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Kritische Anmerkungen eines katholischen Atheisten

Die Geschichte zeigt es deutlich: Gott – das ist immer nur der unerklärbare Rest. Daran wird kein Papst etwas ändern können.

In dieswöchigen Kommentaren in der „Presse“ haben Michael Fleischhacker (11. 3.) und Michael Etlinger (12. 3.) – ohne direkt darauf Bezug zu nehmen – in Wahrheit die Probleme des eben begonnenen Pontifikats (und aller kommenden) angesprochen.

Die Feststellungen beider Kommentatoren hängen unausgesprochen zusammen. Wenn Fleischhacker schreibt: „Es gibt in Redaktionen kaum noch Menschen, die die katholische Kirche nicht für eine skurrile Ansammlung von wirklichkeitsfremden Idioten halten“, dann liefert Etlinger die Begründung für diesen Zustand, nämlich dass „Teile des Klerus sich bereits weit von den Grundfesten ihres Glaubens entfernt haben“.
Aber taugen diese lapidaren Feststellungen zum Vorwurf? Greifen sie als Kritik nicht zu kurz? Denn offensichtlich ist die Kirche nicht mehr in der Lage, den „Gläubigen“ wesentliche Glaubensgrundlagen zu vermitteln, sowie deren Inhalt und Bedeutung zu erklären. Die Amtskirche hat sich auf ein paar symbolische Randfragen des Glaubens konzentriert, die sie bis zum Erbrechen wiederkäut: Zölibat, Wiederverheiratete, Empfängnisverhütung. Nebenschauplätze des Glaubens. Die wirklich substanziellen Fragen werden öffentlich nicht diskutiert.

Das Verständnis des Kirchenvolks


So entsteht die skurrile Situation, dass nicht einmal alle Kirchgänger an ein Leben nach dem Tod, an die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel oder gar an die Existenz eines personalen Gottes glauben. Wie viele gläubige Katholiken interpretieren die unbefleckte Empfängnis richtig im Sinne der Lehre? Wer von ihnen weiß, dass der Papst nicht grundsätzlich unfehlbar ist, sondern nur, wenn er Erklärungen ex cathedra abgibt?
Dem Verständnis des Kirchenvolkes über das Wesen der Dreifaltigkeit will man lieber gar nicht auf den Grund gehen. Einen der wesentlichsten Unterschiede zwischen Katholizismus und Protestantismus, nämlich worin das Wesen der Gnade bestehe, kann kaum ein Gläubiger erklären.

Selbst der zurückgetretene Papst, der als bedeutender Theologe des 20. Jahrhunderts gilt, ist mit sich selbst uneinig, ob es mit dem Glauben vereinbar ist, Josef als leiblichen Vater von Jesus und die Vaterschaft Gottes nur im ontologischen Sinne zu verstehen.

Wie soll man andererseits modernen Menschen folgende Kausalkette verklickern? Maria, als die zukünftige Mutter Gottes, musste bereits von ihrer Mutter unbefleckt (also ohne Erbsünde) empfangen werden, um würdig zu sein, den Sohn Gottes zu empfangen; eine Zeugung, die ihrerseits von Gottvater mit Hilfe des Heiligen Geistes bewerkstelligt wurde und zur Jungfrauengeburt führte.
Gottvater, Gottsohn und Heiliger Geist, die aber eigentlich wiederum nur einer sind . . . – lassen wir das eingehendere Nachdenken über diese frühe Form einer etwas seltsamen Patchworkfamilie lieber bleiben. Niemand sollte sich aber wundern, dass eine Bürokratie, die sich mit der Verwaltung solcher Wahrheiten und der Sanktionierung ihrer Leugnung beschäftigt, als „skurrile Ansammlung“ wahrgenommen wird.

Das Problem ist: Wenn man ein Steinchen aus diesem Glaubensmosaik entfernt, poltert das nächste, das übernächste usw. Das haben die Konservativen richtig erkannt. Es ist das Wesen in sich schlüssiger Dogmatik, dass sie kaum veränderbar ist, ohne den gesamten Glauben infrage zu stellen. Darum verteidigen die katholischen Fundamentalisten jeden Millimeter ihres Glaubens.
Wer die Bibel unvoreingenommen liest, nicht weglässt oder uminterpretiert, was ihm weniger sympathisch ist, der wird feststellen, das Jesus Christus kein „Lauer“ war, sondern ein ziemlich radikaler Fundamentalist, ein religiöser Eiferer. Die wurden damals und die werden heute von der Staatsmacht misstrauisch beäugt.

