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Und warum fragt niemand nach Konzepten für die „Pflege 2028“?

Folgen und Begleitumstände der Alterung der Gesellschaft sind zuallererst ein politisches Thema, erst dann auch ein kommerzielles!

Die Alterung der Gesellschaft hat eingesetzt. In den kommenden Jahren wird sie sich beschleunigen. Erst in einigen Jahrzehnten wird diese demografische Schwelle überwunden sein. Der höhere Anteil älterer Menschen hat dabei unausweichlich fundamentale Einflüsse auf: Lebensweise, Lebensplanung, Bedürfnisse, Beziehungen zwischen den Generationen, soziale Einrichtungen, Gesundheitssystem und Pflege, Infrastruktur, aber auch Forschung, Bildung und, natürlich, Wirtschaft. Sie alle müssen sich darauf einstellen.

Vorausgesehen wurde das schon seit dreißig Jahren. Wissenschaftliche Erkenntnisse zu den komplexen und epochalen Vorgängen liegen vor. Auch die Bevölkerung registriert mittlerweile das Phänomen. Aber viele Schlussfolgerungen sind noch unklar, die Chancen unterbelichtet, die alten Vorurteile hingegen sehr mächtig. Was bedeutet dieser historische Prozess für den Wohlstand, für die soziale Sicherheit und für die Politik? Ist Alterung eine Gefahr oder eine Chance? Ganz exakt kann das niemand sagen. Immerhin hat ein Umdenken eingesetzt: Die Wirtschaft forciert Angebote für ältere Menschen, ältere Mitarbeiter werden da und dort schon als „Humankapital“ verstanden und nicht mehr als entbehrliche Kosten; Versicherungen, Bauindustrie, Gesundheits-, Wohlfühlbusiness und Tourismus sehen neue Chancen.

 

Umfassendes Konzept fehlt

Bessere Zukunft oder Rückschlag? Von Politik und Wissenschaft kommt unisono, sehr verantwortungsbewusst: „Natürlich ist das eine Herausforderung, aber auch eine große Chance.“ Das klingt besser, als Fatalismus oder Ignoranz einzugestehen.

Vor ein paar Jahren noch wurden Symposien abgehalten unter dem Titel: „Die Bevölkerung altert, na und?“ Das ist vorbei. Zeitgeistige Konferenzen fahren unter Überschriften wie: „Gesund und aktiv altern“ oder „Fairness zwischen den Generationen“. Und beschließen feierlich, umgehend in Angriff zu nehmen, was daraus folgt.

Untätigkeit kann der Politik wahrlich nicht vorgeworfen werden. Pensions-, Pflege- und Gesundheitssysteme werden unablässig – jedes für sich – „reformiert“, Kommissionen werden eingesetzt, Claims abgesteckt, politische No-go-Tafeln aufgestellt, internationale Zusammenarbeit beschworen und – weitere Konferenzen anberaumt. Die alarmierte Bevölkerung wird beruhigt, man habe alles im Griff.

All dies geschieht ohne umfassendes Konzept – hier ein Schritt, dort einer, weitgehend ohne Zusammenhang. Das Pensionssystem wird wieder und wieder reformiert, damit es ein paar Jahre länger finanzierbar sein möge. Das Gesundheitssystem ebenso, nur halt weitgehend unabhängig von Altersvorsorge und Pflege. Dafür sind ja andere Ministerien oder die Länder zuständig, obwohl das alles offensichtlich stark zusammenhängt. Die Aussagen der Wissenschaften wären zusammenzufassen, internationale Erfahrungen auf Anwendbarkeit zu prüfen, Zielvorstellungen zu Szenarien zu verdichten, Prioritäten zu diskutieren, Grundlagen für politische Strategien zu legen: All das fehlt bisher in Österreich. Aus verständlichen Gründen:
•Erstens: Die Aufgabe und die Analysen sind sehr komplex. Sie reichen von der Grundlagenforschung bis zur politischen Umsetzung.
•Zweitens: Auf dem Gebiet Alterung sind starke Lobbys etabliert. Die wehren sich gegen Änderungen. Andere Interessen sind nicht etabliert, ja nicht einmal bewusst. Die könnten überrollt werden.
•Drittens: Die Wissenschaften sind gewohnt, nicht über ihren eigenen Tellerrand zu blicken, nicht in Nachbars Garten zu dilettieren, ihre Fachsprache und ihre Einsichten nicht zu verdolmetschen.

