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„Vaticanisti“: Sprachrohre der Kardinäle und Mitspieler im Papa-Toto

(c) Reuters (MAX ROSSI)
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Die Vatikan-Insider der italienischen Gazetten verfeinerten im Lauf der Jahrhunderte die Kunst der Spekulation. Zugleich sind sie Instrumente für Intrigen.

Wien. Was geschieht hinter den Mauern der Sixtinischen Kapelle? Niemand weiß Genaues zu sagen, doch die Neugier der Weltöffentlichkeit will gestillt, die Sendeminuten und Zeitungsspalten wollen gefüllt sein. Es ist die Zeit der „Vaticanisti“, der professionellen Vatikan-Beobachter, die jede Nuance registrieren und jede Geste interpretieren. Im Lauf der Jahrhunderte haben die Vatikan-Korrespondenten der italienischen Blätter die Kunst der Spekulation verfeinert, oft gefüttert aus höchsten Stellen der Kurie.

Demnach gleiche die Situation der von 1978, als die Kardinäle nach dem abrupten Tod von Johannes Paul II. innerhalb weniger Wochen ein zweites Mal zum Konklave zusammengekommen sind. Die ersten Wahlgänge ergaben ein Patt zwischen den beiden italienischen Favoriten, dem Genuesen Giuseppe Siri und dem Florentiner Giovanni Benelli. Franz König, der allseits renommierte Wiener Kardinal, brach damals die Lanze für einen weithin unbekannten Krakauer Erzbischof: Karol Wojtyla. Selbst als „papabile“ angesehen, ging König als „Königsmacher“ in die Kirchenannalen ein.

 

„Königsmacher“ Schönborn?

Womöglich kommt seinem Nachnachfolger heuer eine ähnliche Rolle zu. Blockieren sich die beiden vermeintlichen „Frontrunner“, der Mailänder Angelo Scola und Odilo Scherer aus São Paolo, käme ein Kompromisskandidat zum Zug, spekuliert die „Süddeutsche Zeitung“. Christoph Schönborn, ursprünglich ein Dominikaner, könnte sich als Wortführer für einen anderen Ordenspater aussprechen: den Franziskaner Sean O'Malley aus Boston, der sich als moderner Krisenmanager Meriten erwarb und zugleich über einen guten Draht zu seinen lateinamerikanischen Amtskollegen verfügt .

Beim „Papa-Toto“ der italienischen Gazetten stehen die US-Amerikaner O'Malley und Timothy Dolan ganz hoch im Kurs, während die Chancen für Scola und Scherer angeblich schwinden. Sandro Magister, der „Vaticanista“ des italienischen Magazins „Espresso“, prophezeite einen Papst aus den USA, was einer Sensation gleichkäme.

Vor acht Jahren führte ein – anonymer – Kardinal ein geheimes Tagebuch beim Konklave, das er trotz Schweigegelübdes und Androhung der Exkommunikation Monate später einem „Vaticanista“, dem italienischen TV-Journalisten Lucio Brunelli, zuspielte. Als haushoher Favorit kristallisierte sich von Anfang an Joseph Ratzinger heraus, die schärfste Konkurrenz erwuchs ihm von zwei Jesuitenkardinälen. Der Ratzinger-Gegenspieler und prominente liberale Mailänder Erzbischof Carlo Maria Martini forcierte seinen Ordensbruder, den Argentinier Jorge Mario Bergoglio. Am Ende hatte der allerdings bald das Nachsehen.

„Die Vaticanisti sind keine Beobachter, sie sind Mitspieler. Das ist jetzt ihre große Chance“, urteilt Thomas Reese, Jesuit und Theologe an der Georgetown University in Washington. Andrea Tornielli, der Vatikan-Insider der Turiner Zeitung „La Stampa“, meint dagegen: „Ich bin nur ein kleiner Journalist, ich habe keine Macht.“ Tornielli war aber während des Vorkonklaves bestens über die Beratungen und Wortmeldungen der Kardinäle unterrichtet und zitierte ausgiebig daraus. „Ich habe kein Pferd im Rennen“, erklärte er in der „Washington Post“.

Unter Berufung auf einen – selbstredend anonymen – Kardinal agierte er als dessen Sprachrohr und lancierte den Namen Scherer. Eine Intrige, um ihn zu verhindern? „Nur Nostradamus könnte heute Vorhersagen treffen“, sagt ein „Vaticanista“ ironisch. Derweil behalf sich Carlo Marroni von „Il Sole 24 Ore“ mit einem Roman. In „Le Mani Sul Vaticano“ beschrieb er Machenschaften, Morde, die Macht des Opus Dei – und die Kür eines chinesischen Papstes.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.03.2013)