Von der ungerührten Salome mit dem Kopf des Johannes bis zu Hirsts toten Schmetterlingen in einem Bild über die Liebe: Die Ausstellung ergründet das Thema „Große Gefühle“ .
Gleich vorweg: Ein heiterer Rundgang wird das nicht. Gerade einmal ein kleines Zimmerchen ist einem erfreulichen Thema gewidmet, nämlich der Liebe, und sogar da dominieren Streit, Not, Tod. Salome, die ungerührte, wirft einen versonnenen Blick auf den abgetrennten Kopf des Johannes. Johannes hat sie zurückgewiesen, jetzt hat sie ihn doch noch bekommen, serviert auf einem Tablett. Gleich daneben eine verstümmelte Frau: Ihr fehlt der Oberkörper, die Beine sind mit dem Sessel verschmolzen. „Love me“, heißt dieser Beitrag von Sarah Lucas.
Interessant, mit wie vielen Verstümmelungen wir es zu tun haben, wenn es um das Thema „Große Gefühle“ geht, und interessant, dass die Frauen eher als Torsi gezeigt werden, bzw. sich selbst als Torsi zeigen, während von den Männern im Verstümmelungsfall eher die Köpfe übrig bleiben. Das ist bei Johannes dem Täufer so, aber auch bei Nathaniel Mellors mit seinen gruselig-komischen sprechenden Masken, und bei Tony Ourslers „White Trash“. Nur die Medusa ist eine weibliche Ausnahme: Ihr schrecklicher Kopf mit den Schlangenhaaren ziert ein Rundschild aus dem 16. Jahrhundert. Der Sage nach ließ ihr Anblick jeden zu Stein erstarren, weshalb Perseus das abgeschlagene Haupt als tückische Waffe in einem Beutel mitschleppte.
Wie wäre er wohl anzusehen, der Körper der Medusa?
Schock mit Bildern von 9/11
Die Kunsthalle Krems hat diese feine, aus den Beständen des Kunsthistorischen und der Sammlung von Patrizia Sandretto Re Rebaudengo bestückte Ausstellung in neun Gefühlskapitel unterteilt, darunter Zorn, Melancholie, Einsamkeit, Trauer. Den Anfang macht noch im Untergeschoß der Schock – und er reißt bereits die wesentlichen Fragen auf: Dabei hat Hans-Peter Feldmann nicht mehr getan, als Titelbilder der Zeitungen vom 12. 9. 2001 zu sammeln, von jenem Tag also, der dem Einsturz der Twin Towers folgte. „Großer Gott, steh uns bei“, titelte die „Bild“. „Manhattan, 2001“, erklärte dagegen nüchtern der „Guardian“ – ebenfalls in Balkenlettern, natürlich.
Wer gibt das Gefühl vor, wer überlässt es dem Betrachter? Ist das Letztere wirklich weniger pathetisch in einer Situation, in der man keine Wahl hat? Wie viel Gefühl darf in der Moderne gezeigt werden? Und wann ist Schluss damit?
Die Antwort der Ausstellung auf die letzte Frage überrascht: Schluss ist, sobald es um Depression geht. Hier dominiert eindeutig die Ironie, die Distanz. Da zeigt uns Maurizio Cattelan in einer kleinen Plexiglasbox eine Wohnküche gewordene Tristesse samt Resopaltisch, Abwasch und Boiler: Niedergesunken auf den Tisch ein totes Eichhörnchen. Selbstmord. Am Boden sieht man die 9-Millimeter-Miniatur. Donghee Koo filmte einen von ihr selbst veranstalteten Heulwettbewerb. Und Joao Onofre lässt in seinem Beitrag zwei Buben mit hellen Kinderstimmen Johnny Cash singen: „And Then I See a Darkness“.
Das Thema Depression ist offensichtlich noch zu privat, als dass man sich ihm ganz ohne Umwege nähern könnte: Sogar die Hohlwangige in Margherita Manzellis „Le possibilità sono infinite“ hat rosa gepunktete Söckchen an. Für den Rest der Ausstellung gilt: Einige der interessantesten Beiträge zeigen gar keine großen Emotionen, sondern eher verhaltene, alltägliche – Jugendliche vor dem großen, weiten Meer, die gesammelt in die Kamera blicken, so gesammelt, wie es nur Kinder und Jugendliche tun (Sharon Lockhart), Ein finnischer Junggeselle in seiner engen Behausung (Esko Männikkö). Das Video einer Sängerin, die Stimmübungen macht: „Diese Übungen zerreißen mir das Herz“, titelt dazu Diego Perrone.
Man findet Emotionen eben oft dort, wo man sie nicht erwartet: Und wo sie evoziert werden sollen, findet man sie nicht. Wenn Shirin Neshat eine Frau zeigt, die an den Wänden einer Mauer kratzt. Wenn die Brüder Chapman in ihrer Installation eine Schaufensterpuppe von der Decke baumeln lassen, aus deren Magen Blut rinnt, das sich unten in einem großen Bottich sammelt.
Zidane wirft die Nerven weg
Den Abschluss machen Douglas Gordon und Philippe Parreno: Ihre Filme zeigen den berühmten Fußballer Zidane während eines Spiels. Fast 90 Minuten lang lässt ihn die Kamera nie aus den Augen, ob er sich an der Nase zupft oder auf den Boden spuckt: Der Beobachter sieht einem Menschen zu, der genau weiß, dass er beobachtet wird, aber keine Möglichkeit hat, sich zu verstellen. Das heißt: Er wird es versuchen, doch es gelingt nicht.
Hier wird die Realität in die Kunst hineingesogen, statt nur repräsentiert zu werden – ähnlich wie bei Damien Hirst. Selten funktioniert das bei ihm so gut wie im Fall von „love is great“, einem fröhlichen, naiv-zerbrechlichen Bild von Schmetterlingen auf blauem Grund. Man hätte damit rechnen können und ist doch überrascht: Die Schmetterlinge sind echt.
Arbeiten aus Turin und Wien
„Große Gefühle“. Mit Werken alter Meister und zeitgenössischer Künstler wird die Darstellung von Emotionen beleuchtet – zu sehen bis zum 30. Juni. Rund 40 Arbeiten stammen aus der Fondazione Sandretto Re Rebaudengo in Turin, weitere Exponate aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien. (Kunsthalle Krems, bis 30. Juni)
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.03.2013)