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Die "verstrahlten" Parias von Fukushima

Zwei Jahre nach der Katastrophe vom 11. März 2011 in Japan leben und leiden die Menschen weiter unter dem Trauma des Bebens, des dadurch ausgelösten Tsunamis und des Reaktorunfalls im AKW Fukushima.

Es ist ein Film, der immer und immer wieder abläuft. Erst bebte die Erde so heftig wie noch nie, dann rollte ein Tsunami wie die Sintflut über ihre Heimatstadt Ishinomaki. Die zehn Meter hohe Welle raste am 11. März 2011 über die nordjapanische Küste, wälzte Landschaften nieder, riss Häuser, Schiffe und Autos mit, als wären sie Spielzeuge.

Der Katastrophen-Freitag war der letzte Unterrichtstag vor den Ferien, und die Buben waren noch zusammengeblieben, um Computer und Fußball zu spielen. Dann brach ihre Welt zusammen. Panik. Mit den Lehrern rannten sie um ihr Leben in die Berge. Am nächsten Morgen wagten sie sich hungrig und frierend nach unten und fanden nur noch Trümmer und Schlamm. Ihre Schule am Hafen war zerstört. Dann kamen die Horrornachrichten von Explosionen im AKW Fukushima I. „Wir haben drei brutale Katastrophen auf einmal erlebt“, sagt Hideyuki Oikawa. „Das ist so und in dieser Wucht noch nie auf der Welt passiert.“

Der 15-Jährige sitzt mit seinen Freunden Tsuya, Sota und Makoto am Rand eines provisorischen Sportplatzes. „Es ist schwer zu glauben, dass das geschehen ist, schlimmer als jeder Horrorfilm, den wir je sahen.“ Und nicht aus dem Kopf zu bekommen.

Die Burschen besuchen die neunte Klasse der Watanoha-Schule von Ishinomaki, die 13 Tote zu beklagen hat. Aus Hideyukis Klasse starben zwei Mitschüler. Von 170.000 Einwohnern der schwer zerstörten Stadt an der nordöstlichen Küste Japans kamen 3943 ums Leben, darunter 182 Schüler. 14Schulen wurden zerstört, auch Watanoha. Die Jugendlichen werden auch zwei Jahre nach der Katastrophe zusammen mit Kindern anderer Schulen in Behelfsquartieren unterrichtet. Sie bekommen psychosoziale und materielle Unterstützung aus vielen Landesteilen. Aber es wird noch Jahre dauern, bis Normalität einziehen kann.

Die Erwachsenen sind frustriert, weil es an Land, Baumaterial und Hilfe für den Wiederaufbau fehlt. 16.000 Menschen sind in Ishinomaki im Prinzip obdachlos und hausen in beengten Notquartieren. Die Aufräumarbeiten gehen zäh voran, überall erinnern zerstörte Häuser, platte Landstriche und Schuttberge an „3/11“, wie dieser Schreckenstag in Japan genannt wird.

Man meidet die Strahlenflüchtlinge. „Ich habe überlebt, weil ich zufällig in den Bergen war“, erinnert sich Kazuo Abe. Der 74-jährige Ex-Englisch-Lehrer aus Ishinomaki hat 50 Verwandte und Freunde verloren. Jetzt hat er dem Filmemacher Kenji Aoike geholfen, seine bewegende Doku „Living through March 11, 2011“ ins Englische zu übersetzen. Schüler, Lehrer und Eltern in Ishinomaki erzählen darin über ihre Erlebnisse, meist extrem emotional, teils fast apathisch. Die Kinder werden es nie vergessen, aber nicht alle wollen sich auch an das Grauen erinnern. Der Lehrer bleibt bei seiner Botschaft: „Wir Überlebenden müssen weitergeben, was hier geschehen ist.“

Japaner unterscheiden mittlerweile sehr genau zwischen Opfern des Tsunamis und Opfern des Fukushima-Super-GAUs. „Den Tsunami-Opfern geht es offenbar besser, sie denken positiver über die Zukunft“, beobachtet Hirooki Yabe, Psychiater an der Universität von Fukushima. „Die Strahlenevakuierten werden von Tag zu Tag depressiver.“ Das aber sind die meisten: Auch zwei Jahre nach 3/11 hausen noch 320.000 Menschen in Notquartieren, sagt Premierminister Shinzo Abe, 210.000 davon mussten vor der Strahlung flüchten, oft von Notquartier zu Notquartier, viele wurden mehrfach abgewiesen.

Dafür genügt schon der Verdacht, Strahlen abbekommen zu haben: „Wer aus dem Umkreis Fukushimas kommt, wird im übrigen Japan stigmatisiert“, beklagt der Arzt Yabe. Schon das „falsche“ Autokennzeichen führt zu entsetzten Blicken oder abfälligen Bemerkungen über Herkunft und mögliche Gesundheitsschäden. Der Vergleich mag brutal klingen: Japan hat das schon einmal ähnlich erlebt, nach den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki 1945. Man meidet die Opfer aus Angst vor Ansteckung oder weil sie „Unglück“ bringen könnten.