Jesus war kein netter Zeitgenosse


Es ist das Wesen von Kirchen, Wahrheiten und nicht bloß Möglichkeiten zu verkünden. Es irrt, wer meint, ein biblisch interpretierter Jesus sei ein netter Zeitgenosse. Sogar seine Jünger murrten bisweilen. (Joh 6,60: „Was er sagt, ist unerträglich.“) Der Mann hat den Tempel gestürmt, die Geschäftemacher verjagt; er verlangte, allen Besitz zu verkaufen, das Geld den Armen zu geben (Mt 19,21). Was davon wird im christlichen Abendland gelebt? Jesus von Nazareth kannte kein „das Boot ist voll“.
Das Konzept der Naturreligionen hat funktioniert, solang es keine Erkenntnisse über das Wesen der Natur gab. Als der Mensch erkannte, wie man Feuer macht, war es mit dem Glauben, dass die Flamme selbst ein Gott sei, vorbei (wenn auch Reste davon sich noch im brennenden Dornbusch der Bibel finden). Nach Kopernikus und mit den Berechnungen Keplers war es um das geozentrische Weltbild geschehen und um die eine, einzige Welt, um die sich alles – inklusive Gott – dreht.

Der abstrakte Gott der Zukunft


Die Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaften machen das Konzept des personalen Gottes so obsolet, wie die Erfindung des Feuersteins das Konzept des Feuers als Gottheit. Wer würde heute noch an einen Sonnengott altägyptischer Prägung glauben?
Die Versuche, die alten Dogmen der Kirche zu verteidigen und mit der Vernunft zu versöhnen, sind ebenso an ihre Grenze gekommen. Uns diese Welt als von einem höheren Wesen gewollt darzustellen, das sich an der Existenz der Menschen erfreuen will – diese Idee kann man mit gutem Recht als ziemlich idiotisch begreifen.

Sollte die Menschheit die für demnächst angesagten Katastrophen überleben, dann kann man davon ausgehen, dass der Gott der Zukunft noch abstrakter als transzendentes Prinzip durch die Köpfe spuken wird, das sich um uns Menschen nie geschert hat und nie scheren wird. Es wird Leute geben, die an ein solches Prinzip glauben werden, und solche, die das nicht tun werden.
Dank der Grenzen der menschlichen Erkenntnisfähigkeiten wird immer Raum bleiben für eine Fantasie von Gott. Denn Gott, das ist – die Geschichte zeigt es deutlich – immer nur der unerklärbare Rest. Daran kann kein Papst etwas ändern – egal ob reaktionär, konservativ oder wie fortschrittlich auch immer.

Der Vorteil der Konservativen


Die konservativen Kräfte haben dadurch einen strukturellen Vorteil: Es gibt viel zu verlieren und wenig zu gewinnen, wenn man den alten Wahrheiten abschwört. Das Ende des geozentrischen Weltbildes führte zur bis heute unbeantwortbaren Frage, wo Gott denn nun wohne.

Die Fähigkeit des Menschen, mit der Pipette Leben zu schaffen, zwingt Gott, an einem Schöpfungsakt teilzunehmen, den seine Kirche ablehnt. Gott ist nicht mehr der Allmächtige. Er ist – siehe oben – bloß noch der unerklärbare Rest. An ihn zu glauben ist achtbar, aber nicht sehr vernünftig.
Da bleibt einem wie mir – jesuitisch beeinflusst, neuländerisch geprägt – nur mehr ein Bekenntnis: der katholische Atheismus.

Zum Autor

Michael Amon lebt als freier Autor in Gmunden und Wien. Im autobiografischen Roman „Fromme Begierden“ hat er die Geschichte der katholischen Reformbewegung „Neulandbund“ und die dazu in Widerspruch stehende, von Gewalt und Missbrauch geprägte Internatspraxis der 1960er-Jahre dargestellt. Ab April neu im Echomedia-Buchverlag: „Wehe den Besiegten“, ein Krimi.



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