Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Die Vorschule als Chance für die Sprachförderung

Vorschule Chance fuer Sprachfoerderung
(C) Clemens Fabry
  • Drucken

Die Vorschule wurde als „Ghettoklasse“ für Kinder mit Deutschdefiziten abgestempelt. Dabei kann dort gezielt und geduldig gearbeitet werden.

Wien. Die selbst gebastelten Hasenohren haben die Vorschüler bereits aufgesetzt. Und schon beginnen sie gemeinsam mit ihrer Lehrerin zu singen: „Häschen in der Grube, saß und schlief“, tönt es durch das Klassenzimmer. Die 16 Vorschüler der Hans-Christian-Andersen-Volksschule in Wien Ottakring proben heute zum ersten Mal das Hasen-Musical, das sie noch vor Ostern ihren Eltern präsentieren wollen. Für die Sechsjährigen ist das durchaus eine große Herausforderung. Denn viele von ihnen haben nicht nur Schwierigkeiten, sich den Text zu merken – ihnen fällt es allein schon schwer, die Wörter zu verstehen.

Fast jedes zweite Kind, das hier in der Vorschule sitzt, wurde deshalb nicht eingeschult – weil es nicht gut genug Deutsch spricht. Die anderen wurden ob ihrer Konzentrationsschwächen oder ihrer Bewegungsdefizite für nicht schulreif erklärt. Von „Ghettoklassen“ – wie Vorschulklassen in der politischen Debatte um eine Verbesserung der Sprachförderung häufig bezeichnet werden – ist man hier weit entfernt. Doch dass Kinder mit Migrationshintergrund in der Vorschule deutlich überrepräsentiert sind, lässt sich tatsächlich nicht von der Hand weisen. Erst kürzlich zeigte eine spezielle Auswertung der Statistik Austria, dass österreichweit zwar nur ein Viertel der Sechsjährigen zu Hause nicht Deutsch spricht – an den Vorschulen aber haben mehr als die Hälfte (53,3 Prozent) der Kinder eine andere Muttersprache als Deutsch.

Kein Wunder also, dass dieser Schultyp ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückte. Denn seit Jahresbeginn wird – ausgehend von Staatssekretär Sebastian Kurz (ÖVP) und Ministerin Claudia Schmied (SPÖ) – heftig darüber gestritten, ob es sinnvoller ist, Kinder, die schlecht Deutsch sprechen, in Vorschulen zu schicken. Oder ob sie besser innerhalb der Regelschule gefördert werden sollen. Klar ist: In den Vorschulen gehört Sprachförderung ob der großen Zahl an Migranten bereits zum Alltag. Stellt sich die Frage, wie diese in der Praxis funktioniert.

 

Nichts ist selbstverständlich

Bei den Proben für das Hasen-Musical in der Vorschulklasse der Andersen-Volksschule steht die Verbesserung der Deutschkenntnisse jedenfalls auch im Mittelpunkt. Immer wieder greift die Lehrerin einzelne Wörter aus den Liedtexten heraus und fragt die Sechsjährigen, was diese Begriffe bedeuten. Erklärt wird beispielsweise der Unterschied zwischen „essen“ und „fressen“. Es gilt: Als selbstverständlich darf nichts angenommen werden.

Auch die Begleitlehrerin, die elf Stunden pro Woche in der Klasse ist, spielt bei der Sprachförderung eine wichtige Rolle. Bei den Proben zum Musical steht sie vor der Tafel und versucht, die Kinder zum Mitsingen zu motivieren. Die Vorschüler sollen die Angst davor verlieren, Deutsch zu sprechen. Und so hoppelt die Begleitlehrerin wie ein Hase, trinkt aus einem Plastikbecher und isst vom Teller – alle Wörter, die in den Liedern vorkommen, versucht sie, durch Mimik und Gestik verständlich zu machen.

Das ist längst noch nicht alles. An der Andersen-Schule wird auch in Kleingruppen an den Deutschkenntnissen der Kinder gefeilt. Hier geht es vor allem darum, dass die Vorschüler selbst sprechen. Nach den Proben für das Musical werden die Kinder in zwei Gruppen geteilt. Mit den Kindern, die gravierende Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache haben, beschäftigt sich die Begleitlehrerin. Schnell wird klar: Vor allem die Artikel und die Mehrzahl bereiten den Kindern Schwierigkeiten. Sätze wie „Das ist meine Augen“, „Zeig mir der Haare“, fallen häufig. Immer wieder korrigiert die Lehrerin die Kinder und wiederholt die richtigen Sätze. Kindern die deutsche Sprache – vor allem die komplizierte Grammatik – beizubringen braucht Engagement. Und Geduld. Mehr Zeit für die Sprachförderung können sich die Pädagoginnen dabei sicherlich in der Vorschule nehmen.

Nach dem Hickhack auf politischer Ebene zeigt sich, dass auch die von Ministerin Schmied eingesetzte Arbeitsgruppe zur Sprachförderung die Arbeit der Vorschulen schätzt. Wie „Die Presse“ berichtete, dürfte sie empfehlen, Kinder mit Deutschdefiziten – je nach Standort und Situation – häufiger in Vorschulklassen zu schicken. Und das, obwohl Schmied ursprünglich dagegen war.

Auf einen Blick

Die Sprachförderung sorgte zu Jahresbeginn für Aufregung. Staatssekretär Sebastian Kurz (ÖVP) forderte, dass Kinder, die Deutschdefizite haben, nicht eingeschult, sondern in die Vorschule geschickt werden. Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) lehnte das ab und sprach von „Ghettoklassen“. Wenig später beauftragte sie eine Arbeitsgruppe, ein Maßnahmenprogramm auszuarbeiten. Wie „Die Presse“ erfuhr, sieht auch dieses vor, Kinder mit Deutschdefiziten – je nach Schulstandort und Situation – in Vorschulen zu schicken.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.03.2013)