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Japan: Das große Schweigen nach Fukushima

(c) REUTERS (BOGDAN CRISTEL)
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Zwei Jahre nach der Katastrophe strahlt die AKW-Ruine Fukushima vor sich hin. 315.000 Menschen wagen sich nicht nach Hause. Doch den Rest des Landes kümmert das kaum.

Tokio. Am Montag, 14.46 Uhr, dem Moment, als vor zwei Jahren ein Erdbeben der nie zuvor gemessenen Stärke9 das fernöstliche Inselreich erschüttert hatte, stand das Leben still. Die Nation schwieg, Regierungschef Abe und Kaiser Akihito ebenso. Eine Minute stillen Gedenkens, eine Ehrerbietung an die fast 19.000 Katastrophentoten – das forderte der Anstand.

Aber nach dem Schweigen müsste endlich einmal geredet werden, wie es weitergehen soll nach Fukushima. Die offizielle Bilanz der vergangenen 24 Monate fällt eher bescheiden aus. Der Wiederaufbau verläuft mehr als schleppend, Hilfsfonds versickern in politischen Löchern, die Atomruine Fukushima strahlt vor sich hin, und 315.000 Menschen können sich noch immer nicht nach Hause wagen, amtlich 57.000 Einwohner von Fukushima werden ihre alte Heimat absehbar nie wieder betreten. Ein von Gott erteiltes Schicksal oder vielleicht doch mehr das Versagen der Menschen? Die Opfer vor Ort leisten ihr Bestes, versuchen mit oft nur primitiven Mitteln, ihre verseuchten Häuser, Gärten, Wiesen und Ställe wieder benutzbar zu machen.

Auf die versprochene Amtshilfe warten die meisten vergebens. Über finanzielle Hilfe wird erbittert gestritten und gefeilscht. Mehr als 115.000 Gebäude entlang des 400 Kilometer langen Küstenstreifens wurden vollständig zerstört. Die Wirtschaft im Nordosten liegt darnieder, weil sich niemand an lokale Produkte von dort heranwagt.

Fazit: Die Nation hat die Katastrophe zwar nicht offiziell abgehakt, aber im normalen Leben verdrängt. Shoganai – Schicksal eben.

 

Renaissance des Atomstroms

Dabei geht Fukushima eigentlich alle Japaner an. Mehr noch als die Naturgewalt aus Megabeben und Killer-Tsunami müsste die knapp am Super-GAU vorbeigeschrammte Atomkatastrophe die Gemüter bewegen.

Kann man so weiter wirtschaften wie bisher, die Gefahren der Nuklearindustrie zumal in einem der bebengefährdetsten Gebiete der Welt dem ökonomischen Leistungswillen unterstellen?

Zum Jahrestag von Fukushima vor zwölf Monaten gingen noch Zehn-, addiert vielleicht sogar Hunderttausende dagegen auf die Straße. Diesmal waren es eher Tausende, wenn nicht nur Hunderte – und das auch vorzugsweise am Wochenende, wenn nicht gearbeitet werden muss. Nüchtern betrachtet blieben fast 127 Millionen Japaner gleichgültig zu Hause. Wogegen sollten sie auch protestieren? Gegen die Regierung, die unverhüllt mit der Atomlobby kungelt? Eine Zweidrittelmehrheit hat doch erst im Dezember mit den konservativen Liberaldemokraten und Premierminister Shinzo Abe die Atomstromverfechter wieder an die Macht gewählt. Im vollen Bewusstsein übrigens, dass sie damit für eine Renaissance der rund 50 derzeit stillgelegten Reaktoren und den Ausbau weiterer AKW votiert hat.

Alternativen werden kaum in Erwägung gezogen. Wohlgemerkt, Japan ist ein Land der heißen Quellen, wunderbar geeignet für Thermoenergie. Steile Berge würden Speicherkraftwerke ermöglichen, und an 26.500 Kilometer Meeresküste branden die Wellen. Beinahe jeder Vorschlag in diese alternative Richtung wird jedoch lächelnd mit angeblicher Sorge um die Attraktivität des Landes abgebürstet.

Aber ist eine AKW-Ruine etwa ein touristisches Highlight?

Auf einen Blick

Am 11.März 2011 starben in Japan bei einem Erdbeben der Stärke9 und dem darauf folgenden Tsunami 19.000 Menschen. Noch immer leben 300.000 Menschen in Notunterkünften. Die Flutwellen beschädigten auch das Atomkraftwerk in Fukushima. In drei Reaktoren kam es zur Kernschmelze. Es war das größte AKW-Unglück seit Tschernobyl 1986.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2013)