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Der Pendelblick zur Tür als Abbruch des Dialogs

Symbolbild(c) Clemens Fabry
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Der Wert eines Dialogs hängt vor allem von der Vielfalt der konkurrierenden Meinungen ab.

Der Wert eines Dialogs hängt vor allem von der Vielfalt der konkurrierenden Meinungen ab. Damit mag der Philosoph Karl Popper schon recht gehabt haben. Doch in der Regel scheitern alltägliche Zwiegespräche schon an viel banaleren Dingen. An äußeren Umständen, zum Beispiel. Ein unglaublich spannender Gedankenaustausch in der U-Bahn wird etwa abrupt beendet, wenn einer der Dialogpartner sein Reiseziel erreicht hat und aussteigen muss – die letzten Sätze bei bereits geöffneter Tür und mit nervösem Pendelblick zwischen Gesprächspartner und Ausgang reichen meist nicht, um die lebhaft entbrannte Diskussion zu einem guten Ende zu führen. „Na gut“, „Also dann“ oder „O. k.“ am Beginn jedes neuen Satzes deuten schon darauf hin, dass man eher bereit ist, den weiteren Dialogverlauf zu opfern, als versehentlich eine Station zu weit zu fahren.

Tödlich für ein Gespräch ist auch, wenn sich plötzlich ein Dritter dazugesellt – im Arbeitsalltag kündigt sich der Eindringling gern mit der entschuldigenden Phrase „Nur ganz kurz“ an, ehe er feindselig die Situation entert und einen der Dialogpartner kapert. Der andere darf dann vorerst verdattert danebenstehen. Dem neu entstandenen Gespräch lauschen. Erkennen, dass „nur ganz kurz“ etwa so lange dauert wie das Warten auf den Nachtbus im Schneetreiben. Und irgendwann das zuvor abrupt unterbrochene Zwiegespräch einfach aufgeben. Und gehen.

Bitter wird es aber vor allem dann, wenn der Partner einer intensiven Unterhaltung plötzlich selbst ein Ende setzt. Indem er etwa einen zufällig Vorbeikommenden begrüßt und ins Gespräch einbindet. Oder, wenn sich diese Gelegenheit nicht bietet, mit „Ich geh mir schnell etwas zu trinken holen“ die Flucht ergreift. In diesem Fall sollte man überlegen, ob die hohe Qualität eines Dialogs nicht nur einseitig empfunden worden sein könnte. Na gut, ich muss dann aussteigen.

 

E-Mails an: erich.kocina@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.03.2013)