Nein, ich koche nicht mehr, sollen die Kinder Butterbrot essen. Nein, ich fülle das Formular für den Schulskikurs nicht aus. Gerügt wird eh meine Tochter.
Vierzehn Jahre. Vierzehn Jahre ist meine Große bald alt, ich habe alles für sie getan, bin mit ihr übers Kopfsteinplaster gedonnert, damit sie im Kinderwagen einschlafen kann, habe sie, wenn sie krank war, auf meinem Bauch schlafen lassen, habe bei ihrem ersten Vierer alles liegen und stehen gelassen und bin mit ihr Eis essen gegangen – mit dem Ergebnis, dass sie jetzt in ihrem Zimmer hockt, Kopfhörer über den Ohren, und sich ins neueste Video von LeFloid vertieft, weshalb sie keine Notiz von mir nimmt, selbst wenn ich mit der Jeans, die ich neben meinem Bett gefunden habe, vor ihrem Gesicht herumfuchtle. Und wenn sie doch Notiz von mir nimmt, sagt sie: „Ist gut, Mama.“ Oder „Gleich, Mama.“ Aber passieren tut – nichts.
Wie öde das ist, habe ich eh schon beschrieben.
Aber seit Kurzem räche ich mich! Seit Kurzem muss man mir auch alles fünfmal sagen: „Mama, ich habe Hunger!“ – „In zehn Minuten.“ – „Mama, jetzt aber echt!!“ – „Nur mehr dieser Artikel.“ – „Mama, jetzt wirklich!!!“ Und dann mache ich mich murrend auf den Weg in die Küche, wo ich aber nie ankomme, und wenn die Kinder eine halbe Stunde später in die Töpfe schauen, sind die – leer. „Gibt's nichts zum Essen?“ – „Doch! Papierschnitzel und Luftknödel.“ – „Du bist so gemein!“ – „War nur ein Scherz. Es gibt – tara – Butterbrot mit Honig!“
Das fällt mir leicht. Ich hasse kochen. Wenn ich Karotten schäle oder Zucchini schneide, dann entspannt mich das nicht, sondern ich werde nervös und meine Füße kribbeln. Aber diese Kinder wollen ja unbedingt essen, und zwar nicht alle Tage Butterbrot mit Honig wie weiland meine Großmama, die damit immerhin 97 geworden ist.
Post-its im Schädel. Normalerweise überwinde ich meine Abneigung, genauso wie ich brav alle Formulare ausfülle, Horte verständige, Schularbeiten unterschreibe und Geld für Schulskikurse überweise, obwohl mich das eigentlich überfordert, weil ich keine gute An-etwas-Denkerin bin: Sollten sie einmal mein Gehirn obduzieren, werden sie feststellen, dass es voll gepickt ist mit Post-its, und wo kein Zettel klebt, ist ein Knoten in der Gehirnwindung, der bedeutet: „Achtung! Überweisung für Schulskikurs nicht vergessen!!“
Hab ich trotzdem. Weil – Rache! – ich jetzt zuallererst an mich denke, an meine Überweisungen und meine Formulare und meine Unterschriften, weshalb Hannah von ihrem Klassenvorstand gerügt wurde. „Mama, du musst das Geld einzahlen!“, mahnt sie beim Abendessen. „Mama, du denkst eh an das Geld?!“, erinnert sie mich beim Frühstück. Und sogar am Vormittag klingelt noch einmal mein Handy. „Was darfst du nicht vergessen???“
Sie wird einmal eine gute Mutter.
bettina.eibel-steiner@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.03.2013)