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Wiener Philharmoniker in NS-Zeit: "Sehr aktive 'illegale' Zelle"

Auszüge aus den umfangreichen Historiker-Texten zu den Wiener Philharmonikern in der NS-Zeit.

Im Folgenden Auszüge aus den umfangreichen Historiker-Texten zu den Wiener Philharmonikern in der NS-Zeit. "Die Verantwortung für diese Texte liegt ausschließlich bei der HistorikerInnengruppe", betont der Historiker Oliver Rathkolb.

Einleitender Text:

"1938 griff auf brutalste Weise die Politik ins philharmonische Geschehen ein: Die Nationalsozialisten entließen fristlos alle jüdischen Künstler aus dem Dienst der Staatsoper und lösten den Verein Wiener Philharmoniker auf. Lediglich die Intervention Wilhelm Furtwänglers und anderer Personen bewirkte die Annullierung des Auflösungsbescheides und retteten bis auf zwei die "Halbjuden" und "Versippten" vor Entlassung aus dem Staatsopernorchester. Fünf Orchester-Kollegen verstarben trotz Intervention des neuen NS-Vorstandes, der sie vor der Deportation retten wollte, an den Folgen der KZ-Haft oder wurden ermordet. Weitere zwei Musiker kamen in Wien als direkte Folge von versuchter Deportation oder Verfolgung ums Leben. Insgesamt neun Kollegen wurden ins Exil vertrieben.

Die 11 verbliebenen Orchestermitglieder, die mit Jüdinnen verheiratet waren oder als „Halbjuden" stigmatisiert wurden, lebten unter der ständigen Bedrohung des Widerrufs dieser „Sondergenehmigung".

Doch auch im Orchester selbst gab es bereits eine im Rahmen der Nationalsozialistischen Betriebsorganisation Staatsoper (NSBO) sehr aktive „illegale" Zelle, sodass bereits vor 1938 während des Verbots der NSDAP der Anteil der NSDAP-Mitglieder rund 20 Prozent betrug. 1942 waren 60 von 123 aktiven Musikern Mitglieder der NSDAP geworden."

Der Historiker Fritz Trümpi beschäftigt sich mit dem "Politisierungsprozess der Wiener Philharmoniker vom Ersten Weltkrieg bis 1945":

"Nachdem kurzzeitig unklar war, ob der Verein der Wiener Philharmoniker aufgelöst und das Orchester in die Verwaltung der Staatstheater übergehen sollte, entschied sich der Stillhaltekommissar in Übereinstimmung mit Propagandaminister Goebbels schließlich gegen eine Auflösung. Der Verein blieb weiterhin bestehen, hatte aber einschneidende Satzungsänderungen vorzunehmen: Wichtige Personalentscheide unterlagen nun der Zustimmung zunächst des Reichspropagandaministeriums und später dem Wiener Reichsstatthalter. Außerdem musste statuarisch ein „Arier-„ und ein „Führerprinzip“ festgelegt werden.

In den Verhandlungen mit der „Dienststelle Stillhaltekommissar für Vereine, Organisationen und Verbände“ zeigte sich die Orchesterleitung äußerst kooperativ. Außerdem nahm diese 1940 kurzzeitig ein Funktionär des Wiener Reichspropagandaamtes ins Vorstandsgremium des Orchesters auf. Auch auf institutioneller Ebene zeigt sich darum eine mehrfache Stärkung der Bezüge zu staats- und parteipolitischen Instanzen. Trotz ihres Vereinsstatus wiesen die Wiener Philharmoniker im Nationalsozialismus deutliche Züge einer regimenahen Reichsorganisation auf."

Bernadette Mayrhofer verfasste zu den im Nationalsozialismus vertriebenen und aufgrund der Verfolgung ums Leben gekommenen oder ermordeten Mitgliedern des Staatsopernorchesters und des Vereins Wiener Philharmoniker biografische Porträts. In der Einleitung dazu heißt es:

"Aus dem Philharmonischen Verband bzw. aus dem Orchester der Staatsoper wurden 1938 dreizehn aktive Musiker vertrieben. Drei weitere Philharmoniker, die bereits in der Pension waren, fielen dem Holocaust zum Opfer. Insgesamt fünf Philharmoniker wurden im Zuge der rassistischen Säuberungen ermordet. Ein Philharmoniker starb infolge der Delogierung aus seiner Wohnung. Ein weiterer verstarb noch vor der drohenden Deportation in Wien."