 

Die großen Themen

Die großen Probleme der modernen Gesellschaft sind aber „undiszipliniert“. Die demografische Alterung ist eines der „großen Themen“ des Jahrhunderts, ähnlich wie Umwelt, Globalisierung und Demokratie. Sie betreffen nahezu alle Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens. Und diese großen Themen hängen überdies untereinander zusammen.

Versucht man Erkenntnisse der Medizin, Gerontologie, Psychologie, Demografie, der Sozial- und der Bildungswissenschaften, der Technik, Ethik, des Rechts, und – als Fundament unvermeidlich – der Wirtschaftswissenschaften zusammenzufassen, stößt man auf Widersprüche, Missverständnisse, Doppelgleisigkeiten, versäumte Chancen, verborgene Synergien, unbeachtete Zusammenhänge und überraschende Möglichkeiten.

In aller Welt und nahezu überall in Europa liegen nationale Konzepte für die Alterung vor, werden Alterungsstrategien diskutiert. Etwa: „Policy Implications of the Ageing of Australia's Population“. Australia, nicht in Austria.

 

17 Zentimeter Koralmtunnel

2009 gründeten anerkannte Vertreter der einschlägigen Fachgebiete die ÖPIA, die Österreichische Plattform für Interdisziplinäre Alternsfragen – aus wissenschaftlichem Interesse und gesellschaftlicher Verantwortung. Die Mitglieder arbeiten ehrenamtlich, zusammengehalten von einem kleinen Sekretariat. Die ÖPIA konkurriert nicht mit durchaus vorhandenen, oft exzellenten fachspezifischen Einrichtungen der Altersforschung in Österreich. Sie ist eben „Plattform“ für den interdisziplinären Austausch von Ansichten und Erkenntnissen.

Was die ÖPIA seither an wissenschaftlicher Koordination und öffentlicher Kommunikation zustande gebracht hat, ist schlicht unbezahlbar. Hunderte Interessierte haben ihre Vorlesungen besucht. Die ÖPIA kostet nicht viel: 17 Zentimeter Koralmtunnel!

Aber interdisziplinäre Wissenschaft, Querschnittsmaterien und Wissenschaftskommunikaton entsprechen nicht den Idealen der Forschungsförderung. Die ÖPIA droht angesichts der Kürzungen des Budgets für außeruniversitäre Wissenschaft durchzufallen, zwischen den Zäunen der Ressorts zu verhungern. Möge sie doch, wird geraten, privatwirtschaftliche Unterstützung suchen, bei Lebensversicherungen zum Beispiel oder bei Anlageberatern, Fonds, bei Raiffeisen oder bei Red Bull...

 

Olympia 2028? Schön, aber...

Aber, verdammt: Folgen und Begleitumstände der Alterung sind zuerst einmal ein politisches Thema, erst dann auch ein kommerzielles! Und sie sollten unabhängig von Ideologien, Partei- und Wirtschaftsinteressen untersucht werden. Aber schließlich werden, wenn EU oder Finanzmärkte dann auf den Mangel an Konzepten aufmerksam werden, Hals über Kopf Regierungsaufträge an Consultants erteilt werden, die mehr als das Hundertfache kosten werden.

Die Bevölkerung Wiens wird gefragt, ob sie Olympische Spiele 2028 will. Schön. Aber warum fragt niemand nach Konzepten für „Gesund und aktiv altern 2028“, „Pflege 2028“ oder „Fairness zwischen den Generationen 2028“? Das kostet nur einen Bruchteil der Volksbefragung über „Olympia“ – brächte aber ein Vielfaches.


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Zum Autor

Prof. Helmut Kramer (geboren 1939 in Bregenz) war von 1981 bis 2005 Leiter des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (Wifo); ab 1990 Honorarprofessor an der Uni Wien; von 2005 bis 2007 war er Rektor der Donau-Universität Krems; derzeit Vorsitzender der Österreichischen Plattform für Interdisziplinäre Alternsfragen. [Clemens Fabry]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.03.2013)