Formel 1: Der Sieg aus der vierten Startreihe

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Kimi Räikkönen gewann den Reifenpoker von Melbourne dank Know-how aus der Rallye-WM. Zweiter wurde Alonso, Dritter Weltmeister Vettel.

Melbourne/Wien. Nicht Sebastian Vettel oder Fernando Alonso, schon gar nicht Lewis Hamilton, sondern Kimi Räikkönen setzte die Akzente beim Saisonauftakt der Formel 1 in Melbourne. Der finnische Lotus-Pilot raste von der vierten Startreihe aus mit 12,4 Sekunden Vorsprung auf Alonso (Ferrari) und Vettel (Red Bull) zu seinem zweiten Sieg nach seinem Comeback im Vorjahr.

Während die Konkurrenz über den Auftritt und die einzigartige Zweistoppstrategie des Finnen rätselte, erfüllte Räikkönen das ihm vorauseilende finnische Klischee. Er genehmigte sich noch vor der Siegerehrung ohne Scheu einen tüchtigen Schluck Champagner...

Das Auto kommt immer zuerst

Räikkönen gilt als „Mr. Iceman“. Der Finne, 33, zeigt selten Emotionen, das müsse er für seinen Job auch nicht, sagt er stets. Wichtiger sei, das Auto optimal herzurichten, die perfekte Strategie zu wählen und Gas zu geben. So mache er es seit seinem ersten Arbeitstag in der Formel 1, das war 2001, und seitdem fuhr er immerhin auch für Topteams wie McLaren oder Ferrari. Mit der Scuderia gewann er 2007 sogar die Fahrer-WM.

Ihm macht keiner etwas vor, daher verstand er auch die ganze Aufregung um seinen Sieg in Melbourne nicht so recht. „Ich wusste, dass ich ein gutes Auto habe. Ich konnte die Reifen schonen. Es war einer meiner leichtesten Siege.“

Es klingt freilich übertrieben und trotz des Auftaktsieges bleibt Lotus vorerst in den WM-Wetten hinter Größen wie Red Bull, Ferrari oder McLaren zurück. Doch die finnisch-französische PS-Mischung hat schon vergangene Saison gezeigt, dass mit ihr zu rechnen ist. Wer weiß, vielleicht ist Räikkönen, der Vorjahresdritte, tatsächlich auf der Überholspur. Weil er es besser als alle anderen versteht, den Verschleiß der Pirelli-Reifen zu kontrollieren? Das wäre ein Verdienst seines zweijährigen Ausflugs in die Rallye-WM. Auf Schotter- und Steinstrecken lernt man, sein Equipment bei Highspeed eher zu schonen und zu pflegen denn auf lupenrein flachem Asphalt diverser Rundstrecken.

Finnen und ihre Lenkräder

Mit Landsmann Mika Häkkinen hat Räikkönen jedenfalls gleichgezogen, was GP-Siege anbelangt. Beide haben 20 Rennen gewonnen, aber mit Zahlen und Tendenzen beschäftigt sich der „Iceman“ nicht. Er sagt: „Es war nur ein Sieg, mehr nicht.“ Schon am kommenden Sonntag steht der GP von Malaysia auf dem Ecclestone-Kalender, da bleibe wenig Zeit, das Erlebte zu verarbeiten. Sepang habe zudem eine ganz andere Strecke als Melbourne, erklärt Räikkönen. Es gebe keinen Grund, „jetzt vor Freude auf und ab zu hüpfen. Das war der beste Start. Hoffentlich ist mein Auto auch in Sepang wieder so gut.“

Reporter, Mechaniker, Teamchefs, Sponsoren und Fans, die sich über solch magere, belanglose Aussagen nur wundern können, müssen sich der finnischen Mentalität bewusst werden: Die innere Ruhe ist der Quell aller Kraft (Sisu). Autos – je schneller desto besser – sind und bleiben Fortbewegungsmittel, sie müssen nur Schotter- und Schneepisten mühelos meistern. Auf Asphaltstrecken hat das monotone Zwischenspiel von Gasgeben und Bremsen Vorrang.

Der Rest? Er passiert, und läuft alles gut, gibt es für Finnen keinen Anlass, die Ursachen zu hinterfragen oder gar zu erklären. Auf die Frage, warum denn Finnen im Motorsport so oft so überlegen seien, lieferte der zweimalige Rallye-Weltmeister Marcus Grönholm einst die einzig wahre Erklärung: „Mein Auto hat vier Räder und ich habe ein Lenkrad.“ Räikkönen ist aus dem gleichen Holz geschnitzt. Im Vorjahr funkte er seinen Mechanikern auf dem Weg zum Sieg in Abu Dhabi: „Lasst mich in Ruhe, ich weiß, was ich mache.“ Seitdem gibt es keinen Widerspruch mehr aus der Box. Vor Saisonbeginn bekam Räikkönen auch noch sein eigenes Lenkrad, mit eigener Beschriftung. Knöpfe für Kers, Boxenfunk etc. gibt es noch, aber auch Jux-Knöpfe wie „Eiscreme“, „Twittern“, „Banana“ oder „Mama anrufen“. Das haben die Renault-Techniker von Ferrari gelernt, die 2007 mit Räikkönen gröbste Probleme hatten. Die Italiener wollten sich mitteilen, reden. Ihm war das egal, er wollte nur Auto fahren und Spaß haben.

Ergebnis F-1-GP von Australien

1. Kimi Räikkönen (FIN) Lotus 1:30:03,225
2.
Fernando Alonso (ESP) Ferrari +12,451
3.
Sebastian Vettel (GER) Red Bull +22,346

Weiters, 4. Massa (BRA) Ferrari 33,577 5. Hamilton (GBR) Mercedes 45,561 6. Webber (AUS) Red Bull +46,80 7. Sutil (GER) Force India 1:05,068 8. Paul di Resta (GBR) Force India 1:08,449 9. Button (GBR) McLaren 1:21,630 10. Grosjean (FRA) Lotus 1:22,759.

Nächster GP: Malaysia, Sonntag, 24. März.

Auf einen Blick

Kimi Räikkönen gewann den Saisonauftakt der Formel 1 in Melbourne, Australien. Der Finne feierte damit den zweiten Sieg für Lotus nach seinem Comeback. Der 33-jährige Weltmeister von 2007 gewann vor Fernando Alonso und Sebastian Vettel.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.03.2013)

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