Die Kundenkredite wurden um fast 50 Prozent reduziert. Einnahmen und Gewinn sind in Russland gestiegen. An möglichem Verkauf oder einer Abspaltung wird weiter gearbeitet
Die Raiffeisen Bank International (RBI) hat ihr Kreditgeschäft in Russland weiter reduziert. Das Kundenkreditvolumen war zum Ende des ersten Halbjahres 2023 nur noch rund halb so groß wie ein Jahr davor. An einer möglichen Abspaltung bzw. an einem Verkauf werde weiter „mit Hochdruck“ gearbeitet, sagte Bankchef Johann Strobl am Dienstag. Die RBI-Gruppe nahm im Halbjahr mehr ein, der Konzerngewinn litt allerdings unter Sondereffekten und sank um 28 Prozent auf 1,2 Milliarden Euro.
Wesentliche Neuigkeiten rund um einen Verkauf oder eine Abspaltung der Russland-Tochter wurden am Dienstag bei der Vorlage der Halbjahreszahlen nicht verkündet. „Wir arbeiten weiterhin mit Hochdruck an zwei Optionen für unser Russlandgeschäft“, sagte der Bankchef. Beide Optionen sind mit hohen bürokratischen Hürden verbunden und nehmen in ihrer Umsetzung viel Zeit in Anspruch, wie das Management in den vergangenen Monaten mehrmals betont hatte.
Bis es zu einer Lösung kommt, wird das Geschäft in Russland jedenfalls weiter zurückgeschraubt. Im Vorjahr waren noch Kundenkredite in Höhe von 13,7 Milliarden Euro ausständig gewesen, im Halbjahr 2023 waren es nur noch rund 7,1 Milliarden Euro. „Wir haben hier fast um 50 Prozent reduziert“, sagte Risikochef Hannes Mösenbacher zur APA.
Auch der Anteil der Russland-Tochter am Betriebsgewinn der gesamten RBI-Gruppe ging bis Ende Juni zurück. „Russland trug im zweiten Quartal mit 35,1 Prozent zum Betriebsergebnis der RBI bei. Im ersten Quartal 2023 betrug der Beitrag noch 45,1 Prozent“, schreibt die Bank. Die gesamte RBI-Gruppe erzielte im Halbjahr ein Betriebsergebnis von 2,7 Milliarden Euro, nach 2,5 Milliarden Euro im Vorjahreszeitraum.
In der Ukraine schrieb die Bank indessen 80 Millionen Euro Gewinn - „trotz der enorm schwierigen Rahmenbedingungen und einer sehr konservativen Risikovorsorge“, so Strobl. In der Vorjahresperiode stand noch ein Verlust von 70 Millionen Euro zu Buche.
Sondereffekte fielen weg
Die gesamte RBI-Gruppe verzeichnete im Halbjahr ein Konzernergebnis von 1,2 Milliarden Euro, das waren um 27,9 Prozent weniger als in der Vorjahresperiode. Grund dafür waren unter anderem positive Sondereffekte, die im Vorjahr 2022 schlagend geworden waren. So hatte im ersten Halbjahr 2022 der Verkauf der Bulgarien-Tochter in Höhe von 453 Millionen Euro positiv auf die Bilanz gewirkt. Dieser Effekt fällt heuer weg. Das Ergebnis nach Steuern aus fortgeführten Geschäftsbereichen lag im ersten Halbjahr 2023 mit 1,3 Milliarden Euro um rund zwei Prozent über der Vorjahresperiode.
Darüber hinaus hatte die Bank im Vorjahr noch große Hedgepositionen auf den russischen Rubel, sagte Mösenbacher. Nach der starken Abwertung der Währung im Vorjahr habe die Bank die Positionen aufgelöst und „den positiven Marktwert einkassiert“. Heuer seien solche Hedgings weder möglich noch sinnvoll gewesen.
Weiters schlugen höhere Rechtsvorsorgen für offene Frankenkredit-Streitfälle in Polen auf den Gewinn. Der Schritt folgte auf ein neues Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) in der Sache. In dem Streit geht es um Tausende Polen, die noch vor der Finanzkrise wegen damals niedriger Zinsen in der Schweiz Kreditverträge in Franken abgeschlossen haben, um ihr Haus zu finanzieren. Der polnische Zloty verlor jedoch in der Folgezeit gegenüber dem Franken massiv an Wert, was die Häuselbauer stark belastete. Viele Kreditnehmer klagten daraufhin gegen ihre Banken, um aus den teuren Krediten herauszukommen.
Aktuell sind laut Mösenbacher bei der RBI 11.585 Fälle offen, das nominale Volumen liege bei 1,890 Milliarden Euro. Die gesamte Rechtsvorsorge dafür betrage 1,199 Milliarden Euro, was einer Deckungsquote von 63 Prozent entspreche. Nach dem EuGH-Urteil im Juni habe es einen deutlichen Zuwachs an neuen Fällen gegeben, dementsprechend habe die Bank im zweiten Quartal zusätzliche 430 Millionen Euro an Vorsorgen gebucht. Jeder Kredit müsse zudem mit Kapital unterlegt werden, hierfür seien derzeit weitere 308 Millionen Euro gebunden, so der Risikochef.
Management zeigt sich zufrieden
Auf der Einnahmenseite schrieb die Bank indessen Zuwächse. Der Nettozinsüberschuss legte um 25 Prozent auf 2,75 Milliarden Euro zu und der Provisionsüberschuss wuchs um 8,4 Prozent auf 1,7 Milliarden Euro an. Die harte Kernkapitalquote lag bei 15,9 Prozent, nach 16 Prozent zum Jahresende 2022. Im Falle einer „Dekonsolidierung der russischen Tochterbank ohne Berücksichtigung ihres Eigenkapitals“ würde die Quote bei 13,9 Prozent liegen, so die Bank.
Auch beim am Freitag veröffentlichten Stresstest habe man gut abgeschnitten. „Der Kapitalverzehr im adversen Szenario betrug 361 Basispunkte und lag damit unter dem Durchschnitt der teilnehmenden Banken“, schreibt die RBI.
Mit den Ergebnissen zeigte sich das Management zufrieden. „Die RBI hat ihr stabiles Geschäftsmodell und ihre Ertragsstärke einmal mehr unter Beweis gestellt“, so Bankchef Johann Strobl laut Aussendung. Für das laufende Jahr rechnet die Bank (ohne Russland und Belarus) mit einem Zinsüberschuss 3,8 und 4,0 Milliarden Euro und einem Provisionsüberschuss bei rund 1,8 Milliarden Euro. Für Kundenforderungen wird ein Plus von 2 Prozent angepeilt. (APA)