Da spielt es kaum eine Rolle, dass die Realität dagegen spricht. Offiziell gibt es in der Fukushima-Präfektur bisher keine Strahlenkranken. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat in einer neuen Studie festgehalten, dass das Krebsrisiko selbst in den direkt verstrahlten Orten nur leicht erhöht sei. Aber viele Japaner bleiben skeptisch, misstrauen offiziellen Verlautbarungen und ziehen sich von den Betroffenen zurück. „Shoganai“ – Schicksal eben.

Die Chancen gehen gegen null. So bleiben die Opfer unter sich. An eine Rückkehr in die alte Heimat innerhalb der 20-Kilometer-Sperrzonen um das AKW ist ohnehin kaum zu denken. Mindestens 20 bis 30 Jahre wird es dauern, bis die Region wieder bewohnbar sein könnte. Und es gibt keine Chance für die Älteren: „Ich gehörte lange zu jenen, die optimistisch waren“, sagt Toshiko Iida (78), die in einer Notunterkunft in Aizu-Wakamatsu lebt. Sie musste ihr Haus und die Reisfelder verlassen, weil sie nur vier Kilometer vom AKW entfernt wohnte. Jetzt glaubt auch sie nicht mehr daran, je zurück zu können. „Ich werde längst tot sein, wenn die Folgen beseitigt sind.“

Auch die Jungen glauben nicht an eine Zukunft in Fukushima. Selbst dort, wo Experten Entwarnung geben, bleiben sie der Region fern. In den Küstenkommunen der drei am stärksten betroffenen Präfekturen sind 72.000 Menschen weggeblieben, die auch beim Wiederaufbau fehlen. Die Städte Ishinomaki und Iwaki verzeichnen mit je über 10.000 Einwohnern den größten Schwund. „Es sind so viele Betriebe durch den Tsunami zerstört worden“, sagt der zuständige Mitarbeiter in der Gemeinde. „Die, die ihre Jobs verloren, sind weggezogen.“ Wer will schon ein Leben mit Strahlengefahr und ohne funktionierende Infrastruktur?

Unterwegs im Geisterland.
Die Fahrt in Richtung Verbotszone ist gespenstisch. Vorbei an Geisterhäusern, Schutthalden, verwaisten Läden, stinkenden Feldern und verrotteten Ställen geht es über aufgebrochene Straßen in die Stadt Futaba – oder was davon blieb.

Im Schatten des Kraftwerks steigen rund 40 Menschen, eingehüllt in weiße Schutzanzüge, die Gesichter bedeckt mit Masken, aus Bussen und Pkw. Sie stellen Körbe und Teller mit Obst, Reiskuchen und anderen Opfergaben auf, zünden Weihrauch an. Mit Tränen in den Augen beten Hinterbliebene und Mitarbeiter der Stadtverwaltung für die Opfer, oft ihre Nachbarn. 20 Einwohner wurden vom Tsunami getötet, viel mehr, 164, starben seither in der Fremde. Sie litten an Stress, Heimweh, Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit.

Mit ihrem Foto in den Händen gedenkt Masahi Yoshida seiner Frau Kimie. „Ich wünsche mir so sehr, ihre Asche daheim beerdigen zu können“, sagt der 49-Jährige. Geht nicht, denn sie dürfen nur kurz in der Sperrzone bleiben. Futaba liegt drei Kilometer vom AKW entfernt. Alle der rund 7000 Einwohner wurden evakuiert und auf Notunterkünfte irgendwo in Japan verteilt.

Seit zwei Jahren lebt Yukiko Kameya in einem Notquartier nahe Tokio. Am Tag der Katastrophe floh die 68-Jährige mit ihrem Mann aus Futaba, aus Angst vor dem GAU. Seither ist ihre Heimat Niemandsland. Für einen Neuanfang aber fehlt den Senioren Kraft und Geld. Die Kameyas warten auf die amtlich versprochene „angemessene“ Abfindung: Umgerechnet gerade 12.000 Euro hat der AKW-Eigner Tokyo Electric Power (Tepco) der Familie Kameya bisher gezahlt, als „Vorschuss auf eine mögliche Entschädigung“. Ihr früheres Zuhause war das 15-Fache wert.

Die Umweltorganisation Greenpeace dokumentierte in einer brisanten Studie, dass die Evakuierten erneut zu den Verlierern gehören. Opfer und Steuerzahler zahlen die Zeche nach dem GAU, während die Atomindustrie nicht zur Verantwortung gezogen würde. Resignation macht sich breit.

