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"Orestie": Täterin, aber auch Opfer von Missbrauch

Klytaimnestra Taeterin aber auch
Klytaimnestra Taeterin aber auch(c) www.BilderBox.com (www.BilderBox.com)
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Anna Badora inszenierte im Schauspielhaus Graz antiken Mythos mit der "Orestie" des Aischylos im Zentrum. Eine starke Revue des Ensembles mit einem weisen Erzähler.

Fünf Männer, gekleidet wie Hausmeister, betreten die Bühne (von Raimund Orfeo Voigt), hinter sich eine geriffelte Betonwand, erzählen vom Krieg. Übermütig wie nach einem Match tragen sie Verse der „Ilias“ vor, das Grauen bei Homer. Blut fließt, Hirn spritzt verbal, der Heerführer Agamemnon (Stefan Suske) schlachtet die Söhne des trojanischen Königs Priamos, alles wird gelenkig gespielt.

Die Wand, hinter der sich eine große Betonspirale samt kleinem Verlies befindet, öffnet sich. Eine Frau in rotem Bademantel klagt in hohem Ton über den Tod ihres Kindes Iphigenie; Klytaimnestra (Steffi Krautz) hasst den Täter, der die Tochter opferte, um Kriegsglück zu erkaufen – Agamemnon, dessen Rückkehr nach zehn Jahren im Krieg um Troja erwartet wird. Er ist der griechische Held, seine Gattin aber hat den Tod des Mädchenmörders längst beschlossen.

Konzentriert, in der Kälte wie im Schmerz, haben die Darsteller am Freitag in Graz bei der Premiere von „Klytaimnestra“ diese konträren Szenen aus unterschiedlichen Texten dargestellt. Nun aber ergibt sich ein Verfremdungseffekt, der die Qualität dieser von Intendantin Anna Badora inszenierten Collage steigert. Die Wand schließt sich erneut und wird zur Projektionsfläche: Riesig erscheint Autor Michael Köhlmeier per Video-Aufzeichnung, er erzählt die Vorgeschichte Klytaimnestras: Agamemnon hat ihren ersten Mann und den Sohn ermordet, die Frau vergewaltigt.


Ungeheuer Mensch. Für ältere Hörer stellt sich sofort ein beruhigender Effekt ein: In diesem Ton hat dieser Autor einst im Radio griechische Mythen erklärt. Leise, sanft macht er das Ungeheure verständlich, das Ungeheuer Mensch. Und diese ernste Kommentierung, der rote Faden für zweieinhalb Stunden, trägt erheblich dazu bei, dass die Revue gelingt. Der Inszenierung liegt die „Orestie“ des Aischylos (in der präzisen Prosafassung Peter Steins) zugrunde, mit der vor 2500 Jahren die überlieferte attische Tragödie begann. Sie wurde in Graz angereichert, um eine seltsam unbestimmte Frau in den Mittelpunkt zu stellen. Neben der „Ilias“ wurden von Badora und Köhlmeier Texte von Euripides, Christa Wolf, Christine Brückner eingewoben, um Klytaimnestras Schicksal zu erhellen, die Opfer und Täterin war in dieser unheimlichen Spirale der Gewalt.


Muttermord. Klytaimnestras Ende: Ihr Sohn Orest (Christoph Rothenbuchner) meuchelt sie und ihren Liebhaber, angestiftet von Schwester Elektra (Pia Luise Händler). Das Geschwisterpaar wird beherzt-intensiv gespielt, die Mordszene aber mit einem komplizierten Würgegriff wirkt dann doch zu aufgesetzt.

Lang vor Trojas Fall begann die Strafe der Götter, wie hier der Kontext sehr pädagogisch zeigt, aber nur selten kommt Betulichkeit auf. Zuweilen wird Pathos mit feiner Ironie konterkariert. Man erlebt mit, wie die Troerinnen liquidiert oder in Gefangenschaft geführt werden. Martina Krauel spielt bewährt tragisch Königin Hekabe. Sie führt einen rührenden Chor klagender Prinzessinnen an. Die sind meist leicht bekleidet wie Nymphen. Unter ihnen fällt Katharina Klar als Kassandra positiv auf.

Die Männer zeigen im dunklen Drama als Wächter und Boten Ansätze zur Komödie, etwa Thomas Frank und Sebastian Klein. Jan Thümer wirkt als Ehebrecher Ägist geckenhaft, er wird zur Karikatur, wenn er drohend ein silbernes Beil schwingt. Dafür darf er als helfender Gott Apoll im Konflikt mit rächenden Erinyen so strahlend sein wie Evi Kehrstephan als dessen edle Götterkollegin Pallas Athene. Athen hat's tatsächlich gerichtet. Mythenkundige wissen: Wir unauffälligen Kinder des Prometheus haben den Horror überlebt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.03.2013)