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Argentinien: Die Spur der Pferde

Argentinien Spur Pferde
(c) www.bilderbox.com (Erwin Wodicka)
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Argentinien ist einer der größten Exporteure von Pferdefleisch in der Welt. Das Geschäft ist in mafiosen Händen. Oft werden die Tiere gestohlen. Das meiste Fleisch kommt nach Europa.

Die Tiere waren in einem jämmerlichen Zustand. Als argentinische Ermittler, einem anonymen Hinweis folgend, zum Schlachthaus Lamar nahe der Stadt Mercedes kamen, trafen sie auf ein Gehege voller dürstender, abgemagerter und zum Teil verwundeter Pferde, die klare Spuren von Gewaltanwendung aufwiesen. Die in der Pampa noch üblichen Brandzeichen verrieten, dass es sich zum Teil um Tiere handelte, die von Weiden im Umland gestohlen wurden. Weil nicht alle in der Vorwoche als gestohlen gemeldeten Rösser auftauchten, darf davon ausgegangen werden, dass diese sich schon– geschlachtet, gehäutet und geviertelt– auf dem Weg nach Europa befinden.

Für die Beamten hier, 80 Kilometer westlich von Buenos Aires, ist das ein Alltagsdelikt. Das Umland des Wallfahrtsortes Luján ist Pferdeland. Polo-, Renn- und Arbeitspferde werden gezüchtet – und oft gestohlen. Es sind Jugendliche aus den Slums von Buenos Aires, die nachts die Stacheldrahtzäune durchtrennen und die Rösser von den Weiden treiben. Umgerechnet 20 oder 30 Euro zahlt der Hehler, der mit seinem Anhänger an einer Landstraße wartet, dafür. Er wird das Zehn- bis Zwanzigfache einstecken, wenn er die Tiere – versehen mit allen Dokumenten, die argentinische und europäische Behörden fordern– am Schlachthof abliefert. Auch die Pferde im Schlachthaus von Mercedes hatten alle Papiere. Wer sie gefälscht hat, ist Gegenstand der Ermittlung.


200.000 Pferde geschlachtet. Argentinien ist einer der größten Exporteure von Pferdefleisch in der Welt. Die Kunden sind Russland und die EU-Länder Belgien, Niederlande, Frankreich und Italien. Zwischen 150.000 und 200.000 Tiere werden jährlich in den neun Schlachthöfen für „carnes no tradicionales“ verarbeitet. 80 Millionen Dollar gelangen damit jährlich in das Pampa-Land. Trotz reger Exporte gibt es in Argentinien keinen Betrieb, der Pferde als Schlachtvieh züchtet. Mit den Preisen der Pferdemafiosi kann kein Züchter konkurrieren. Offiziell werden nur jene Tiere exportiert, die alt, krank oder überzählig sind. „Aber was die Händler legal auf Auktionen kaufen, ist bei Weitem nicht alles, was auf der Schlachtbank endet“, klagte ein Pferdezüchter aus dem Polozentrum Open Door gegenüber der Tageszeitung „La Nación“.

Weil die rindfleischsüchtigen Argentinier Pferdefleisch verabscheuen, hat sich bisher niemand die Mühe gemacht, die Pferde in dem achtgrößten Flächenstaat der Welt zu registrieren. Zwei bis drei Millionen Rösser weiden zwischen Formosa und Feuerland, schätzen die Behörden. Auf dem Land sind Pferde günstige Arbeits- und Transportmittel. In den Vorbergen der Anden grasen tausende Wildpferde, Nachkommen von ausgerissenen Nutztieren. Auch solche enden in den Schlachthöfen. „Die fehlende Rückverfolgbarkeit ist ein erhebliches Problem“, sagt ein Beamter der Lebensmittelkontrollbehörde Senasa.

Deren Veterinäre kontrollieren in den sechs Schlachthäusern die Exportware auf Bakterien und Arzneirückstände. Zumindest damit gebe es wenig Probleme, sagt der Veterinär Mario López Oliva. „Ein Antibiotikum vielleicht einmal, aber nicht mehr, denn die Arzneikosten übersteigen schnell den Wert eines Arbeitspferdes“, sagt der Pferdearzt, der den Blog „caballosyopinion.com“ veröffentlicht. Pferde, sofern sie nicht für Rennen oder Polo taugen, sind keine Geldanlage.

