Auf den Spuren von Franziskus: Ein Papst ohne Pomp?

argentinischen Spuren Papstes
argentinischen Spuren Papstes(c) REUTERS (CHRIS HELGREN)

Wer ist der Papst, der sein Amt "ohne Glanz" anlegt? Ein Besuch in seiner Heimatstadt Buenos Aires und bei den Schatten der Vergangenheit.

Die beiden Gestalten passen nicht wirklich auf die Plaza Flores. Ihre Schuhe sind zu sauber, die Rucksäcke zu solide, die Brillengestelle zu rechteckig. Die zwei jungen Männer, die auf den Eingangstreppen vor der Basilika San José eifrig ihre Notizblöcke füllen, sind Reporter auf Spurensuche. Sie sollen ihren Lesern in England erklären, wie jenes Ende der Welt aussieht, von dem sich Jorge Mario Bergoglio am 26. Februar verabschiedet hat, um am 13. März als Franziskus vor die Welt zu treten. Die Reporter sind auf der richtigen Fährte. Denn in just jenem neobarocken Kirchenschiff, vor dessen Eingang unter Glasstürzen eine Figur des heiligen Josef und eine Replika der Jungfrau von Luján die traurige Szenerie von Obdachlosen und Drogenkindern betrachten, hat der Überlieferung nach vor 59 Jahren der schlanke schüchterne Jüngling Jorge den göttlichen Auftrag empfangen, sein Leben dem Herrn zu widmen. In den Gebetsbänken von San José de Flores beschloss Jorge Mario Bergoglio, Priester zu werden.

Jorge Bergoglio kam in Flores zur Welt, damals, anno 1936, ein Viertel mit vielen Geschäften entlang der breiten Avenida Rivadavia, der wichtigsten Einfahrtschneise aus dem Westen des riesigen Großraums Buenos Aires. Die kurze Calle Membrillar, wo die Familie Bergoglio im Anwesen Nummer 531 wohnte, war eine der besseren Straßen des Viertels, hier stehen noch heute schmucke zweistöckige Reihenhäuser aus den 1930er-Jahren, davor wachsen Platanen. Das Haus, in dem Franziskus aufwuchs, existiert noch, allerdings bis zur Unkenntlichkeit modernisiert. Heute hat das ehedem ebenerdige Gebäude eine dunkelbraune Klinkerfassade und einen mächtigen Balkon vor dem Obergeschoß. „Nur der Innenhof ist so wie damals“, erzählt der heutige Hausbesitzer Arturo Blanco, der Bergoglio nicht persönlich kennenlernte. Blanco, einst selbst Priesterseminarist, empfängt seit Mittwoch mit großem Stolz die Weltpresse. Er lässt die Fotografen bis in den Hof, damit diese wenigstens ein bisschen Mauerwerk knipsen können, das womöglich einst mit dem kleinen Jorge in Berührung kam.


Arme gab es hier immer. Als die Eheleute Bergoglio sich in den 1930er-Jahren hier niederließen, war Flores ein Kleine-Leute-Viertel. Hier wohnten Handwerker, Händler, Arbeiter. Mario Bergoglio, Verwaltungsangestellter der Eisenbahn, und seine Frau Regina, beide aus dem norditalienischen Piemont eingewandert, wurden in Flores heimisch. Hier kam Jorge zur Welt, und nach ihm drei Schwestern und ein Bruder. Daheim sprachen sie das weiche melodische Spanisch des Rio de la Plata und natürlich Italienisch, die Sprache der Eltern. Reiche Leute gab es in Flores wenige, Arme immer. Im südlichen Teil, wo das Terrain zum Flüsschen Riachuelo abfällt, lagen der Friedhof und der Müllplatz, wo es ständig nach verbranntem Abfall stank. Damals wollte sich niemand hier ansiedeln.

Heute ist der Südteil von Flores einer der düstersten der Stadt. Die „Villa miseria 1-11-14“ ist eines der größten und gewalttätigsten Armenviertel der Metropole, voll gepackt mit Menschen, die aus dem Landesinneren und den Nachbarländern nach Buenos Aires strömten, auf der Suche nach einer besseren Zukunft für ihre Kinder. Ein Labyrinth aus Ziegelbauten, ein, zwei, drei Stockwerke mit Wellblechdächern. Offen baumelnde Stromleitungen, enge Gänge, keine Polizei. Die 1-11-14 ist ein Zentrum des Drogenhandels, kontrolliert von peruanischen Mafiosi. „Vier- bis fünfmal im Jahr kam der Erzbischof zu uns, wie in alle Armenviertel der Hauptstadt“, erinnert sich Padre Joaquín Giangreco, einer der 20 Priester, die Bergoglio in den grimmen Slums der Hauptstadt installiert hat.


