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Popkultur: "Bahnhof Zoo, mein Zug fährt ein..."

Popkultur Bahnhof mein faehrt
Popkultur Bahnhof mein faehrt(c) AP (FRITZ REISS)
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David Bowie träumt vom alten Westberlin, genauso wie Iggy Pops Exfreundin und Nick Cave. Die "Mauerstadt" ist 24 Jahre nach dem Fall der Mauer noch immer ein Sehnsuchtsort der Popkultur.

Sitting in the Dschungel on Nürnberger Straße, a man lost in time near KaDeWe – just walking the dead...“ Mit wehmütigen Zeilen aus dem alten Westberlin hat sich David Bowie kürzlich nach zehn Jahren Pause in der Popwelt zurückgemeldet. Diese Ansichtskarte aus der Vergangenheit namens „Where Are We Now?“ blieb der beste Song seines Comeback-Albums.

Ein wenig später erschien das „Zeit“-Magazin mit einem verloren blickenden jungen Mann auf dem Cover: „Iggy Pop, Berlin, 1977“ stand darunter. „In Berlin konnte Jim einfach Jim sein“, erklärte die Fotografin Esther Friedman, damals die Freundin von Jim Osterberg alias Iggy Pop, in einem langen Interview. Sie berichtete über die Wohnung „in der heute legendären Hauptstraße 155 in Berlin-Schöneberg“, über den von Martin Kippenberger gegründeten Club SO36, über Iggy Pops Ostberlin-Ausflüge gemeinsam mit David Bowie. Der Song „The Passenger“ sei „eine Hymne auf die Berliner S-Bahn“.

Ein weiterer älterer Herr mit Berlin-Vergangenheit äußerte sich kürzlich im Pop-Magazin „Spex“ über Bowies Reminiszenzen. Nick Cave, der viel länger als Bowie, nämlich von 1983 bis 1990, in Berlin gelebt hatte, gab zwar zu, er selbst habe so gut wie keine Erinnerungen an seine Zeit dort: „Ich bin mir ziemlich sicher, dass das an der Qualität des Berliner Speed gelegen haben muss.“ Aber er schwärmte über Bowies Song: „Ich sehe Berlin vor meinen Augen – die Stadt Westberlin, die es nicht mehr gibt.“

Das ist der wichtigste Grund für die dauerhafte Westberlin-Nostalgie im Pop: Diese Stadt gibt es so nicht mehr, sie hat ihre Aura völlig verändert, ist in der Hauptstadt aufgegangen, und es gibt sie doch, man kann sie aus ihren Restbeständen halluzinieren, wie man auf dem Kapitol das antike Rom halluzinieren kann. In den Souvenirläden auf der Prachtallee Unter den Linden (im ehemaligen Osten also) verkaufen sich Pläne bestens, die den einstigen Verlauf der Mauer zeigen; Spaziergänge und Radtouren entlang der heute virtuellen Grenze, an der einst scharf geschossen wurde, werden offeriert. „Just walking the dead...“

Was machte Westberlin damals, als es noch lebendig war, so faszinierend? Erstens die gefährliche Aura der auf dieser Seite ungefährlichen Grenze. In der „Frontstadt“, wie damals nicht nur BRD-Politiker sagten, denen diese Insel des Westens einiges an Budget wert war. Schauspieler Ben Becker, Jahrgang 1964, erklärte in Jürgen Teipels Doku-Roman „Verschwende deine Jugend“, wie er sich als junger Punk in Westberlin fühlte: „Berlin war so geil mit dieser Mauer ringsherum. Hier wurden jeden Tag 36 Millionen reingepumpt, um diese Bastille inmitten des bösen Ostens aufrechtzuerhalten. Und für diese 36 Millionen konnte man eine Menge Spaß haben.“ Zweitens der graue (Nicht-)Charme des real existierenden Sozialismus, den man in Tagesausflügen nach Ostberlin visitieren konnte, streng kontrolliert von Volkspolizisten. Drittens die Funktion als Refugium für westdeutsche Jugendliche, die der Wehrpflicht oder auch nur der Ödnis der Heimat entkommen wollten. Viertens die Hausbesetzungen: Anfang der Achtzigerjahre waren in Kreuzberg bis zu 150 Häuser, deren Besitzer sie verfallen ließen, von Menschen bewohnt, die keine Miete zahlten; durch ganze Grätzel („Kieze“) fuhren keine Polizeiautos („Wannen“) mehr. Ein Räuber-und-Gendarm-Spiel auch für zahlreiche jugendliche Touristen.

Kebabträume. Fünftens die früher als in anderen deutschsprachigen Städten entwickelte türkische Parallelkultur: Wer 1982 etwa aus Wien nach Berlin kam, für den war ein Döner Kebab ein Abenteuer; so etwas gab es daheim nicht. Die zugehörige Angstlust fasste die Neue-Welle-Band DAF 1980 im Song „Kebabträume“ so zusammen: „Kebabträume in der Mauerstadt/Türk-Kültür hinter Stacheldraht/Neu-Izmir in der DDR/Atatürk der neue Herr/Miliyet für die Sowjetunion/In jeder Imbissstube ein Spion/Im ZK Agent aus Türkei/Deutschland, Deutschland, alles ist vorbei.“ Der letzte Satz wurde auf Demonstrationen – ob gegen die Nato-Nachrüstung oder gegen Räumungen besetzter Häuser – im halben Ernst skandiert.

Sechstens kam schon damals ein Hauch von Nostalgie dazu – vor allem für die Gäste und „Lodger“ aus England. Bei Bowie mag auch seine temporäre abseitige Obsession für den Nationalsozialismus beigetragen haben: Hitler sei „der erste Popstar“ gewesen, sagte er und schwärmte von „einer rechten, absolut diktatorischen Tyrannei“. Später erklärte er, ihn habe nur die Idee fasziniert, dass die Nazis nach dem Heiligen Gral gesucht hätten...

