Meinrad Pichlers Darstellung der NS-Ära in Vorarlberg. Die Ära des Duckens, des Verschweigens und der Verharmlosung der nationalsozialistischen Diktatur in Österreich ist seit den 1980er-Jahren vorbei.
Die Ära des Duckens, des Verschweigens und der Verharmlosung der nationalsozialistischen Diktatur in Österreich ist seit den 1980er-Jahren vorbei. Inzwischenliegen zahlreiche Einzelstudien zum siebenjährigen Wüten der braunen Pest auch in den Bundesländern vor; zuletzt erschien diese Studie des Hörbranzer Historikers Meinrad Pichler über den Nationalsozialismus in Vorarlberg.
Wobei es Vorarlberg ab Dezember 1939 gar nicht mehr gab: Trotz aller Interventionen lokaler Nazi-Größen in Berlin, ein eigener Gau zu bleiben beziehungsweise mit dem Gau Schwaben zusammengelegt zu werden, entschied sich das Reichsinnenministerium für die Schaffung des Gaus Tirol-Vorarlberg. Diese nicht unheikle Zwangsvereinigung Tirol-Vorarlberg wird von Pichler allerdings nicht ausgeleuchtet. Auch fehlt unter den zahlreichen Biografien, die er für diese Studie zusammengetragen hat, eine Lebensbeschreibung von Gauleiter Franz Hofer, der doch sechs Jahre der mächtigste regionale Nazi-Bonze war.
Dafür präsentiert Pichler andere außergewöhnliche „Menschengeschichten“, die die einzelnen Kapitel seiner Studie abschließen. Da ist etwa der Leiter des Euthanasie-Programms in Vorarlberg, Dr. Josef Vonbun. Persönlich selektierte er in Armenhäusern die Opfer, die dann in Schloss Hartheim umgebracht wurden. Als seine Frau im April selbst ein behindertes Kind zur Welt brachte, überließ er dieses dem Zugriff der Nazis und damit der Vernichtung, genauso wie seine psychisch erkrankte Schwiegermutter.
Kein Bedauern, keine Reue
Vonbun wurde in den 1960er-Jahren zwar im nahen Konstanz der Prozess gemacht, doch das Gericht stellte das Verfahren 1966 ein. So wie auch unzählige andere Vorarlberger Nazi-Größen nach 1945 relativ ungeschoren davonkamen.Dafür schwelgten sie in Selbstmitleid, bedauerten oder bereuten zu keiner Zeit ihre Mittäterschaft an den entsetzlichen Verbrechen, die in dieser Zeit menschlicher Niedertracht an der Tagesordnung waren. Auch der langjährige Landesstatthalter Elmar Grabherr, einer der mächtigsten Männer Vorarlbergs der Nachkriegszeit, gehört zu diesen uneinsichtigen früheren Nazi-Karrieristen. Anstelle des „großdeutschen Getöses der Nazis“ propagierte er dann eben jahrzehntelang „kleinräumigen Alemannismus“.
Geradezu filmreif auch die hochdramatische Geschichte des Hilar Huber, der auf der jahrelangen Flucht vor Nazitum und Wehrmacht Tausende Kilometer zu Fuß, auf Fahrrädern und in Zügen durch ganz Europa zurücklegte und der gleich mehrfach die streng bewachte Grenze zur Schweiz überquerte.
Pichler legt eine gut geschriebene Regionalstudie zur NS-Zeit vor. Gewünscht hätte man sich noch Informationen darüber, welche Rolle die bäuerliche Bevölkerung der Vorarlberger Talschaften im „Generalplan Ost“ gespielt hätte – bei einer Umsetzung wären diese wohl ziemlich menschenleer geworden. Auch mehr Sorgfalt bei den Zahlenangaben wäre wünschenswert gewesen (gab es nun 300, 330 oder 400 Vorarlberger Euthanasie-Opfer?). Trotzdem: Ein ganz, ganz wichtiges Buch zur Vorarlberger Zeitgeschichte. ■
Meinrad Pichler
Nationalsozialismus in Vorarlberg
Opfer–Täter–Gegner. 416S., 260 Abb., brosch., €24,90 (StudienVerlag, Innsbruck)
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.03.2013)