In Westeuropa werden kaum noch große Shopping-Malls an den Stadträndern errichtet. Im Trend liegen kleine, aber feine Einkaufszentren in der City.
Die Zahl der Shoppingcenter auf der grünen Wiese wächst kräftig weiter – aber nicht in Westeuropa. China, die Türkei und Indien sind heute – so eine Untersuchung des globalen Gewerbeimmobilienspezialisten CBRE – jene Regionen, in denen der Bau von großen Einkaufstempeln noch boomt. In Europa hingegen stehen neue Shoppingcenter nur noch im Osten hoch im Kurs: Laut Standortspezialist RegioPlan ist beispielsweise Polen mit rund 200 bekannten Projekten der derzeit „heißeste“ Shopping-Mall-Markt Europas.
Die Innenstadt meldet sich zurück
In Westeuropa läuft es anders. Laut dem Handelsforschungsinstitut EHI Retail etwa wurde in Deutschland in den letzten zwei Jahren nur ein einziges Center auf der grünen Wiese realisiert, dafür wurden fünfzehn in innerstädtischen Lagen gebaut: „Die Innenstadt ist wieder interessant geworden“, folgert Marco Atzberger von der EHI-Geschäftsleitung. Eine ähnliche Entwicklung konstatiert Standortspezialist RegioPlan Consulting für Österreich. Ursachen dafür gibt es viele, meint RegioPlan-CEO Wolfgang Richter. Unter anderem haben gesättigte Märkte, starke Zuwächse des Online-Einkaufs übers Internet und die Zurückhaltung bei der Finanzierung von Handelsimmobilien dieser Größenordnung dazu geführt, dass der Trend in Westeuropa heute „small is beautiful“ heißt, und die Menschen vermehrt in der City einkaufen.
Exklusive Markenwelten
Wobei die Entwicklung im innerstädtischen Bereich zuweilen sehr unterschiedlich verläuft. Das zeigen etwa die Aktivitäten von René Benkos Signa-Holding. Der österreichische Immobilienspezialist setzt auf den Trend zum Shopping in der City, aber mit verschiedenen Akzenten. Beim „goldenen Quartier“ rund um die Wiener Tuchlauben etwa wurde mit Flagshipstores exklusiver Marken wie Louis Vuitton, Prada oder Miu Miu eine Luxuseinkaufsmeile geschaffen, die vor allem betuchte Touristen aus Nah- und Fernost anlocken soll. Das Konzept scheint aufzugehen. Es sind bereits alle derzeit verfügbaren Retailflächen vermietet.
Auf andere Weise funktioniert ein City-Shopping-Projekt in Innsbruck – das Kaufhaus Tyrol. Die Signa-Holding hat dieses traditionelle Kaufhaus sowie einige angrenzende Häuser vor einigen Jahren erworben. Von 2008 bis 2010 wurde das Areal komplett umgebaut. Auf mehr als 30.000 Quadratmetern findet sich heute ein ganz klassisches Shoppingcenter-Angebot für den Normalverbraucher, das einst mehr schlecht denn recht gehende Kaufhaus ist bestens besucht: „Die Architektur von David Chipperfield, die gute Verkehrsanbindung und ein idealer Nutzungsmix sind der Grund für den Erfolg“, glaubt Signa-CEO Christoph Stadlhuber.
Ein weiteres Investment in Berlin hingegen läuft von allein: Das legendäre Kaufhaus des Westens (KaDeWe), für das die Signa-Gruppe Ende des Vorjahres eine kolportierte halbe Milliarde Euro hingelegt hat, weckt schon allein mit seiner Geschichte Emotionen. Ungeachtet der großen Unterschiede – eines haben alle genannten Handelsimmobilien gemeinsam: die Betonung des Erlebnischarakters. „Der Handel reagiert auf die starke Konkurrenz der Online-Plattformen mit einer stärkeren Emotionalisierung und Inszenierung durch Multi-Channel-Konzepte“, erläutert Atzberger.
Versorgungscenter gefährdet
Solche Einkaufszentren in guten Lagen, die nicht nur mit gutem Warenmix, sondern ebenso mit Gastronomie, Unterhaltung und Flair zum Bummeln und Flanieren einladen, werden nach Meinung der Experten auch in Zukunft bei den Konsumenten punkten. Sie sind außerdem – vor allem in Verbindung mit langfristigen Mietern – bei Investoren nach wie vor gefragt. Aufgrund des beschränkten Angebotes hat dies mittlerweile sogar zu steigenden Kaufpreisen und damit niedrigeren Renditen geführt, berichtet Georg Fichtinger von CBRE.
In schlechteren Lagen, in denen bislang reine Versorgungseinkäufe stattfinden, wird der Einkauf übers Internet aber einen massiven negativen Einfluss auf den stationären Handel haben, warnt Atzberger. Ähnlich sieht das Richter von RegioPlan: „Die Kaufkraft bleibt zwar weitgehend stabil, gleichzeitig brechen aber die Umsätze durch den Online-Handel weg. Folglich wird die Zahl der Leerstände an schlechten Standorten in den nächsten Jahren steigen.“ Richters Rat an Betreiber: „In einer Welt mit riesigem Online-Shopping-Angebot muss ein reales Shoppingcenter überlegen, weshalb Menschen dort einkaufen sollen. Findet man keine passende Antwort darauf, wird das Zentrum auf Dauer nicht erfolgreich sein können.“
Saurier in neuem Gewand
Der jüngste – und vermutlich letzte – Saurier unter den heimischen Stadtrand-Shopping-Malls scheint jedenfalls zu wissen, weshalb die Menschen dort einkaufen wollen. In dem Mitte Oktober eröffneten G3 nördlich von Wien liegen die Besucherzahlen mit bislang 2,1 Millionen Gästen über den Erwartungen, freut sich Resort-Manager Michael Maukner. Auch bei diesem Konzept hat man sich vom Eventgedanken inspirieren lassen. Um eine angenehme Atmosphäre zu schaffen, wurden für die Planung Feng-Shui-Experten engagiert, rund um die etwa 140 Shops sind zahlreiche Gastronomiebetriebe angesiedelt. Und für Kinder gibt es eine betreute Erlebnis- und Spielelandschaft.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.03.2013)