Sebastian Vettel und Red Bull dominierten bereits die ersten Trainingsfahrten für den Saisonauftakt in Melbourne. Der Rest des Feldes rätselt und wartet auf den GP.
Melbourne/Dat. Die neue Formel-1-Saison beginnt, wie die vorherige zu Ende gegangen ist: Red Bull und Sebastian Vettel dominieren. Stand der Dreifach-Champion schon bei der Begrüßung zum WM-Auftakt in Melbourne, Australien, im Rampenlicht, weil ihn Fans, Reporter und Fotografen in Scharen bedrängten, so mussten nun seine Konkurrenten nach den ersten Testfahrten auch auf der Rennstrecke ihre Nachrangigkeit (vorerst) akzeptieren. Der 25-jährige Heppenheimer dominierte beide Ausfahrten und bewies, dass der neue RB9 sowohl für das Qualifying am Samstag (7 Uhr) als auch im ersten Grand Prix der Saison am Sonntag (7 Uhr, jeweils ORF1, RTL, Sky) der überlegene Rennwagen sein kann.
In der Sommerpause hatten sich hinter den Kulissen von Bernie Ecclestones PS-Zirkus viele Weichen verschoben. Bei Mercedes wurde mit Pilot Lewis Hamilton, Sportdirektor Toto Wolff und Aufsichtsrat Niki Lauda gleich ein Trio installiert, das die Silberpfeile auf die Erfolgsspur führen soll. Bei Ferrari wurden aerodynamische Nachteile der Vorsaison behoben, sodass dem spanischen Doppelweltmeister Fernando Alonso ein konkurrenzfähiges F138-Auto zu Verfügung steht. Auch Lotus (Kimi Räikkönen) oder McLaren mit Ex-Champion Jenson Button adaptierten ihre Renner, um dem neuen Reglement mit stärker belastbaren Front- und verstellbaren Heckflügeln sowie dem Mindestgewicht von 642 Kilogramm gerecht zu werden. Die Hoffnungen, zu Red Bull aufschließen zu können, waren groß. Nach den ersten Tests in Melbourne herrschte jedoch breite Ernüchterung.
Mit solch einer Machtdemonstration hatte im Fahrerfeld keiner gerechnet. Im ersten „Turn“ gab Vettel allein das Tempo vor und distanzierte Felipe Massa um 0,7 Sekunden. Auch in der zweiten 90-minütigen „Übungsfahrt“ blieb Vettel unantastbar. Mit 1:25,809 Minuten setzte er sich vor Teamkollegen Mark Webber (0,264 Sekunden zurück) durch und war auch deutlich unter der Freitagszeit des Vorjahres.
„Das Auto reagiert so, wie ich das will“
Während sich das Gros in Analysen flüchtete oder Mercedes gar beide W04-Boliden nach Getriebeschaden und einem Ausritt abschleppen lassen musste, schien für Vettel die Zeit stillzustehen. Seit drei Jahren thront er nun an der Spitze der „Königsklasse“ und angesichts der ersten Eindrücke scheint vor den nun anstehenden 19 Rennen keine Wachablöse zu erwarten.
Vettel, der sich von den üblichen, mitunter langwierigen Abläufen eines Saisonstarts, die sich vorwiegend auf PR- und Foto-Termine konzentrieren, nicht ermüden lässt, wollte diese Impressionen nicht überbewertet wissen. „Es war nur das Freitag-Training, mehr nicht“, sagte er. Über Tankfüllungen, Reifen und Strategie war ja nichts bekannt. Der eigentliche Job beginne am Sonntag mit dem Grand Prix. Einer Erkenntnis schenkte er jedoch große Aufmerksamkeit: „Das Auto reagiert so, wie ich das will.“
Es bleibt abzuwarten, wie sich das Zusammenspiel der weichen, superweichen oder harten Reifen mit verschiedenen Chassis und Motoren in dieser Saison auswirken wird und ob sich neue Piloten wie Esteban Guiterrez (Sauber), Giedo van der Garde (Caterham), Valtteri Bottas (Sauber), Adrian Sutil (Force India), Max Chilton oder Jules Bianchi (beide Marussia) behaupten können. Dass sie für Vettel jedoch ernsthafte Konkurrenz sind, muss bezweifelt werden. Eher sind es altbekannte Routiniers wie Webber, Alonso, Button oder vielleicht Hamilton und Räikkönen, die dem Deutschen den vierten Titel in Folge streitig machen – sofern ihr Rennwagen den Anforderungen standhält oder es das eigene Team zulässt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.03.2013)