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Die Menschwerdung des Menschen? Ohne mich!

Die Menschwerdung des Menschen kann nur stattfinden, wenn der Mensch sich wenigstens umoperieren lässt...

 

Die vorletzten Dinge

Jüngst riet mir mein Lieblingspsychotherapeut, mich selbst neu zu erfinden. Zwecklos. Nun hat er den letzten Schrei („Dernier cri“) für mich: umoperieren lassen! Und während er sein perlweißes Gebiss blitzen lässt, doziert mein Lieblingspsychotherapeut, ganz Frauenversteher, über die todschicken Transgender-Models auf den Catwalks der heurigen Brazil's Fashion Week. Einfach so zu bleiben, wie man ist, sei jedenfalls ein absolutes No-go.

Ich will aber so bleiben, wie ich bin. Das eben, sagt mein Lieblingspsychotherapeut und perlt mich an (ich glaube, er hat mehr Perlweiß im Mund, als die Dentistenregel erlaubt), sei mein Grundkomplex. Aha, schnappe ich zurück. Woraufhin mir beschieden wird: Ein Mensch könne gar nicht genug Komplexe haben, denn der, der die Komplexe therapiert (perl, perl, perl), müsse schließlich auch von etwas leben, oder? Und dann hält er mir einen kleinen Vortrag über die Menschwerdung des Menschen, die ohne Komplexe nie und nimmer stattfinden könnte.

Denken Sie nur an den guten alten Ödipus, mein Lieber! Wir würden heute sagen, sagt mein Lieblingspsychotherapeut unter Verwendung seines perlendsten Pluralis Majestatis, dass der gute alte Ödipus, nachdem es ihm nichts geholfen hat, sich selbst neu zu erfinden – den Vater erschlagen, die Mutter beschlafen, nicht schlecht, aber er wusste nichts, nicht wahr? –, sich dann, als er's endlich wusste, gleich selbst gründlich umoperierte.

Das herzlich perlende Lachen meines Lieblingspsychotherapeuten signalisiert mir, auf welcher gedanklichen Höhe wir uns bereits befinden. Trotzdem bleibe ich begriffsstutzig (das muss mein Begriffsstutzigkeitskomplex sein): gleich selbst gründlich umoperiert. . .? Jawohl, gleich selbst!

Die gute Laune meines Lieblingspsychotherapeuten fliegt mir jetzt perlweiß um die Ohren. Der gute alte Freud (der übrigens vom Zigarrenrauchen ganz gelbe Zähne hatte) sei ja bereits längst überwunden. Da der Vater der Psychoanalyse auch der Erfinder meiner Lieblingskomplexe ist, bocke ich. Vergeblich, ich werde von meinem Lieblingspsychotherapeuten aus meiner Begriffsstutzigkeit herausgeperlt: Der gelungene Versuch des Ödipus, sich die Augen gleich selbst auszustechen, liefere eine nachhaltige Bestätigung des jüngsten psychotherapeutisch letzten Schreis („Dernier cri“): „Sich neu erfinden war gestern, umoperieren ist heute!“

Weil mich angesichts dieser postfreudianischen Wende des Ödipuskomplexes das Gefühl beschleicht, es handle sich um eine unüberbietbare Geschmacklosigkeit, fordere ich meinen Lieblingspsychotherapeuten heraus, indem ich ihm meinen begriffsstutzigen Standpunkt vortrage, während ich meine altmenschlich grauen Zähne fletsche: Ödipus ist der, der er immer war und sein wird – einer, der sich treu bleibt, während er seinem Schicksal in die Arme läuft, obwohl er sich redlich müht, ihm zu entkommen. Kurz: Ödipus ist der menschgewordene Mensch!

Da fertigt mich mein Lieblingspsychotherapeut ab. Er, der sich nach einigen Neuerfindungen (drei Ehefrauen, fünf Kinder, alle nennen ihn „Herr Doktor“) sein Fünfzig-plus-Gekräusel-und-Geschotter in und um seinen Frauenverstehermund zum Perlweißstrahlen der Frauenbeglücker hat abtragen, aufspritzen und umoperieren lassen, eröffnet mir, dass die heutige Sitzung „perdu“ sei, weil, wären alle „Multikomplexler“ so begriffsstutzig wie ich, die Menschwerdung des Menschen noch lange auf sich warten ließe. Was mich betrifft, mir wär's recht.


E-Mails an: peter.strasser@uni-graz.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.03.2013)