Der Tod des Comandante eröffnet Venezuela eine Chance

Das sozialistische Experiment von Hugo Chávez lässt sich auf Dauer weder finanziell noch politisch aufrechterhalten. Venezuela ist heruntergewirtschaftet.

 

Über Tote soll man bekanntlich nur Gutes sagen. Doch bei Hugo Chávez fällt das Schönfärben schwer. Zu gravierend sind die Schattenseiten seiner mehr als 14-jährigen Regierungszeit. Die Anhänger des verstorbenen venezolanischen Staatschefs halten ihm vor allem zugute, dass er die Armut in dem erdölreichen Land bekämpft habe. Tatsächlich lassen sich diesbezügliche Erfolge nicht leugnen. Es gibt heute deutlich weniger Bedürftige in Venezuela als zum Amtsantritt von Hugo Chavéz. Auch andere Indikatoren wie die gesunkene Analphabetenrate belegen: die Ölmilliarden, die der Comandante in Sozialprogramme gepumpt hat, haben zu einer Verbesserung der Lebenssituation vieler Menschen beigetragen.

Der „Sozialismus des 21.Jahrhunderts“, den Chávez mit autoritären Mitteln umsetzen wollte, hat jedoch einen Haken: Er funktioniert nicht. Das System, das der ehemalige Fallschirmjäger mehr improvisiert als penibel aufgebaut hat, ist nicht tragfähig. Denn Chávez hat sein Land heruntergewirtschaftet.

Seinen „Sozialismus nach Gutsherrenart“ konnte er nur anschieben, weil in seiner Ära die Erdölpreise drastisch anstiegen. Als Chávez in den Präsidentenpalast einzog, kostete ein Fass Rohöl auf dem Weltmarkt ungefähr zehn Dollar. Inzwischen ist der Preis mehr als zehn Mal so hoch. Trotzdem aber klafft im Staatsbudget ein riesiges Loch, das auf ein Fünftel der gesamten Wirtschaftskraft geschätzt wird. Die Notenpresse läuft auf Hochtouren. Die Inflationsrate schießt notorisch über die 20-Prozent-Marke hinaus und frisst so die gestiegenen Einkommen wieder weg.

Am Ende der Ära Chávez ist Venezuela von seinen Erdölexporten abhängiger denn je. Doch die Regierung war nicht imstande, die Infrastruktur der Ölindustrie intakt zu halten. Der Staat konnte die fehlenden Investitionen und das Know-how der aus Venezuela vertriebenen Investoren nicht ersetzen. Auch deshalb fördert Venezuela heute weniger Erdöl als 1998. Als besonderes Zeugnis der Unfähigkeit muss zudem gelten, dass der elftgrößte Erdölproduzent der Welt Benzin wegen mangelnder Raffinerien importieren muss. „Bolivar fuerte“ heißt die Landeswährung, doch sie ist weich wie Butter. Chávez musste sie immer wieder abwerten, zuletzt um mehr als 30 Prozent. Importgüter sind knapp geworden. Die Bürger müssen manchmal für Produkte des täglichen Bedarfs, wie Maismehl und Zucker, Schlange stehen. So sieht der „Sozialismus des 21.Jahrhunderts“, den sich Chávez erträumt hat, in der Realität aus: eine Mangelwirtschaft mit einem aufgeblähten Beamtenapparat, absurden Subventionen und einer zerfallenden Infrastruktur.


Schuld daran sind immer die anderen: die US-Imperialisten, die Oligarchen und Verräter. Auch der eher farblose Nachfolger von Hugo Chávez, Vizepräsident Nicolás Maduro, spielt weiter auf der altbekannten Klaviatur der Paranoia. Kurz bevor er den Tod des Staatschefs bekannt gab, ließ er zwei US-Militärattachés ausweisen, weil sie angeblich Umsturzpläne gewälzt hätten. Und die Krebskrankheit, der Chávez erlag, sei möglicherweise auch von fremden Mächten ausgelöst worden, insinuierte die neue Nummer eins.

Eine Zeit lang wird die Masche noch ziehen. Wenn das Regime gemäß der Verfassung in 30 Tagen neue Präsidentenwahlen abhält, wird Maduro aller Wahrscheinlichkeit nach den Sieg davontragen, indem er ganz einfach diverse Außenfeinde und den revolutionären Geist des Hugo Chávez beschwört.

Mittelfristig jedoch wird das System zerfallen, wie das immer passiert, wenn der charismatische Führer, auf den alles zugeschnitten war, nicht mehr da ist.

Hugo Chávez mag für viele ein Idol gewesen sein, auch für linke Träumer in Europa. Doch im Vergleich zu den Fortschritten, die Chile oder das sozialdemokratisch geführte Brasilien in der vergangenen Dekade – auch im Kampf gegen die Armut – erzielt hat, ist sein Experiment krass gescheitert. Nach den Eskapaden des Mullah- und Castro-Freundes Hugo Chávez, der sein Land in die Isolation geführt hat, ist Venezuela vor allem eines zu wünschen: eine stinknormale professionelle Führung, die rechtsstaatliche Prinzipien achtet. Vielleicht kann das Land endlich sein ungeheures Potenzial nützen. Zum Wohl seiner Bürger.

 

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.03.2013)