Bowies Kollege Lou Reed war für solche Torheiten nicht zu haben. Wenn er 1972 ein Album „Berlin“ nannte, obwohl er noch nie dort gewesen war, meinte er das Berlin der Weimarer Republik: Kabarett und Cabaret, Brecht und Weill, Sozialrealismus und Dekadenz. Freilich verbunden mit der Gegenwart des geteilten Berlin. Im Titelsong dieses Albums kommen schon die Worte „by the wall“ vor, die 1977 in Bowies „,Heroes‘“ zentral waren: Das Hansa-Studio, in dem Bowie den Song – und überhaupt seine drei Berliner Alben („Low“, „,Heroes‘“, „Lodger“) – aufnahm, lag an der Mauer. „Sie ist ungefähr 20 bis 30 Meter entfernt vom Studio, aus dem Regieraum schaut man direkt drauf“, erzählte Bowie 1977: „Ein Geschützturm thront auf der Mauer, in dem die Wachposten sitzen, und jeden Mittag trafen sich ein Junge und ein Mädchen darunter. Sie hatten eine Affäre.“ Die beiden Liebenden – so es sie nicht nur in Bowies kokainbeflügelter Fantasie gab – wurden zu seinen „heroes, just for one day“.

Als „Neuköln“ wurde der Berliner Bezirk Neukölln zum Titel einer orientalisch klingenden Instrumentalnummer auf dem Album „,Heroes‘“, ebenso falsch schrieb Bowie 18 Jahre später im Booklet seines Albums „Outside“ statt Kreuzberg „Kreutzburg“: Schon damals, 1995, wärmte er seine Berlin-Erinnerungen auf. Seine Verbindung zur Stadt war da längst Filmgeschichte: In Ulrich Edels Verfilmung der Drogentragödie „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ untermalt der eisige Track „Sense Of Doubt“ Szenen am Kurfürstendamm, in der Pankstraße in Wedding und natürlich auf dem Bahnhof „Zoologischer Garten“, der bis zur Eröffnung des Hauptbahnhofs 2006 der Ort war, wo man in Berlin ankam.

Ideal. „Bahnhof Zoo, mein Zug fährt ein“: So begann 1980 „Ich steh auf Berlin“, das Lied der Neue-Welle-Band Ideal, das die Topologie Westberlins einer ganzen Generation in die Köpfe gesetzt hat: das Cottbuser Tor, die Oranienstraße („Hier lebt der Koran, da hinten fängt die Mauer an“), der Mariannenplatz – und all diese mythischen Stätten und G'stätten konnte man wirklich erleben! „Das Schönste jetzt an Wien ist der Schnellzug nach Berlin“, sang die Wiener Band „Blümchen Blau“ zwei Jahre später, 1982.

Da war David Bowie schon längst anderswo. Wer glaubt, dass die junge Punkszene Berlins ihn ehrfürchtig als großen Bruder behandelt hätte, irrt übrigens. Thomas Schwebel, Gitarrist bei „Mittagspause“ und „Fehlfarben“, äußerte sich später eher despektierlich über einen Besuch Bowies im SO36: „Er sah völlig scheiße aus mit seiner getönten Brille und seinem weißen Anzug. Eher wie ein Zahnpastavertreter.“ Auch dass Blixa Bargeld, der damals in seinen Gummistiefeln durch die Stadt wanderte und Baumaterial für seine „Einstürzenden Neubauten“ sammelte, Bowie je gegrüßt hätte, ist nicht überliefert. Dafür grüßte er Nick Cave, und beide grüßten Wim Wenders: Dessen Film „Der Himmel über Berlin“, in dem ein Live-Auftritt Nick Caves vorkommt, hat unser Bild vom morbiden Berlin der späten Achtziger geprägt.

Wie die Punk-Bohème Westberlins in ihren mittlerweile „legalisierten“ Häusern, in ihren hunderten Kneipen ihre Energie verloren hat, liest man am besten in Sven Regeners Buch „Herr Lehmann“ nach. Der Roman endet mit einer Einlieferung ins Spital und der Öffnung der Mauer.

Als die Band U2 1991 beschloss, nicht mehr brav und aufrichtig, sondern lieber dekadent und ironisch zu sein und zu diesem Behufe nach Berlin pilgerte, kam sie zu spät für die Mauerstadt; die neuen Abenteuerplätze hießen „Mitte“ und Prenzlauer Berg. Bono Vox ließ sich dennoch zum Album „Achtung Baby“ (mit dem Song „Zoo Station“) inspirieren, und er zeigte sich in einem Trabant: ein frühes Beispiel für Koketterie mit „Ostalgie“.

Die Mauer, längst in kleinen Stücken an Touristen verkauft, geisterte weiter durch die Popkultur. So imaginierte sich die die britische Band Bloc Party 2005 in Kreuzberg und dichtete im gleichnamigen Song: „There is a wall that runs right through me, just like the city, I will never be joined.“ Und: „Saturday night in East Berlin, we took the U-Bahn to the East Side Gallery.“ Schlesisches Tor? Warschauer Straße? Egal. Hauptsache U-Bahn.

Als R.E.M. auf ihrem allerletzten Album „Collapse Into Now“ (2011) endlich auch noch ihr Berlin entdeckten, im Song „Überlin“, träumte Michael Stipe: „Hey now, take the U-Bahn, five stops, change the station.“ Andere Worte für das, was Iggy Pop 34 Jahre zuvor in „The Passenger“ gesungen hatte: „La la la lala la la...“ Auch das bleibt vom alten Westberlin.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.03.2013)

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