Eine Kirche auf dem Weg zur Einfachheit

Eine Kirche Einfachheit
Eine Kirche Einfachheit(c) EPA (CESARE ABBATE)

Auch der Stellvertreter Christi darf und soll ein normaler Mensch sein. Dieser Umstand geriet in Jahrhunderten kunstvoll aufgebauter Herrlichkeit ein wenig ins Hintertreffen.

Beim Frühstück am Freitag, so erzählt Kardinal Christoph Schönborn, hat Papst Franziskus, der derzeit noch im Haus der Kardinäle wohnt, gesagt: „Die kleinen Schwestern sollten wir sehen. Wir schauen gleich in meinem Terminkalender nach.“ So kamen noch am selben Tag 30 Schwestern und eine Handvoll Brüder der jungen „Gemeinschaft vom Lamm“ zum Papst – am zweiten Tag des Pontifikats, noch vor den Journalisten und den Würdenträgern des öffentlichen Lebens.

Das ist ein Zeichen. Denn die „Kleinen Schwestern und Brüder vom Lamm“ leben unter den Armen und gehen selbst betteln. Als Weihbischof von Buenos Aires hat Jorge Bergoglio diese Gemeinschaft auch in seiner Stadt angesiedelt. Das verbindet ihn mit Kardinal Schönborn, dem weltweit Zuständigen für diesen Ordenszweig.

Die arme, einfache, demütige, in ihrem Bekennertum auch unbequeme Kirche – das ist das erste Bild, das aus den Zeichen entsteht, die Papst Franziskus in seinen ersten Tagen gesetzt hat. Die Liebe zu den Armen ist dabei grundlegend, auf sie geht auch seine Namenswahl zurück. Es ist faszinierend, wie diese Betonung der inneren Armut durch Papst Franziskus „funktioniert“. Er weiß genau, dass er Zeichen setzt, aber sie wirken dennoch nicht künstlich. Die Gendarmen, die am Tor des Vatikans Dienst tun, strahlen, wenn man sie zum neuen Papst befragt: „Was für eine Demut!“, sagt einer. Und dann etwas, was man vielleicht nicht gleich von einem Gendarmen erwarten würde: „Das ist ein großer Auftrag an die ganze Kirche.“

Es ist mehr als bloß wieder einmal ein Papst, der sich nicht an das Protokoll hält. Franz von Assisi wollte das Evangelium „sine glossa“, also ohne Abstriche oder Hinzufügungen leben. Und den Zeichen des neuen Papstes haftet viel von dieser radikalen Freilegung des Kerns der Kirche an: der Nachfolge Christi. Papst Franziskus, der in weißer Soutane im Priesterwohnheim seine Rechnung zahlt, drückt mit seiner „Normalität“ aus, was in der Kirche bei all ihrer in Jahrhunderten aufgebauten, kunstvollen Herrlichkeit etwas ins Hintertreffen geriet: Das Christentum ist die Religion, deren Gott mit seiner Menschengestalt das normale Leben geheiligt hat, das er selbst geführt hat. Auch der Stellvertreter Christi darf und soll ein normaler Mensch sein.


Symbole und ihre Wirkung.
Über den Dichter François-René de Chateaubriand, der in den 1790er-Jahren eine Verteidigung des Christentums geschrieben hat, wurde gelästert, er verteidige die Kirche, weil er sie „so hübsch“ fände. Leuten, die die „Hübschheit“ der Kirche lieben, wird dieser Papst wohl immer wieder Schmerzen bereiten. Auch denjenigen, denen die Kirche ein Lesebuch voller verschlüsselter Botschaften ist. Zur Ablehnung der Mozzetta, des traditionellen rotsamtenen, mit weißem Hermelin eingefassten Capes, durch Franziskus sagt mir ein deutscher Journalist: „Aber das ist doch mit seinem rot-weißen Farbenspiel ein altes Symbol für das unschuldig vergossene Blut Christi!“ Nur: Im südamerikanischen Slum oder der neapolitanischen Arbeiterwohnung kommt das nicht an.

Der neue Papst ist einer, der mit den Kardinälen im Bus fährt statt mit seiner Staatslimousine. Als der Liftwart einige Kardinäle davon abhalten will, mit dem Heiligen Vater in dieselbe Liftkabine einzusteigen, sagt er: „Aber ich habe doch nicht die Lepra! Fahren Sie mit!“ Als er in den Raum kommt, wo die Kleinen Schwestern und Brüder auf ihn warten, ist es nicht wie sonst, dass man seiner nur in fünf Metern Respektabstand ansichtig werden oder im Gänsemarsch die Aufwartung machen darf – nein, er geht die Reihen durch, um jeder und jedem die Hand zu geben.Das sind alles Botschaften der Kollegialität. Die Kirche ist ja zunächst eine Gemeinschaft von Gleichen. Dass es eine Hierarchie gibt mit Hirten und Oberhirten hat nur Dienstfunktion. Doch jede Hierarchie der Welt hat die Tendenz, sich zur Hauptsache zu stilisieren. Hier sind vom Papst Korrekturen zu erwarten. Gerade auch nach seiner Betonung, vor allem einmal ein Bischof zu sein, wenn auch der von Rom.

Der weltliche Glanz der Kirche ist ja höchst attraktiv (und erklärt auch einen Teil des Medieninteresses), aber wirklich leuchtet der Glaube aus der Armut und der Einfachheit. Und aus der Demut, die Franziskus eigen ist, der mit seiner neuen Würde so unbefangen umgeht, als wäre er immer schon Papst gewesen. Er hat etwas ungeheuer Gutmütiges, geradezu Großväterliches. Und Großväter sind abgeklärt genug, um mit ihrer Rolle eins zu sein.

Und das wird auch – mit seinem Zeugnis für die Armen – sein Schutzschild sein. Papst Franziskus hat in den letzten Tagen immer wieder davon geredet, dass ein christliches Bekenntnis auch das Kreuz einschließt. Vielleicht ist er hier durch die Militärdiktatur geprägt, auch durch das Erleben eigener Ratlosigkeit im Angesicht des Bösen: In jeder Predigt der letzten Tage hat er den Teufel erwähnt, den bösen Feind, dem sich die Christen zu stellen haben, auch wenn ihre Umwelt sie für ihre Provokationen ans Kreuz schlägt.

Viele werden die Verkündigung des katholischen Glaubens ohne Einschränkung, „sine glossa“, nicht mögen. Und sie werden umso zorniger sein, weil Franziskus es ihnen mit seiner liebevollen Art, seiner Absage an weltlichen Glanz und seinem Einsatz für notleidende Menschen schwer machen wird, ihn unsympathisch zu finden. Und dazu kommen diejenigen, die sich in den mythisch vernebelten Couloirs des Vatikans eingenistet haben und den Nimbus des Heiligen Stuhls zu Geld machen. Ich habe ein bisschen Angst um Papst Franziskus. Aber er scheint keine zu haben. Er redet vom Kreuz, von der Weltlichkeit des Teufels, von der Bedrohung durch das Böse sehr ernst, aber ohne ein Drama daraus zu machen. Das ist ein Mann nach meinem Herzen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.03.2013)