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Warum Afrikas Boom die Luft ausgeht

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Kaum eine Region entwickelt sich rascher als Afrika. Doch der Boom der Nullerjahre ist wohl auf Sand gebaut. Ohne Rohstoffe geht nichts, dem Mittelstand droht eine Kreditblase.

Wien. Seit dem Vorjahr kennen viele junge Portugiesen nur noch ein Ziel: Angola. Weil in der Heimat Arbeitsplätze Mangelware sind, stürmen sie die frühere Kolonie. Sie sehen im ölreichen Angola bessere Aussichten als im EU-Krisenland. Aber diese Entwicklung ist nur die Spitze des Eisbergs. Die gesamte Region südlich der Sahara wird seit gut zehn Jahren von Ökonomen in den Himmel gehoben. Egal ob in Nairobi, Johannesburg oder Luanda. Da im Rest der Welt weitgehend Flaute herrscht, tragen internationale Investoren massenhaft Kapital in die boomenden Staaten.

Heuer soll ihre Wirtschaftsleistung erneut um fast sechs Prozent steigen, schätzt der Internationale Währungsfonds (IWF). Und auch im jüngst veröffentlichten Human Development Index, der auch Faktoren wie Lebenserwartung und Bildung einbezieht, werden dem südlichen Afrika Rosen gestreut. Nur Südasien hat sich seit 2000 besser entwickelt als diese Region.

 

Wie Europa vor der Industriezeit

Für Jubelmeldungen ist es aber zu früh. Der Kontinent ist weit davon entfernt, den Durchbruch geschafft zu haben. Zu dem Schluss kommen gleich zwei Studien, die sich mit den langfristigen Folgen des afrikanischen Booms der Nullerjahre beschäftigt haben.

Während die IWF-Autoren das afrikanische Wachstum für relativ robust halten, zieht die Denkfabrik Chatham House eine provokantere Conclusio: Der Boom sei auf Sand gebaut, der rasanten Entwicklung könnte schon bald die Luft ausgehen. Anders als der IWF haben die Autoren hier den Aufschwung nicht nur mit jenem der 1980er-Jahre verglichen, sondern sind weiter in die Geschichte zurückgegangen. Dabei zeigt sich: Die Entwicklung im südlichen Teil des Kontinents ähnelt jener in Europa vor der Zeit der Industrialisierung. Wirtschaftlich war Wohl und Wehe des Kontinents damals direkt davon abhängig, wieviele Rohstoffe, vor allem Wolle, exportiert werden konnten. In Afrika ist es heute nicht anders. So ist es natürlich beeindruckend, wenn die Vereinten Nationen die Handelsstatistiken der Region südlich der Sahara feiern: Allein das Handelsvolumen mit China sei von 1992 bis 2011 von einer Milliarde Dollar auf 140 Milliarden Dollar gestiegen. Den Großteil steuerten jedoch Erdöl und Bodenschätze bei. Die Industrie spielt dagegen eine geringere Rolle. Nur ein Prozent der globalen Produktionsleistung kommt aus Afrika. Solange das so bleibt, würden die Länder keinen langfristig stabilen Aufschwung erleben, sind die Experten von Chatham House überzeugt.

 

Jeder Vierte muss noch hungern

Dabei sind die positiven Auswirkungen des bisherigen Aufschwungs kaum zu übersehen. Erstmals hat sich eine echte Mittelschicht gebildet. 2009 waren es 32 Millionen Menschen. 2030 sollen es mehr als drei Mal so viele sein, erwarten die Vereinten Nationen. Gleichzeitig ist der Reichtum der südafrikanischen Länder aber sehr schlecht verteilt, warnt der IWF. Obwohl die Wirtschaftsleistung pro Kopf in der vergangenen Dekade um fünf Prozent im Jahr stieg, ist immer noch jeder vierte Mensch in der Region von Hunger bedroht.

Und auch der Wohlstand des neuen Mittelstands ist alles andere als gesichert. Im Gegenteil: Was die Banken in den vergangenen Jahren dort vorangetrieben haben, erinnert stark an eine Neuauflage der Kreditblase aus den USA. Allein in Südafrika haben sich die „unbesicherten Kredite“, die für Kleidung, Autos und Fernsehgeräte aufgenommen werden, in den vergangenen vier Jahren mehr als verdreifacht. Sie belaufen sich mittlerweile auf 44 Milliarden Dollar, mehr als ein Zehntel des gesamten Kreditvolumens des Landes. Fast die Hälfte der Kreditnehmer ist zumindest drei Monate mit ihren Raten in Verzug.

Afrikas Wachstum ist also von zwei Seiten bedroht: von der starken Abhängigkeit von Rohstoffexporten einerseits und einer latenten Kreditblase andererseits. Es gebe nur einen Weg, das Wachstum langfristig zu sichern, schreibt Chatham House: Afrikas Institutionen müssten erneuert, die Wirtschaft stärker diversifiziert werden. So wie es Europa ab 1688 getan habe, als die Briten die Allmacht ihres Königs beschnitten und ihm ein Parlament zur Seite gestellt haben. Ob Afrika gerade jetzt auf Geschichtestunden aus Europa erpicht ist, ist die andere Frage. Die Bereitschaft zuzuhören könnte steigen, wenn Ländern wie Portugal das Volk nicht mehr wegläuft.

Warum Afrikas Boom die Luft ausgeht
Warum Afrikas Boom die Luft ausgeht(c) Presse

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.03.2013)