Bischof im Bus. Zu den Messen, Taufen oder Firmungen kam der Erzbischof stets im öffentlichen Bus. Allein, im schwarzen Mantel, mit seinem schwarzen Notizbuch unterm Arm, marschierte er jene verwinkelten Gassen entlang, die sich Polizisten nicht zu betreten trauen. Am Gründonnerstag 2012 wusch er die Füße von Kindern und Frauen in einer kirchlichen Sozialstation. „Er lässt nicht die Armen zu sich in die Kathedrale kommen. Er geht zu ihnen“, sagt der junge Padre Joaquín, den Bergoglio 2008, gleich nach der Priesterweihe, in die Villa Miseria geschickt hat, auf einen der härtesten Priesterposten des Landes. „Er kannte alle Priesterseminaristen, er wählte sie noch vor dem Studienabschluss für die verschiedenen Posten aus und stand uns immer zur Seite. Jeder Anruf wurde von ihm postwendend beantwortet“, erinnert sich der Geistliche, der auf dem Seminar als langhaariger Rebell auffällig wurde und mehrmals kurz vorm Rauswurf stand. Just ihn bestimmte Bergoglio für den Knochenjob im Slum, an der Seite eines erfahreneren Kollegen.

Entscheidungen traf Bergoglio stets blitzschnell, ohne Zögern, das bestätigen alle Pfarrer, die mit ihm zu tun hatten. 2010 musste er das Leben von Padre Joaquín und einem anderen Armenpriesters retten, die von der Drogenmafia massive Morddrohungen erhalten hatten. 2009 hatten 19 Priester aus den Armenvierteln eine leidenschaftliche Anklage gegen die laxe Drogenpolitik der Regierung Kirchner in die Öffentlichkeit gebracht: „Wo wir arbeiten, sind die Drogen praktisch legalisiert. Man kann sie ungestört besitzen, transportieren und konsumieren. Weder die Ordnungskraft noch andere staatliche Organe kümmern sich um die Jugendlichen, die das Gift in ihren Händen halten.“ Padre Joaquín versichert gegenüber der „Presse“, dass jede Zeile des Textes, der riesige Wellen schlug, mit dem Erzbischof abgestimmt war. „Bergoglio wusste, was wir taten und wollte, dass wir es taten“, sagt er. Und zitiert ein Motto seines Bischofs: „Man tut, was Gott befiehlt.“


Der Fußballpapst.
Für Padre Joaquín bedeutete der göttliche Befehl nicht nur das Priesteramt im gefährlichsten Slum, sondern auch bei seinem Lieblingsfußballklub. Er war der Geistliche des Klubs Atlético San Lorenzo de Almagro, dessen Stadion neben der „1-11-14“ errichtet wurde. San Lorenzo, vor 104 Jahren von einem Pfarrer gegründet und mit einem Heiligen im Vereinsnamen, ist auch Herzensangelegenheit für Papst Franziskus. Jorge Bergoglio feierte mit, als San Lorenzo 2007 Meister wurde und er litt, als der Klub im Vorjahr fast absteigen musste. „Er ist ein richtiger Fan“, sagt Padre Joaquín. Der Papst ist Mitglied bei San Lorenzo, schon mehrfach hat er – im erzbischöflichen Ornat – die Vereinsfarben in die Kameras gehalten. Am Abend nach der Papstwahl zog die staatliche Lotterie die Zahlenfolge 8325. Für viele Argentinier kein Zufall: Bergoglios Mitgliedsnummer bei San Lorenzo ist die 88325.

Flores, das fast im geografischen Zentrum der Hauptstadt liegt, war immer die Heimat Bergoglios. Hier lag die Lehranstalt, die er mit 21 als Chemietechniker abschloss. Flores und die benachbarten Viertel im Südwesten waren sein Zuständigkeitsbereich, als ihn der damalige Erzbischof 1992 zum Vize machte. Und in Flores passierten im Mai 1976 jene Vorfälle, die bis heute einen Schatten auf den Bischof werfen.

