Der Strom bleibt im Haus

Der Eigenverbrauch wird künftig eine große Rolle spielen. Richtig interessant wird es aber erst, wenn die Fotovoltaikanlage mit einem Zwischenspeicher kombiniert wird.

Einmal im Jahr vollzieht sich in Österreichs Wohnzimmern ein seltsames Ritual. Immer wenn der Termin für die Vergabe der Einspeiseförderung für Fotovoltaikstrom näherrückt, positionieren sich Tausende von Häuslbauern vor ihren Computern, um einen der begehrten Fördertarife zu ergattern. Da das Fördervolumen knapp bemessen ist, kommen nur die Schnellsten zum Zug – die meisten gehen leer aus. Das Gerangel ist verständlich: Mit einem geförderten Einspeisetarif bekommt man etwa 18 Cent pro Kilowattstunde für seinen Solarstrom, ohne Förderung muss man sich mit rund fünf Cent zufriedengeben. Mithin hängt die Wirtschaftlichkeit einer Investition in eine Fotovoltaikanlage maßgeblich von der eigenen Reaktionsfähigkeit und einer schnellen Datenleitung ab.

Zukunft Eigenverbrauch

Zumindest war das bisher so. Mittlerweile glaubt nicht einmal mehr Hans Kronberger, Präsident des Bundesverbandes Photovoltaik Austria daran, dass das System der Tarifförderung noch lang aufrechterhalten werden kann. Grund dafür ist nicht nur eine geänderte öffentliche Wahrnehmung, die sich zunehmend an den teuren Zuschüssen stört, sondern vor allem die drastisch gesunkenen Modulpreise. Dadurch hat Solarstrom im Strommix deutlich an Wettbewerbsfähigkeit gewonnen. „Ich rechne damit, dass die Netzparität in Österreich in etwa vier bis fünf Jahren erreicht sein wird. Dann wird Solarstrom ähnlich günstig produziert werden können wie herkömmliche elektrische Energie“, sagt Kronberger.

Ohne Tarifförderung wird die Netzeinspeisung aber uninteressant – viel vernünftiger ist es da schon, die selbst produzierte Energie möglichst selbst zu verbrauchen und auf diesem Weg die Stromkosten deutlich zu reduzieren. Das Potenzial hierfür sei jedoch begrenzt, meint Kronberger: „Da Sonnenenergie tageszeit- und wetterbedingt nicht immer verfügbar ist, kann eine reine PV-Anlage lediglich rund 30 bis maximal 40 Prozent des Strombedarfs eines durchschnittlichen Haushalts decken.“ Deutlich erhöhen lässt sich dieser Anteil nur, wenn die PV-Anlage durch eine entsprechende Speicherlösung ergänzt wird. „In Kombination mit einem Energiemanagementsystem kommt man sogar auf eine Rate von 80 Prozent – ein Privathaushalt kann damit quasi energieautark werden“, versichert Daniel Kalbeck, Sprecher des PV-Anbieters Neovoltaic. Das 2010 gegründete steirische Start-up hat den Markt im vergangenen Herbst mit einem Komplettsystem betreten, dessen Kernelement ein Lithium-Ionen-Akku bildet. Der Akku ist modular aufgebaut und vermag je nach Größe fünf, zehn, fünfzehn oder 20 Kilowattstunden Sonnenstrom zu speichern. Den Kostenpunkt für die kleinste Variante beziffert Kalbeck mit rund 10.000 Euro (exklusive Mehrwertsteuer). Trotz dieses eher stolzen Preises glaubt man bei Neovoltaik fest daran, damit einen Massenmarkt betreten zu haben. „Die Zukunft der Fotovoltaik liegt zweifellos im Eigenverbrauch“, gibt sich Kalbeck überzeugt. Optimistisch stimmen ihn vor allem Signale aus Deutschland, wo ab Mai eine Speicherförderung von bis zu 3000 Euro geplant ist. „Bei einer technischen Lebensdauer von 20 Jahren ist unsere Anlage aber allein durch den Stromspareffekt auch ohne Förderung rentabel“, versichert der Unternehmenssprecher.

Emotionen spielen eine Rolle

Kronberger ist in dieser Hinsicht skeptischer – allerdings, so schränkt er ein, ließen sich nicht alle bei der Anschaffung eines PV-Systems von der Wirtschaftlichkeit allein leiten: „Für viele ist das eine ideelle Frage, die sagen: ,Wenn ich mich damit unabhängig machen kann, dann ist es mir das wert.‘“ Das bestätigt Rudolf Raymann, Geschäftsführer von Raymann Kraft der Sonne, Sparte Fotovoltaikanlagen: „Wie bei einem Auto spielen auch bei diesem Thema Emotionen eine große Rolle. Ein Komplettsystem mit Speicherlösung wird mit Freiheit, Individualität, Unabhängigkeit in Verbindung gebracht. Und das lassen sich die Leute etwas kosten, auch ohne gleich groß nachzurechnen.“

Doch trotz aller technischen Fortschritte: Eine völlige Energieautarkie ist mit den heutigen PV-Systemen noch nicht zu erreichen. Vor allem im Winter, wenn die Sonneneinstrahlung kurz und die Nächte lang sind, vermag selbst der beste Kurzzeitspeicher kaum etwas auszurichten. Bei Fronius hingegen ist man der Meinung, auch dieses Problem lösen zu können.

Wasserstoff als Langzeitspeicher

Noch heuer will der deutsche Solarelektronik-Hersteller im Rahmen eines Pilotprojekts an seinem Forschungsstandort in Wels ein Haus präsentieren, das seinen gesamten Energiebedarf über das ganze Jahr hindurch mit einer PV-Anlage zu decken vermag.

Ein Drittel davon soll über den Direktverbrauch gedeckt werden, ein weiteres Drittel mittels eines Kurzzeitspeichers in Form eines Lithium-Ionen- oder Bleiakkus und das letzte Drittel – das ist der eigentliche Clou – über eine Brennstoffzelle, die Wasserstoff in Strom umwandelt. Der Wasserstoff wird dabei mittels Elektrolyse aus Überschussstrom im Sommer gewonnen und für den Winter in einem externen Tank gespeichert. Die Abwärme, die bei der Rückwandlung des Wasserstoffs in Strom entsteht, wird für Warmwasseraufbereitung und Heizung genutzt, ein Energiemanagementsystem optimiert die Nutzung und Verteilung der Energie.

„Eine Wirtschaftlichkeit ist hierfür in den nächsten Jahren nicht gegeben“, gibt Michael Schubert, Sales Development Solar Elctronics bei Fronius International, zu. „Mit dem Pilotprojekt können wir aber zeigen, dass eine hundertprozentige Energieautonomie auf eigenem Grund und Boden schon jetzt technisch möglich ist.“

Stromversorger entdecken Eigenverbrauchsmarkt

Der Markt für den Solarstrom-Eigenverbrauch scheint auch für die Elektrizitätsversorger interessant zu werden. Der Verbund etwa bietet neuerdings ein Solarstrom-Paket plus an, das neben Planung, Installation und Inbetriebnahme einer Fotovoltaikanlage auch einen Speicher beinhaltet. Der Akku kann als Stromreserve für Tages- und Nachtzeiten genutzt werden, in denen die PV-Anlage keinen Strom produziert. Der Strom, der übrig bleibt, wird ins Netz eingespeist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.03.2013)


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