben, ihre etablierten Ausdrucksformen zu verlassen. Das gilt für Happel, Dene, Krisch, sogar für Frick. Der Einsatz der sprachlichen Diskrepanzen zwischen Deutschen und Österreichern wird weniger witzig verarbeitet als in Raimunds „Alpenkönig“. Wieso ein Gärtnergehilfe namens Plutzerkern (Kürbiskern) ein Piefke sein soll, ist unerklärlich, obwohl der herrliche Hüne André Mayer viele Lacher auf sich zieht. Frick und Dene tönen fremd, auch wenn die Dene „Na servas!“ ruft. Krisch und Fritsch beherrschen den Dialekt, auch Branko Samarovski als Bierversilberer (zu routiniert). Beim „Talisman“ haben viele Zuschauer Erinnerungen an große Titus-Spieler (Helmut Qualtinger), berührende Salomes (Ostermeier) und wichtige Regisseure, von Benning bis Welunschek. Die müssen sie einmal vergessen, das ist in Ordnung.
Aber ein „Talisman“, in dem Satire und Sentiment derart hinter Special Effects und Hyperaktivität verschwinden, der kann noch so edel besetzt und originell komponiert sein – es nervt. Schon klar, Krisch und Frick haben hier dankbarere Rollen als in „Stallerhof“ von Kroetz, das sie 2012 spielten. Nur: Nestroy-Stücke sind keine bösen Märchen, sondern eben Realsatire. Der Höhepunkt der Allotria ist erreicht, wenn Gärtnerin Flora die Heckenschere zückt, um Titus zu attackieren, aus dem Plumpsklo wankt aber Emma, mit Blut überströmt, die Gärtnerin stopft ihr den Darm wieder in den Bauch. Großes Kettensägenmassaker mit Nestroy, fürwahr. Die gelegentlich eingeblendeten Albtraumpassagen hat Bösch vermutlich bei Martin Kušej („Höllenangst“) abgekupfert. Sie wirken aber zu konstruiert. Während der Premiere schienen sich die Reaktionen „Königliches Amüsement“ und „Pfui gack, Regietheater“ die Waage zu halten, sodass die heftigen Buhs fast überraschten.

Ohne Geld geht gar nichts


Letztlich ist man selbst als Wiener geneigt, sich mit dieser Aufführung anzufreunden, wegen der kühnen Grundidee, diesem Wiener Klassiker ein derart ungewohntes Design zu verpassen. Da besticht auch die Darstellung eines der berühmtesten Nestroy-Paare, Salome und Titus, als Opfer eines gnadenlosen Systems, das sichtbar wird, wenn sogar die liebe Salome sich zart für den materiellen Status ihres Zukünftigen interessiert oder dieser nach all dem Stress mit zänkischen Weibern und Surfen durch die Hierarchien im Schloss kurzzeitig von Gesichtslähmung befallen wird, bevor er in erlösenden Schlummer fällt. Alles in allem: kein Meisterwerk, aber eine innovative Aufführung mit einem sehr herzigen Schluss, der an Papageno und Papagena erinnert.