Mysteriöser Tod: Starb Chávez in Kuba?

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Das Ableben von Präsident Chávez stößt das südamerikanische Land in Staatstrauer und Ungewissheit. Der Kontinent blickt auf das Machtvakuum in Caracas, insbesondere die Verbündeten in Kuba.

Es war wie eine letzte Inszenierung. Am Morgen nach dem Tod von Hugo Chávez erwachte Caracas unter einer massiven Wolkendecke, die tropischen Regen auf die Erde prasseln ließ. Venezuela, zumindest der größere Teil der Bevölkerung, trauert um seinen Comandante, es werden Tage intensiver Wehklagen und großer Gefühle werden.

Aus dem Militärspital wurden die Überreste von Hugo Chávez Frias am Mittwochmorgen in die Militärakademie überführt und aufgebahrt. An der Stelle, wo der junge Offizier Hugo Chávez mit ein paar Kameraden einst beschlossen hat, die korrupte Machtclique seines Landes wegzuputschen – was 1992 misslungen ist –, bekommt das Volk Gelegenheit zum Abschied vom zweifellos meistgeliebten lateinamerikanischen Staatschef seit Argentiniens Juan Domingo Perón.

Am Freitag soll die Beerdigung stattfinden, gab Außenminister Elias Jaua bekannt, der zu früher Stunde die herbeigeeilten Präsidenten aus Argentinien und Uruguay empfing. Cristina Kirchner und José Mujica waren die ersten Staatschefs, viele weitere haben sich angesagt, darunter Mahmoud Ahmadinejad, Chávez' umstrittenster „Amigo“ aus dem Iran.

 

Knifflige Verfassungsfrage

Jaua versicherte, dass nach siebentägiger Staatstrauer der definitive Ausfall des Präsidenten verkündet werde, was Neuwahlen binnen 30Tagen zur Folge haben wird. Bis dahin soll Vizepräsident und Wunschnachfolger Nicolás Maduro die Amtsgeschäfte leiten. Verfassungsexperten geben indessen zu bedenken, dass laut Konstitution im Fall eines Ausfalls des Präsidenten die Macht vorübergehend an den Parlamentspräsidenten übergeht. Nachdem Chávez nicht in der Lage war, sein Amt anzutreten, müsse Parlamentschef Diosdado Cabello an die Staatsspitze rücken.

Doch nichts deutet darauf hin, dass sich die Chavisten darauf einlassen. „Maduro wird sich den Vorteil nicht nehmen lassen, im Wahlkampf als Präsident zu agieren“, sagt der Politologe und Meinungsforscher Luis Vicente León.

Mit Erstaunen wurde vermerkt, dass Nicolás Maduro kurz nach der Verkündigung der Todesnachricht nach Kuba reiste. Dort wolle er den Ablauf der Trauerfeierlichkeiten abklären, lautete die offizielle Erklärung. Diese, für einen souveränen Staat doch etwas seltsame Erklärung bewirkte vor allem das Wiederaufflammen von Spekulationen, Chávez sei in Wirklichkeit auf Kuba verstorben. Ebenso bemerkenswert war die Tatsache, dass venezolanische Journalisten zwei Stunden vor der Erklärung Maduros schon den später publizierten Todeszeitpunkt des Präsidenten verkündeten.

 

Noch einmal zurück nach Havanna

Die konservative spanische Tageszeitung „ABC“ meldete, Chávez sei am 18.Februar nach Caracas geholt worden, um irgendwie sein Amt anzutreten, was letztlich unmöglich gewesen sei. Im Militärspital hätten die Ärzte festgestellt, dass Metastasen 35Prozent der Lunge befallen hätten. Dies löste jene Entzündung aus, die am Tage vor der Todesnachricht publiziert wurde. Nach der fatalen Diagnose sei Chávez zunächst auf die Marinebasis La Ochila verlegt worden, und von dort nach Havanna, wo er am 4.März gestorben sei.

Maduros TV-Auftritt, bei dem er die US-Regierung beschuldigte, den Krebs in Chávez Körper gepflanzt zu haben, und der darauffolgende Rauswurf zweier US-Botschaftsmitarbeiter seien ein Ablenkungsmanöver gewesen, um den Leichnam des verstorbenen Chávez unerkannt ins Land zu bringen. „ABC“ verfügt über Quellen im Dunstkreis nordamerikanischer Nachrichtendienste.

Viele Exklusivberichte des Blattes über Chávez‘ Gesundheitszustand haben sich nachträglich als weitgehend korrekt erwiesen. Oppositionsführer Henrique Capriles bezeichnet die Informationspolitik der Regierung bereits seit Wochen als Lügenkampagne.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.03.2013)