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Wohnhausbrand: Türkei misstraut deutscher Polizei

(c) REUTERS (LISI NIESNER)
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Der Wohnhausbrand von Backnang löst in der Türkei wilde Spekulationen aus. Sogar Präsident Gül will ein rechtsextremes Attentat nicht ausschließen.

Istanbul. Nach dem Tod von sieben türkischen Kindern und ihrer Mutter bei dem Wohnhausbrand im baden-württembergischen Backnang offenbart sich das tiefe Misstrauen der türkischen Regierung und Öffentlichkeit den deutschen Behörden gegenüber. Obwohl die deutsche Polizei keine Hinweise auf einen Anschlag hat, hegen Politiker und Medien den Verdacht, es könne sich um die Tat von Neonazis gehandelt haben.

„Ein neues Solingen?“, fragte die Zeitung „Vatan“ am Montag auf der Titelseite. „Solingen-Verdacht“, hieß es bei dem Blatt „Taraf“. Die nationalistische „Türkiye“ brachte auf den Punkt, was viele Türken nach dem Brand von Backnang dachten: „Wieder Deutschland – wieder Türken verbrannt.“

Auch die hohe Politik äußerte ihre Besorgnis. Staatspräsident Abdullah Gül sagte, angesichts der fremdenfeindlichen Anschläge in Deutschland in der Vergangenheit müsse mit dem Schlimmsten gerechnet werden. Das Außenministerium in Ankara forderte die deutsche Polizei zu Ermittlungen „in alle Richtungen“ auf, auch wenn erste Erkenntnisse zur Brandursache gegen einen Anschlag sprächen. Die Oppositionspartei CHP schickte eine Beobachterdelegation nach Baden-Württemberg.

 

Folge der NSU-Mordserie

Mehr oder weniger offen zeigen die türkischen Behörden, dass sie den deutschen Stellen bei den Ermittlungen in Backnang ganz genau auf die Finger schauen wollen. Mustafa Türker Ari, der türkische Generalkonsul in Stuttgart, sagte der Zeitung „Radikal“, die deutschen Stellen hätten ihm zwar inoffiziell mitgeteilt, dass offenbar weder Brandstiftung noch rechtsextreme Hintergründe vorlägen. „Aber wir behandeln diese Informationen mit Vorsicht“, fügte er hinzu.

Solingen oder Mölln mögen in Deutschland längst an Brisanz verloren haben – in der Türkei sind sie allgegenwärtig. Die tödlichen Brandanschläge von Rechtsextremisten gegen Türken in den 1990er-Jahren haben ein Gefühl der Verunsicherung geschaffen, das bis heute anhält.

Selbst Hausbrände wie der von Ludwigshafen mit neun Toten im Jahr 2008, die von deutschen Ermittlern einwandfrei als Unfälle eingestuft worden sind, gelten am Bosporus nach wie vor als Verdachtsfälle. Am Montag erinnerten türkische Medien ihre Leser und Zuschauer noch an einige andere Brandfälle, bei denen Türken in Deutschland zu Schaden kamen.

Das Misstrauen ist nicht zuletzt Folge der deutschen Beschwichtigungen in den Jahren der NSU-Mordserie. Die Haltung der deutschen Polizei während der Zeit der Morde an acht Türken und einem Griechen habe das Vertrauen der Türken in Deutschland in die Bundesbehörden erschüttert, warnte das türkische Außenamt im vergangenen Jahr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2013)