Man spricht in Japan nicht gern über private Sorgen und Schwierigkeiten. Aber mehrere Opfer wagten sich an die Öffentlichkeit und verlangen ihr Recht. Etwa Fumitaka Naito: Er kaufte 2009 einen Bauernhof im Dorf Iitate, 40Kilometer südwestlich des AKW, also außerhalb der 20-km-Evakuierungszone. Doch diese Klassifizierung erwies sich schnell als Farce: Wegen hoher Strahlenwerte musste Familie Naito absiedeln, Tepco zahlt als einzige Kompensation eine monatliche „Fahrpauschale“ von 117 Euro, damit der Bauer nach Land und Tieren schauen kann. „Das reicht nicht einmal fürs Benzin. Eigentlich ist die Mühe sinnlos. Selbst wenn wir irgendwann zurückkehren können, will doch kein Mensch meine Ernte oder das Fleisch kaufen.“

Der AKW-Betreiber mauert sich ein. Die meisten der 160.000 Menschen, die ihre Heimat in den kontaminierten Zonen verließen, stehen vor diesem Dilemma, so Greenpeace. Regierung und Tepco verschleppen zugesagte Entschädigungen, zahlen monatliche Abfindungen, die zum Leben zu gering sind und zum Neuanfang nicht reichen. Um einen Antrag auf Schadenersatz zu stellen, müssen die Betroffenen eine „Anleitung“ von 156 Seiten Dicke lesen und ein 60-seitiges Formular ausfüllen. Das überfordert nicht nur viele ältere Menschen vom Lande.

Tepco beschäftigt 12.200 Mitarbeiter, die sich nur mit Entschädigungen beschäftigen. Aber diese können nicht einmal exakte Auskünfte geben, wie viele Anträge vorliegen und was die häufigsten Gründe für Ablehnung sind. Yukiko Kameya machte böse Erfahrungen mit dieser Kompensations-Bürokratie: Man habe Quittungen für Benzin und Kleidung auf der Flucht verlangt, sagt sie. „Wenn Sie um Ihr Leben gerannt wären, hätten Sie Rechnungen aufgehoben?“, fragte sie einen Tepco-Mann. Die Antwort war Schweigen.

Für Gebiete, die mindestens fünf Jahre unbewohnbar bleiben, versprach Tepco, die vollen Kosten für Umsiedlung und verlorene Immobilien zu tragen. Die Tücke: Anders als einst zugesagt gilt nun der Verkehrswert der Immobilien nach der Katastrophe. Wer aber bietet Geld für ein Häuschen in der Strahlenzone? Die Offerten für Abfindungen sind daher lächerlich.

Von finanziellen Untergängen.
Masumi Kowata etwa hat ein Haus in Okuma, fünf Kilometer vom AKW entfernt. Für das 300-Quadratmeter-Haus bot man der 57-Jährigen 5500 Euro. Es ist wohl kein guter Vergleich, aber soviel kostet eine Monatsmiete für Ausländer in Tokio. Kowata möchte, dass ein Makler das Objekt begutachtet, aber sie kann keinen überreden, in das Sperrgebiet zu reisen. Der besondere Irrsinn: Die Opfer werden auf ewig für ihr Schicksal zahlen müssen. „Tausende Evakuierte haben für ihre Immobilien in der Katastrophenregion Kredite aufgenommen und zahlen jetzt wertlose Häuser ab“, sagt Anwalt Yasushi Tadano.

Herr Kowata leidet seit 3/11 unter Nierenversagen. Das Ehepaar will die Behandlungskosten erstattet bekommen, weil die Krankheit eindeutig auf die komplexen Umstände seit der Katastrophe zurückzuführen ist. Bis jetzt haben sie keinen Yen erhalten.

Übrigens: Auch die Entseuchungsarbeiten am Rand der Sperrzone um Fukushima sind nicht einmal eine halbe Sache. Eigentlich müssten das Heere von Spezialisten machen, aber bisher finden die Behörden das zu teuer und gefährlich. Also übernehmen die Einwohner diesen Job, oft Bauern, die etwa die oberen Schichten ihrer Äcker abtragen und zu Deponien bringen, in der Hoffnung, säen zu können.

Wie gefährlich das Leben nahe der GAU-Reaktoren ist, ist ungeklärt: Laut der erwähnten Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO ist das Krebsrisiko dort ja nur leicht erhöht. Drei Fälle von Schilddrüsenkrebs bei Jugendlichen sind laut Nationalem Institut für Radiologie nicht auf Fukushima zurückzuführen. Umweltschützer und manche japanischen Ärzte halten das für Verharmlosungen: Die Regierung verstecke die wahren Zahlen.

Geschichte

Am 11. März 2011 löste ein extrem starkes Beben unter dem Meer vor der Küste Nordostjapans eine gewaltige Flutwelle (Tsunami) aus, die kilometerweit ins Land vordrang und alles verwüstete. Bisher wurden etwa 16.000 Tote geborgen, etwa 2700 werden noch vermisst.

Eine Welle von mehr als zwölf Metern Höhe überwand die Mauern des am Meer gebauten AKW Fukushima I und beschädigte es so, dass drei der sechs Reaktorblöcke und einige Lager mit Uranbrennstäben überhitzten. Strahlung trat aus, die Region wurde im Umkreis von 20 Kilometern, vorübergehend sogar von 30 km, evakuiert. Außer einigen tödlichen Unfällen während und kurz nach den Rettungs- und Stabilisierungsarbeiten im AKW forderte der GAU nach offiziellen Angaben bisher aber keine Todesopfer.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.03.2013)