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Rewe-Chef: "Drive-In Supermarkt für Wien"

ReweChef Sonntag heilig
(c) APA/HANS KLAUS TECHT (HANS KLAUS TECHT)

Rewe-International-Vorstand Frank Hensel über die falsche Bioidylle, Drive-in-Supermärkte, strengere Regeln gegen Preisabsprachen und das "Gockelprojekt", mit dem Rewe männliche Küken vor dem Tod retten will.

Die Presse: Die Preise im österreichischen Lebensmittelhandel sind relativ hoch. Laut Arbeiterkammer zahlt man auch bei identischen Markenprodukten mehr als in Deutschland. Warum ist Österreich so teuer?

Frank Hensel: Die Preisvergleiche der Arbeiterkammer sind unseriös, die berücksichtigen viele Faktoren nicht. Insbesondere nicht, dass wir einen höheren Aktionsanteil haben, der liegt in Österreich bei 30 Prozent, in Deutschland bei knapp zehn Prozent. Dazu kommen noch unsere Kundenklub-Aktivitäten. Außerdem haben wir eine größere Marktdichte und höhere Logistikkosten. Kein Markt ist mit dem anderen vergleichbar.

Zum Kartellverfahren gegen Rewe wegen Preisabsprachen wollen Sie sich nach wie vor nicht äußern?

Das ist ein laufendes Verfahren, zu dem können wir nichts sagen.

Sie haben strengere Verhaltensregeln für Händler und Lieferanten gefordert. Was schwebt Ihnen da vor?

Das Kartellrecht lässt sehr viel Spielraum für Interpretation, insbesondere für den Spezialfall Lebensmitteleinzelhandel. Dazu gibt es im Kartellrecht nur einen einzigen Satz. Der Lebensmittelhandel ist mit dem Handel von Konsumgütern nicht vergleichbar. Wir verkaufen tausende von Produkten in vielen unterschiedlichen Warengruppen. Noch dazu sind unsere Waren großteils verderblich, und es gibt viele Aktionen. Deshalb kommunizieren wir anders mit den Herstellern und den Landwirten. Vernünftige Regeln wären wichtig für die Branche, damit man weiß, was man unter Umständen falsch macht.

Hat sich der Pferdefleischskandal auf den Absatz bestimmter Produkte ausgewirkt? Auf Tiefkühllasagne oder Ravioli zum Beispiel?

Nein, das konnten wir nicht feststellen. Wir haben insgesamt weit über 170 Proben gezogen, die waren alle negativ. Auch die Behördenproben waren alle negativ. Bis auf einen sehr eigenwilligen regionalen Wursthersteller in Kärnten. Der hat gemeint, er mischt Pferdefleisch bei, um die Qualität zu verbessern. Das hat uns schon ein bisschen erschüttert. Wir sind davon ausgegangen, dass Regionalität dafür steht, dass das Produkt nachvollziehbar ist.

Wie kontrolliert Rewe die Qualität des Fleisches?

Wir machen im Jahr über 7000 Eigenprüfungen, weit mehr, als der Gesetzgeber insgesamt in Österreich macht. Beim Fleisch arbeiten wir mit Organisationen zusammen, die das kontrollieren. Wir haben ja zum Teil Ama-Gütesiegel-Fleisch, zum Teil haben wir einen Herkunftsnachweis. Das heißt, jeder Wareneingang wird im System mit einer Nummer erfasst, damit haben wir einen hohen Kontrollstandard.

Die Werbung von „Ja! Natürlich“ verspricht ein Bioidyll. Die Realität sieht vielfach anders aus. In Biobetrieben werden industrielle Hybridhühner verwendet, die männlichen Küken werden vergast. Ist das in Ordnung?

Bei „Ja! Natürlich“ gibt es ein neues Projekt, wir nennen es intern das „Gockelprojekt“, bei dem wir uns genau um die männlichen Küken kümmern, diese gemeinsam mit den weiblichen Küken aufziehen und auch in der Kette verwerten. Eines muss man an der Stelle aber ganz klar sagen: Einfach wieder zu einer Urproduktion zurückzukehren, wo einer zwei Hennen und eine Kuh zu Hause hat, das wird es nicht mehr spielen. Wir werden zu bestimmten, zumindest teilindustriellen Haltungsformen stehen müssen. Alles andere ist vielleicht eine gute Story, entspricht aber nicht der Realität.

