Buben raufen. Mädchen? Nie! Über seltsame Vorstellungen mancher Bubeneltern von der Sanftheit heutiger Mädchen.
Wir nennen es Kitzelraufen. Und es ist unserer Jüngeren vorbehalten, die so kitzlig ist, dass man gar nicht damit aufhören kann, wenn man einmal angefangen hat: Man zwickt sie in die Seite, und sie quietscht. Man pustet ihr ins Ohr, und sie kichert. Kitzelraufen ist Marlenes Liebstes, ich muss sie kitzeln und gleichzeitig festhalten, sie muss sich meinem Griff entwinden oder andersherum: Sie klemmt meinen Arm fest, und meine Aufgabe ist es, ihn freizubekommen. Viel zu selten machen wir das, oft bin ich zu müde, oft bin ich eine „schlechte Mama“, sitze am Computer, so wie gerade eben und sage: „Jetzt nicht.“
„Aber Mama!“, sagt Marlene: „Die Nudeln gehen über!“
Ausgeschlagener Zahn. Mit Hannah wird es dagegen ernst. Mit ihr raufe ich auch, aber seltener, weil es mehr Kraft kostet, weil es gefährlich ist (meinem Mann hat sie einen Zahn ausgeschlagen, einen schon angedepschten, aber trotzdem!), weil es ums Gewinnen geht, und ich verliere nicht gern. Wenn ich mit Hannah raufe, ziehe ich die Socken aus, damit ich auf dem Parkettboden mehr Halt habe, denn das Spiel geht so: Erst versuchen wir einander abzudrängen, dann aufs Bett zu werfen, und wer so zu liegen kommt, dass er sich nicht mehr befreien kann, hat verloren. Den Arm nach hinten biegen ist übrigens erlaubt. Beißen und kratzen ist verboten.
Unser Kampf hat Regeln.
Im Gegensatz zu den Kämpfen unserer Mädchen untereinander. Das tobt durch die Wohnung, das kreischt und endet in Tränen, und dann knallt eine mit der Tür, dass der Lack absplittert (es ist eine alte Tür und alter Lack, aber trotzdem!) und mein Mann brüllt: „Was kann die Tür dafür?“
Diese Kolumne schreibe ich für jenen Vater zweier Buben, der – eh lieb – erklärte, er beneide mich manchmal um die Mädchen, Buben seien halt doch ungestümer, und dann beschrieb er das Idyll einer befreundeten Familie, wo die Mädchen unterm Tisch die Puppen ankleideten, während die Eltern gemütlich beim Tee saßen.
Ha! Er hätte am nächsten Tag wiederkommen sollen! Er wäre Zeuge geworden, wie die sanften Mädels über den Boden kugeln, als seien sie die Gallier in „Asterix“, ein wirres Knäuel, das „Aua“, „Nimm das!“ und „Du bist so unfair!“ schreit.
Zumindest bei unseren Mädchen wäre das so gewesen.
Postskriptum. Weil ich am Ende der Kolumne noch Zeilen übrig hatte, bin ich ins Kinderzimmer gegangen, um Material zu sammeln: „Was ist an dir typisch Mädchen?“, habe ich Hannah gefragt. „Keine Ahnung“ – „Anders gefragt: Was würdest du nie tun, was Buben tun?“ Hannah schüttelt den Kopf: „Penisse an die Wand malen?“
bettina.eibel-steiner@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.03.2013)