Damals entführten Schergen der seit März 1976 regierenden Junta zwei Jesuiten aus der „Villa 1-11-14“, dem Slum neben dem Stadion. Die beiden Universitätslehrer waren dorthin gezogen, „vom inneren Wunsch bewegt, das Evangelium zu leben und auf die schreckliche Armut aufmerksam zu machen“, schrieb Franz Jalisc am Freitag in einer Erklärung auf der Website der deutschen Jesuiten. Der Ungar (85), der heute in Deutschland lebt, war einer der zwei Geistlichen, die im Folterzentrum ESMA gefesselt und gequält wurden. Nach fünf Monaten mit verbundenen Augen wurden sie betäubt und fast nackt auf einer Sumpfwiese im Umland der Metropole abgelegt.

Trägt der neue Papst Mitschuld am Schicksal seiner zwei Glaubensbrüder? Jalics schreibt, dass Bergoglio, seit 1973 als Provinzial der Jesuiten sein Vorgesetzter, ihnen 1974 die Erlaubnis gab, in die „Villa“ zu ziehen. Doch hat er tatsächlich nach dem Putsch die Männer im Stich gelassen? Sie gar selbst angezeigt? Diese Behauptung stellte 2000 der argentinische Journalist Horacio Verbitsky in seinem Buch „Das Schweigen“ auf. Der ehemalige militante Links-Peronist ist inzwischen einer der engsten Berater der mit Bergoglio verfeindeten Regierung Kirchner. Nicht überraschend wiederholte Verbitsky seine Behauptung nun, gestützt auf ein E-Mail der Schwester des anderen Jesuiten Yorio, der 2000 verstarb.


Keine belastenden Beweise.
„Es ist absolut falsch, dass Bergoglio diese zwei Priester ausgeliefert hat“, sagte am Freitag der Richter Germán Castelli, der im Rahmen eines Prozesses gegen die Militärs den Behauptungen Verbitskys nachgegangen war. „Wir sichteten die Beweise und fanden, dass es keinerlei juristisch belastenden Umstände gab. Sonst hätten wir ihn angezeigt.“ Der Überlebende Jalisc gab bekannt, er habe sich, wohl Ende der 90er-Jahre, als Bergoglio schon Erzbischof war, mit diesem ausgesprochen. Die zwei Jesuiten hätten einander umarmt und gemeinsam eine Messe gelesen.

„Ich weiß aus tiefstem Herzen, dass unser Padre Jorge ein wunderbarer Mann ist“, sagt Mónica de Caropresi, die Caritas-Koordinatorin von Flores. Sie lernte ihn kennen, als er 1992 aus der Provinzstadt Córdoba nach Buenos Aires zurückkam. Damals sei Bergoglio „el pastor absoluto“ gewesen. Der absolute Hirte, der im ärmsten der vier Kirchenbezirke der Diözese alle Pfarrer und auch die freiwilligen Helfer beim Namen kannte und immer persönlich vor Ort war. Ihm verdankt die Caritas im Bezirk den Bau der „casa de solidaridad“, des Zentrums der Sozialfürsorge. Wann immer Bergoglio in einer Versammlung auftauchte – und das passierte auch bis zuletzt regelmäßig – war er immer nur einer von vielen am Gesprächstisch. Einer, der zuhörte und die anderen immer ausreden ließ, auch wenn klar war, dass er seine Entscheidungen längst getroffen hatte. Oft hatte die Caritas-Koordinatorin ihrem Bischof angeboten, ihn nachher mit dem Auto heimzubringen. Aber immer lehnte er ab, allenfalls zur nächsten U-Bahn-Station ließ er sich chauffieren. „Er wollte nie mehr als jene, die nichts haben“, sagt Mónica de Caropresi, die es kaum glauben wollte, als am Mittwoch der neue Papst auf den Balkon der Peterskirche trat. Sie dachte: „Das ist ja unser Padre Jorge, verkleidet als Papst.“ Nur langsam kam ihr die Erkenntnis, dass sie ihren absoluten Hirten womöglich nie mehr persönlich wiedersehen wird. Eine junge Caritas-Mitarbeiterin wird im Juli zum Weltjugendttag nach Rio reisen. Dort, so hofft sie, werde sie ihn vielleicht nochmal erblicken können – zumindest aus der Ferne.

Die Menschen von Flores, die Pfarrer, die Laien, die Armen, die Opfer von Sklaven- und Drogenhändlern, gaben der Welt ihren „Padre Jorge“. Sie werden ihn sehr vermissen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.03.2013)