„Anleger haben Osteuropa noch nicht entdeckt“

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Emerging Markets. Osteuropa-Aktien sind noch günstig, sagt Blackrock-Fondsmanager Samuel Vecht. Einsteigen solle man, solange andere noch nicht auf den Zug aufgesprungen sind. Zu Russland gehen die Meinungen auseinander.

Wien. Mit Schwellenländer-Aktien, so hoffen viele Anleger, kann man am stärkeren Wachstum aufstrebender Volkswirtschaften mitnaschen. Stimmt nicht, meint Samuel Vecht, Manager des BGF Emerging Europe Fund von Blackrock. Zwischen dem Wachstum einer Volkswirtschaft und dem der entsprechenden Börse bestehe kaum ein Zusammenhang. Ganz im Gegenteil: Bei starkem Wirtschaftswachstum seien oft noch stärkere Erwartungen in den Aktienkursen eingepreist. Fällt das Wachstum dann geringer aus, fallen die Kurse.

Ob ein Investment erfolgreich ist, hänge nicht vom Wirtschaftswachstum, sondern vom Einstiegszeitpunkt ab. „In den vergangenen vier Jahren war Osteuropa eine der am besten performenden Regionen, in den vergangenen zehn Jahren auch, aber nicht in den vergangenen fünf Jahren.“ Zuletzt ging es eher seitwärts. Momentan sei wieder ein günstiger Einstiegszeitpunkt. Vergleiche man die gegenwärtige Bewertung von Investments mit der historischen Bewertung, finde man kaum so etwas Günstiges wie osteuropäische Aktien. Nicht nur Anleihen von Staaten mit guter Bonität wie Deutschland oder den USA, auch Aktien aus den USA, Lateinamerika, Asien und Gesamteuropa seien deutlich teurer. Das Risiko sei daher verhältnismäßig gering. „Man kann Risiko eingehen, indem man Verluste riskiert, man kann aber auch Risiko eingehen, indem man auf Gewinne verzichtet“, sagt Vecht. Wer Staatsanleihen kaufe, tue Letzteres. Auch „defensive“ Aktien (etwa aus vermeintlich sicheren Häfen wie den USA) seien so betrachtet riskanter als osteuropäische Aktien.

Versicherer suchen Alternativen

Ursache für die hohen Preise „defensiver“ Papiere sei, dass sich institutionelle Investoren wie Versicherungen oder Pensionskassen angesichts der niedrigen Staatsanleihenzinsen auf dem Aktienmarkt umsehen. Vorerst greifen sie zu sicheren Häfen. Das habe vor Kurzem den US-Index Dow Jones auf ein neues Allzeithoch getrieben. Da US-Aktien immer teurer würden, würden sich institutionelle Investoren zunehmend in den „Emerging Markets“ umsehen. Wann das passiert, sei schwer abzuschätzen. „Besser ist es, jetzt einzusteigen“, sagt Vecht.

Er selbst investiert bevorzugt in Aktien aus wenig beliebten und damit unterschätzten Ländern. Etwa aus Ungarn. „Das Land hat Probleme, aber es gibt gute Firmen wie etwa die OTP-Bank.“ Der schwer geprügelte ungarische Aktienmarkt sollte davon profitieren, dass die Nachrichtenlage nur besser werden kann. Im Vergleich zum MSCI Emerging Europe hat Vecht Ungarn, Tschechien und Kasachstan in seinem Fonds übergewichtet. Umgekehrt verhält es sich mit der Türkei oder Polen: Polnische Aktien seien teuer, es gebe wenige attraktive Firmen. Die türkische Börse habe im Vorjahr deutlich angezogen, nun sei eine Korrektur angesagt. Auch Russland hat Vecht wegen der hohen Rohstofflastigkeit des Markts leicht untergewichtet.

Der russische Aktienmarkt hat sich in den vergangenen Jahren deutlich schwächer entwickelt als andere osteuropäische Börsen. Die Folge: Er zählt derzeit zu den am niedrigsten bewerteten Börsen weltweit. Zum Teil ist das auf die hohe Gewichtung von Rohstoff- und Energiefirmen zurückzuführen: Diese haben traditionell geringere Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGV) als andere Branchen.

Russland will Investoren anlocken

Alexandre Dimitrov, Osteuropa-Aktienspezialist der Erste Sparinvest, verweist jedoch darauf, dass auch russische Finanz- und Technologiewerte niedriger bewertet sind als in anderen Regionen. Der russische Aktienmarkt war infolge der Finanzkrise und des Ölpreisverfalls abgestürzt. Während sich aber der Ölpreis und viele Börsen wieder erholten, kam der russische Index kaum vom Fleck. Dimitrov glaubt daher, dass russische Aktien stärkeren Aufholbedarf haben. Als Auslöser für eine Kurserholung könnten die Maßnahmen der russischen Regierung fungieren, die den Kapitalmarkt attraktiver machen sollen: Der Zugang zu Rubel-Anleihen wurde bereits erleichtert, nun soll auch der Aktienmarkt liberalisiert werden. Staatsnahe Betriebe sollen höhere Dividenden ausschütten, zudem stehen zahlreiche Privatisierungen an.

Doch gibt es auch russlandspezifische Risiken: Ein langsameres Wachstum in China, das den Ölpreis nach unten drückt, würde das rohstoff- und energielastige Russland überdurchschnittlich hart treffen. Bei einer weiteren Eskalation der europäischen Schuldenkrise könnten die Investoren wieder geneigt sein, sich aus Zentral- und Osteuropa und damit auch aus Russland zurückzuziehen. Auch politische Probleme wie der aufkeimende Separatismus in vielen Regionen und die Diskussion um Menschenrechtsverletzungen und Korruptionsbekämpfung könnten abschreckend auf Investoren wirken.

Dimitrov hält gegenwärtig Finanz- und Konsumwerte für attraktiv, der „Espa Stock Russia“ ist daher in diesen Branchen gegenüber dem Vergleichsindex MSCI Russia übergewichtet. Doch besteht auch er zu 50Prozent aus Rohstoff- und Energiewerten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.03.2013)

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