Nur dank der starken Industrie habe Österreich trotz Krise eine geringe Arbeitslosigkeit, sagt Monika Kircher, Chefin von Infineon Österreich. Das langsame Reformtempo des Staates könnte sich eine Firma nicht leisten.
Die Presse: Infineon ist ein konjunktureller Vorläufer. Sie haben im Frühjahr 2008 bereits den Ab- und im Jänner 2010 schon wieder den Aufschwung gespürt. Was spüren Sie derzeit?
Monika Kircher: Wir waren bis zum Frühling 2012 mehr als ausgelastet. Das hat sich seither abgeschwächt. Im Frühjahr könnte es aber erneut eine leichte Trendwende geben. Infineon von heute ist aber auch nicht mehr mit Infineon von 2008 zu vergleichen. Wir haben uns komplett anders aufgestellt.
Sie sind ja in Asien sehr stark engagiert. Wie würden Sie die Wahrnehmung der Krise dort beschreiben. Ist sie ein europäisches Problem?
Wir haben in Europa ein Wachstumsproblem. Hinzu kommt allerdings eine psychologische Komponente, dass wir die internen Diskussionen zwischen den EU-Mitgliedsländern sehr stark nach außen transportieren, was in Asien oder in den USA in der Art nicht gemacht würde. Das Bild, das Europa abgibt, ist eines der totalen Verunsicherung. So fragen sich asiatische Lieferanten, ob sie überhaupt noch bezahlt werden.
Ausgebrochen ist die Krise auf dem Finanzmarkt. Seither wurde von vielen Seiten mehr Regulierung gefordert. Teilen Sie diese Forderung?
Wir wünschen uns generell, dass die Finanzmärkte der Realwirtschaft dienen und nicht als Konkurrenz zu dieser auftreten. Die Aufteilung in spekulativen Bereich und sinnvolle Finanzierung der Realwirtschaft wurde noch nicht durchgeführt. Das erwarten wir uns aber. Daher von uns ein Ja zu mehr Aufsicht oder einer Finanztransaktionssteuer.
Steuern sind aber ein Faktor für die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes. Österreich hat eine der höchsten Abgabenquoten der Welt. Ein Problem?
Ich bin natürlich dagegen, dass über weitere Steuererhöhungen diskutiert wird. Die Frage ist, was ein Staat mit den Steuern macht. Wenn ein Staat damit sparsam und effizient den Standort und den sozialen Zusammenhalt verbessert, dann wird sich jedes Unternehmen dennoch wohlfühlen.
Geschieht das in Österreich?
Wir haben eine sehr verlässliche und kompetente Verwaltung in Österreich. Aber das Reformtempo im staatlichen Bereich ist so niedrig, wie wir es uns als Unternehmen einfach nicht leisten könnten. Auch die Komplexität – Bundesländer, Bezirke, Gemeinden – ist so hoch, dass eine Verschlankung nicht nur billiger wäre, sondern auch mehr Überschaubarkeit brächte.
Die Halbleiterindustrie gibt es fast nur mehr in Asien. Infineon hat jedoch immer noch ein Werk in Villach, das 2012 erweitert wurde. Sind Sie so eine große Patriotin, oder gibt es Gründe, ein Halbleiterwerk in Österreich zu betreiben?
Mikroelektronik ist für zehn Prozent des europäischen BIPs verantwortlich. Dies hat auch die EU-Kommission erkannt, die Mikro-und Nanoelektronik als eine der fünf Schlüsseltechnologien für Europa definiert hat. Würde dies in Europa komplett aufgegeben werden, dann hätte etwa die europäische Autoindustrie eine Problem.
Das könnte Ihnen ja auch egal sein.
Wir machen das nicht aus Patriotismus. Das Geschäft muss sich rechnen. Viele unserer Kunden sind ja hier sehr stark verwurzelt. Es ist zudem nicht so, dass man sich entscheiden muss, entweder in Europa oder in Asien zu produzieren. Die Chips sind sehr klein, weisen jedoch eine hohe Wertschöpfung auf. Es ist daher möglich, global arbeitsteilig zu agieren.