Aber ein äußerst hochwertiges Lebensmittel. Ihr Fleisch ist magerer als das von Rindern, aber ähnlich zart. Sein Geschmack ist dank eines hohen Glykogen- und Eisengehaltes kräftig, aber auch ein wenig süßlich. Pferde erkranken nicht an Rinderwahn, Schweinepest oder Vogelgrippe. Der Hautgout, den das „Beef der Armen“ seit Jahrhunderten mit sich schleppt, ist ein kultureller. Vor allem in Amerika, wo Pferde geritten, getrieben und nicht selten auch gequält werden, aber nicht gegessen. Mexiko, Brasilien, Uruguay und Kanada exportieren auch Pferdefleisch vor allem nach Europa – halb so teuer wie Beef.

Fleisch für belgischen Schlachthof. Der Schlachthof Lamar, in dem die Ermittler die gestohlenen Pferde sichergestellt haben, gehört zu den Hauptlieferanten der Firma Equinox in Wijnegem bei Antwerpen. Auf deren Website findet sich das Lamar-Logo. „Equinox holt das Fleisch an der Quelle, in dem besten Pferdeland: Argentinien. Die Pferde haben dort freien Auslauf und grasen auf den weit ausgestreckten argentinischen Pampas. Ein jahrelanger Wachstumsprozess, der sich in der reinen Natur abspielt und schließlich Qualitätsfleisch hervorbringt. Per Flugzeug oder Schiff kommt es gekühlt nach Belgien“, ist zu lesen.

Wie genau diese Prozedur abläuft, darüber hüllt sich der belgische Importeur in Schweigen. Für ein Gespräch war bei Equinox niemand bereit – mit dem Verweis, man äußere sich nur zu schriftlichen Anfragen. Auch schriftliche Fragen der „Presse“ blieben bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

Gesprächiger zeigte man sich beim Familienbetrieb Chevideco, der in dem westflämischen Dorf Rekkem beheimatet ist und in dritter Generation mit Pferdefleisch handelt. Geschäftsführer Olivier Kemseke beziffert das Volumen des aus Argentinien eingeführten Pferdefleisches mit 1500 Tonnen pro Jahr – bei einem Jahresumsatz von 15.000 Tonnen. Neben Südamerika bezieht Chevideco Pferdefleisch aus Rumänien und liefert europaweit Filets und Wurstwaren aus. In Frankreich verfügt das Unternehmen sogar über eine eigene Vertriebsniederlassung. Und Österreich? „Nach Österreich haben wir noch nichts verkauft“, sagt er.

Zurück zu den argentinischen Pferden. Natürlich sei das in Südamerika gekaufte Fleisch keineswegs ungeklärter Provenienz, sondern mit Identifikationsnummer und sämtlichen Papieren versehen– „sonst wären wir ja dumm“. Kemseke ist überzeugt, dass das Kontrollsystem in Argentinien „allen EU-Normen entspricht“.

Oberflächlich betrachtet dürfte der belgische Importeur sogar recht haben. Denn in der Tat erfüllen jene argentinischen Schlachthäuser, in denen die für den europäischen Markt vorgesehenen Pferde geschlachtet werden, alle Sanitär- und Dokumentationsbestimmungen der Union, bestätigt Michel Vandenbosch von der belgischen NGO Gaia. Das Problem seien nicht die Schlachthäuser, sondern die Tatsache, dass „der Handel mit Pferden in Argentinien nicht ausreichend kontrolliert wird“. In Argentinien genügen eine Ohrmarke aus Blech und ein simples Formular. „Die Händler schneiden den Pferden oft das Ohr ab, bevor sie es ins Schlachthaus bringen“, erzählt Vandenbosch und meint: „Es ist keineswegs ausgeschlossen, dass in der EU das Fleisch gestohlener Pferde verkauft wird.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.03.2013)