Das heißt, die gute Story, die Sie da in der Werbung vermitteln, ist eine Lüge?

Das ist keine Lüge. Bei unseren 7000 Biobauern sind viele dabei, die nahe an das Bild herankommen, das wir in der Werbung zeichnen. Aber ich muss Ihnen wohl nicht sagen, dass Werbung immer Idealisierung ist.

Italien ist für Rewe offensichtlich ein problematischer Markt. 42 Billa-Filialen wurden 2012 abgestoßen.

Wir haben uns entschieden, dass wir das Geschäft in Mittel- und Süditalien aufgeben. Im Norden sind wir ordentlich und gut gewachsen. Ich will aber nicht verhehlen, dass wir den italienischen Markt unter den derzeitigen Rahmenbedingungen als sehr herausfordernd sehen. Die Wahlen haben nicht gerade für Stabilität gesorgt.

Das heißt, Sie erwägen eventuell noch einen weiteren Rückzug?

Nein, aber dieser Markt ist sicher eine Herausforderung.

Gehen die Leute in Krisenzeiten mehr zum Diskonter?

Wir sehen vor allem eine Verschiebung zu anderen Preislagen. In Krisenzeiten verhält sich der Verbraucher anders. Er nimmt mehr Werbeangebote an, er weicht unter Umständen auf Einstiegsmarken aus. Die Menschen essen ja in der Krise nicht weniger. Sie schränken sich anders ein.

In Köln ist letztes Jahr ein Drive-in-Billa eröffnet worden, wo die Kunden ihre Ware online bestellen und dann abholen. Wie kommt das an?

Wir können noch nicht endgültig sagen, ob das ein Erfolg ist oder nicht. Es ist auf jeden Fall ein Konzept für den urbanen Raum. Im ländlichen Raum wird sich das nicht durchsetzen, da wird es eher bei den stationären Verkaufsstellen bleiben. Es wird in Bälde auch in Wien einen Drive-in-Supermarkt geben.

Sollen die Rewe-Supermärkte auch am Sonntag öffnen dürfen?

Mir persönlich ist der Sonntag heilig, aber das gilt nicht für mich als Unternehmer oder für die Branche. Solange es der Gesetzgeber – mit einigen Ausnahmen – so vorschreibt, ist der Sonntag für uns tabu. Wenn sich aber etwas ändert, dann müssen umfassende Rahmenbedingungen geschaffen werden. Wir könnten derzeit gar nicht sonntags öffnen, weil wir wegen eines Gesetzes im Transportwesen nicht ausliefern dürfen. Wir halten es aber auch nicht für notwendig, weil wir wissen, dass unsere Kunden mit den jetzigen Öffnungszeiten sehr zufrieden sind.

Aber wenn sich das Gesetz ändert, dann würden die Rewe-Märkte auch am Sonntag aufsperren?

Ja, das würden wir.

Zur Person

Frank Hensel ist seit 2008 Vorstandsvorsitzender der Rewe International AG. Er startete 1988 als Sales-Manager der Nestlé AG Deutschland. Zwei Jahre später wechselte er als Vorstandsassistent zur Spar AG Hamburg. Zu Rewe kam er 1999. Heute verantwortet der studierte Betriebswirt, der auch eine Einzelhandelslehre absolviert hat, die Geschäfte von Billa, Merkur, Bipa und Adeg.

Auf einen Blick

Die Rewe International AG, Tochter der Rewe-Gruppe, ist der österreichische Marktführer im Lebensmittel- und Drogeriefachhandel und erwirtschaftete hierzulande 2012 einen Bruttoumsatz von 7,73 Mrd. Euro, ein Zuwachs von rund 3,5Prozent. Zu Rewe gehören die Märkte Billa, Merkur, Adeg, Penny und Bipa.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.03.2013)