Über die Erfindung der "Neujahrskonzerte" schreibt Rathkolb u.a.:

"Um es unmissverständlich voranzustellen – die Tradition von über Rundfunk (und später Fernsehen) ausgestrahlten Konzerten mit Werken von Johann Strauß anlässlich des Jahreswechsels begann in der NS-Zeit – am 31. Dezember 1939 mit einem „Johann Strauß Konzert“ bzw. am 1. Jänner 1941 mit einer 2. Philharmonischen Akademie, die ab diesem Zeitpunkt von den Wiener Philharmonikern gemeinsam mit der Reichsrundfunkgesellschaft gemeinsam organisiert wurden! Ebenso klar ist die Tatsache, dass weder am 31. Dezember 1939 noch am 1. Jänner 1941 die Wiener Philharmoniker – abseits des Silvesterdatums – erstmals ein spezifisches Programm mit Werken von Werken von Johann und Josef Strauß präsentiert haben."

Über Ehrungen und Auszeichnungen der Philharmoniker schreibt Rathkolb u.a.:

"In der NS-Zeit wurden jedoch zum ersten Mal nicht nur Künstler und Künstlerinnen ausgezeichnet, sondern auch Gen. Feldmarschall Wilhelm List (unklar wann überreicht), Baldur von Schirach (30.3.1942), Dr. Arthur Seyß-Inquart (30.3.1942). (...) Arthur Seyß-Inquart erhielt den Ring dann anlässlich eines späteren Besuches einer Delegation der Wiener Philharmoniker in den besetzten Niederlanden, wobei seine Verdienste als Gauleiter von Wien und die damals „tatkräftige Unterstützung“ der Wiener Philharmoniker, aber auch die Finanzierung eines Konzertes des „Concertgebouw Orchesters Amsterdam“ im Rahmen der 100 Jahresfeier hervorgehoben wurden. 1950 wird aber diese eindeutig politischen Verleihungen nicht mehr erwähnt und auch Prof. Wilhelm Jerger, der am 30.3.1942 den Ehrenring erhalten hatte. nicht mehr genannt– wohl aber Generalintendant Prof. Clemens Krauss (31.3.1943) und dann Dr. Hans Pfitzner (5.3.1949)."

Bezüglich der zweiten Überreichung des Ehrenringes an Schirach nach Entlassung aus der Gefangenschaft (der erste war ihm abhanden gekommen), heißt es u.a., dass Wilhelm Bettelheim in einem handschriftlichen Schreiben am 19.1.2013 unaufgefordert mitgeteilt habe: "Der Mensch der Baldur von Schirach den Ehrenring der Philharmoniker überreichte war Helmut Wobisch. Professor Wobisch war SS Mann und im Jahre 1966 Geschäftsführer der Wiener Philharmoniker. Professor Krips, ein alter Freund der Familie hat mir diese Tatsache 1968 auf dem Gelände des damaligen Wiener AKHs in der Alserstraße erzählt“. Ich habe diese Information nur dem Filmregisseur Robert Neumüller weitergeben und ihn gebeten, Herrn Bettelheim für seine Fernsehdokumentation „Im Schatten der Vergangenheit – Die Wiener Philharmoniker im Nationalsozialismus“ zu interviewen: Wilhelm Bettelheim erscheint mir ein sehr glaubwürdiger Zeuge zu sein."

"Während die private Einzelaktion 1966/1967, ein Duplikat des Ehrenrings Schirach zu überbringen, vor einer Aufklärung steht, muss eine andere Ehrung aus der NS-Zeit offen gelassen werden. In einem nunmehr aufgefundenen internen Plan zur 100 Jahresfeier wird eine Nicolaimedaille in Gold erwähnt, mit der Gravur „Dem Führer“. Diese goldene Nicolaimedaille wird dann auch in dem Verzeichnis, das bereits zitiert wurde, genannt: „Adolf Hitler mit der Widmung „Dem Führer“. Diese Medaille in Gold scheint auch in der Bilanz zur Hundertjahresfeier auf." Entsprechende Protokolle fehlten jedoch.

(APA)