Aber welche Vorteile hat Österreich gegenüber dem billigen Asien?
Wir sind über Jahre gewachsen, und dabei ist Know-how entstanden, das nicht so leicht transferierbar ist. Das kann ich nicht mit drei Leuten oder ein paar Patenten nach Asien bringen. Hier geht es um ein Wissen, das in vielen verschiedenen Bereichen vorhanden und verwurzelt ist.
Was muss konkret in Österreich passieren? Noch steht das Land ja verhältnismäßig gut da.
Österreich ist ein gutes Beispiel dafür, dass ein Land mit hohen Staatsausgaben und einer noch vertretbaren Verschuldung – die natürlich sinken muss – sehr wohl in der Lage ist, eine niedrige Arbeitslosigkeit zu haben, wenn es gelingt, einen innovativen industriellen Sektor zu halten. Und es ist die Industrie, die ganzjährige und besser bezahlte Arbeitsplätze schafft als etwa der Dienstleistungssektor.
Laut RH wird bis 2016 jeder vierte Steuereuro ins Pensionssystem fließen. Macht sich eine Firma über so etwas Sorgen?
Die demografische Prognose sagt, dass in 25 Jahren bereits ein Viertel der Österreicher älter als 65 sein wird. Das bedeutet, dass wir die Arbeitswelt daran anpassen müssen. Etwa durch eine flachere Lohnkurve. So sollten Lohnrunden auch nicht mehr prozentuell, sondern mit Absolutbeträgen erfolgen. Das bringt den Jungen mehr und macht die Steigerung bei den älteren mit höheren Einkommen nicht mehr so stark. Viele Österreicher liegen ja in Einkommensbereichen, in denen in anderen Ländern keine Tarifverträge mehr gelten. Das braucht es bei uns auch nicht.
Wie kann man überhaupt dafür sorgen, dass ältere Arbeitnehmer noch Jobs haben?
Wir haben ein Projekt gestartet, mit dem wir uns anschauen, wie wir den Know-how-Transfer am besten organisieren. Wichtig ist auch, dass das Zurücktreten von Führungsaufgaben ohne Gesichtsverlust stattfinden kann. Wir müssen uns darauf einstellen, dass Karrieren künftig nicht mehr linear nach oben gehen und es kein Problem ist, wenn jemand im Alter dann zwei Schritte zurückmacht, ohne dass das gleich ein gesellschaftlicher Abstieg sein muss.
Wie könnte das bei Jobs funktionieren, bei denen es vor allem um körperliche Arbeit geht – etwa auf dem Bau?
Wir müssen uns in Österreich Modelle überlegen, bei denen Personen mit Schwerstarbeit einfach weniger pro Tag arbeiten werden und dafür dann eben auch bei der Entlohnung Abstriche hinnehmen müssen. Wir werden auf jeden Fall mehrere Dinge ausprobieren müssen. Starre Systeme werden uns nicht weiterbringen.
Ist Österreich bei dem Thema Arbeitszeit und Arbeitsmodelle zu starr?
Bei der Arbeitszeit gibt es auf der Betriebsebene viel Bereitschaft der Betriebsräte, im Interesse der Firma flexibel zu reagieren. Aber es gibt sehr wohl noch Bereiche, in denen wir es nicht geschafft haben, die Systeme aus der Nachkriegszeit an die veränderten demografischen Verhältnisse anzupassen.
Sollte ein Staat grundsätzlich wie ein Unternehmen geführt werden?
Nein. Eine Demokratie ist nicht wie ein Unternehmen zu führen. Das heißt aber nicht, dass Staaten nicht auch effizienter geführt werden könnten.
Zur Person
Monika Kircher leitet seit Juni 2007 die österreichische Tochter des deutschen Halbleiterkonzerns Infineon. Die 1957 geborene Kärntnerin sitzt seit 2001 im Vorstand des Unternehmens. Zuvor war Kircher unter anderem SPÖ-Vizebürgermeisterin von Villach.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.03.2013)