Natürlich fand eine Zeitung den Titel "Wir sind Kaiser", und natürlich ist das - acht Jahre nach "Wir sind Papst!" - nicht mehr ganz originell. Aber es gibt zu denken.
Wahlausgänge zu prophezeien ist eine heikle Sache. Aber dass mindestens eine Zeitung am Montag den Satz „Wir sind Kaiser“ als Schlagzeile bringen würde, darauf hätten wir wetten können. Es war dann die U-Bahn-Zeitung „Heute“, und die Erklärung stand gleich darunter auf der Titelseite: Erwin Pröll sei „Landes-Kaiser“, und Peter Kaiser... Nun, der heißt halt so.
Aber warum? Wieso ist dieser Name so verbreitet? Es ist gewiss nicht so, dass alle Kaiser, Kayser, Keiser, Keyser, Keyzer und Keizer so heißen, weil sie legitime oder illegitime Abkömmlinge eines tatsächlichen Imperators sind. (Obwohl man leicht zeigen kann, dass jeder von uns mit großer Wahrscheinlichkeit z.B. von Karl dem Großen abstammt.) Es gibt zwei mögliche Erklärungen. Erstens als Neckname: Irgendein Vorfahre benahm sich so stolz bis überheblich, dass man ihn scherzhaft zum Kaiser machte. Zweitens als (vielleicht später monarchisch missverstandene) Variation von „Käser“, also Käsefabrikant.
Das Titel „Kaiser“ selbst kommt ja – wie auch „Zar“ – vom Cognomen des römischen Diktators Gaius Julius Caesar. Dieser selbst leitete ihn gern vom punischen Wort für „Elefant“ ab und erklärte, einer seiner Vorfahren habe in den Punischen Kriegen einen Elefanten getötet (der dann wohl Hannibal bei seinem Weg über die Alpen gefehlt hat).
Plinius dagegen leitete „Caesar“ von „caesus“ ab, dem Partizip Perfekt Passiv von „ceadere“, das u.a. „schneiden“ bedeutet. Caesar könnte man dann als „der aus dem Mutterleib Geschnittene“ lesen; es soll auch schon in der Königszeit ein Gesetz, die „lex caesarea“, gegeben haben: Es besagte, dass Frauen, die während der Geburt starben, das Kind aus dem Leib geschnitten werden sollte. Wenn diese Ableitung stimmt, dann ist unser Wort „Kaiserschnitt“ (medizinisch: „sectio caesarea“) eigentlich ein Pleonasmus, Lateinlehrer mögen protestieren, wenn sie's anders sehen.
Zurück zur heutigen Zeitungskultur: Mutter aller einschlägigen Schlagzeilen ist der geniale Titel, mit dem die deutsche „Bild“-Zeitung am 20.April 2005 auf die Wahl Josef Ratzingers reagierte: „Wir sind Papst!“ Er wurde und wird vielfältig abgewandelt, auch von österreichischen Journalisten: z.B. „Wir sind Präsident“ (als Österreich 2006 die EU-Präsidentschaft übernahm), „Wir sind Oscar“ (erstmals als Stefan Ruzowitzky 2008 einen Oscar bekam). Der deutsche Bandname „Wir sind Helden“ ist übrigens älter (2000).
„Wir sind Kaiser“ hieß ab 2007 eine satirische ORF-Talkshow: Hier war eher der Pluralis Majestatis gemeint, mit dem Robert Palfrader als Kaiser Robert Heinrich I. sich an seine Untertanen wandte. In der aktuellen „Heute“-Schlagzeile fehlt ja ein bisschen der Reiz der Gleichsetzung der ersten Person Plural mit einem Hauptwort im Singular; denn „Kaiser“ kann auch Mehrzahl sein (und ist es in diesem Fall auch).
Bleibt die Frage, ob das Wortspiel, das „Die Presse“ sich am Montag erlaubt hat – „St.Pröllten“ – okay ist. Strenge Leute meinen ja, dass man nie mit Namen spielen soll. Das finden wir übertrieben. Schließlich hat sogar Jesus Ähnliches getan, als er zu seinem Jünger sagte: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen.“ Auf dieses Wort (Matthäus 16,18) stützt die katholische Kirche immerhin die Autorität des Papstes.
War der heilige Hippolyt (170 bis 235 n.Chr.), der Namens- und Diözesanpatron von St.Pölten, ein Gegenpapst? Darüber sind sich nicht alle Kirchenhistoriker einig. Er ist jedenfalls auch Schutzheiliger von Zell am See sowie Patron der Gefängniswärter und der Pferde. Letzteres hat wohl mit seinem Namen zu tun: Er bedeutet „Pferdebefreier“. Das wäre kein guter Name für einen Pferdefleischhauer. Eher noch für eine Pferdefuttermarke. Die gibt es auch: Sie heißt St.Hippolyt und wird von der Firma Equus vitalis (nicht in St.Pölten heimisch) vertrieben.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.03.2013)