Hirnforschung: Der Wille wird immer unfreier

Symbolbild(c) REUTERS (DWI OBLO)

Unsere Entscheidungen fallen, bevor wir uns ihrer bewusst werden. Das wusste man schon bei einfachen Entschlüssen, aber bei komplexeren ist es auch so.

Der Wille ist selbstredend frei, so ist er definiert, und so nehmen wir ihn wahr, wir sind schließlich Herren im eigenen Haus bzw. Hirn. Aber so ganz trauen wir unserer Macht nicht, wir zeigen es in der pleonastischen Rede vom „freien Willen“: Wenn er per se frei ist, dann reicht „Wille“; „frei“ ist entbehrlich, in seiner Betonung verdichten sich die Zweifel, ob wir in Wahrheit nicht von anderen Mächten gelenkt sind und uns – im strengen Sinne des Begriffs „Ideologie“ – die Freiheit nur einbilden, in einer „notwendigen Selbsttäuschung“.

So definierte es Marx, er fuhr den ersten großen modernen Angriff auf die Willensfreiheit – wir sind Werkzeuge anonymer ökonomischer Mächte –, der zweite kam ein halbes Jahrhundert darauf mit Freud, wir sind Getriebene der Triebe. Beide Attacken waren fundamental, aber doch von der Hoffnung getragen, die Freiheit sei nur unterdrückt und könne sich aus eigener Kraft zum Durchbruch verhelfen, in der sozialen Revolution bzw. in der individuellen Psychoanalyse.

Hirnaktivität kommt vor der Intention

Der dritte Angriff kam leiser, Benjamin Libet (UC San Francisco) unternahm ihn 1983 im – der Öffentlichkeit eher entlegenen – Fachjournal Brain: „Time of conscious intention to act in relation to onset of cerebral activity“. Das klingt harmlos, hat aber für die Frage der Willensfreiheit ganz anderes Sprengpotenzial als das „Kapital“ und Freuds gesammelte Werke zusammen: Bei Libet herrschten nicht irgendwelche fremden Mächte über unsere Entscheidungen, sondern irgendetwas im Gehirn tat es, man konnte es messen: Libet bat Probanden, auf einen Knopf zu drücken, wann immer sie es wollten. Zugleich sahen sie eine Uhr und sagten an, wenn bzw. wann sie die Handlung des Knopfdrückens planten. Dann vergeht einige Zeit, bis der Wille Tat wird.

Aber noch mehr Zeit vergeht in der anderen Richtung: Libet nahm den Probanden per EEG Gehirnströme ab und bemerkte, dass motorische Regionen des Gehirns – von ihnen werden Bewegungen gesteuert – aktiv wurden, bevor die Testpersonen entschieden bzw. aussprachen, dass sie den Knopfdruck planten. Und von dieser ganz unzuordenbaren „Entscheidung“ zur bewussten vergingen in Libets Experiment 800 Millisekunden (Brain, 106, S. 623).

Wenn ich also diesen Absatz mit voller Absicht mit einem „Wenn“ beginne, dann bin das gar nicht ich mit meinem freien Willen, sondern etwas in meinem Gehirn hat es vor mir und für mich entschieden. Und als Sie sich entschieden haben, meinen Artikel zu lesen, ist es Ihnen nicht besser ergangen. Das rief natürlich Kopfschütteln hervor, man vermutete, Libet seien Messfehler unterlaufen. Aber sein Befund bestätigte sich – und verschlimmerte sich – in Nachfolgeexperimenten. Eines unternahm John-Dylan Haynes (damals MPI Kognitionsforschung Leipzig) 2008. Dabei konnten die Testpersonen nicht nur entscheiden, wann sie den Knopf drücken wollten, sie hatten auch die freie Wahl, ob sie das mit der rechten Hand tun wollten oder der linken. Wieder fiel die anonyme Entscheidung des Gehirns vor der bewussten des Subjekts, der zeitliche Abstand war diesmal nur noch viel größer: sieben Sekunden (Nature Neuroscience, 14. 3. 2008).

Soll ich addieren oder subtrahieren?

Einwände blieben, sie zielten nun vor allem darauf, dass die Experimente sich auf Bewegungen und ihre Hirnzentren konzentriert hätten: Bewegungen sind nicht eben sehr komplex, und das Bewusstsein legt meist wenig Wert auf ihre Kontrolle. Andererseits hatten die Experimente gezeigt, dass die frühe Hirnaktivität nicht auf Bewegungszentren beschränkt war, sondern sich auch in anderen, „höheren“ Regionen zeigte. Deshalb hat Haynes (nun Charité Berlin) in seiner jüngsten Runde eine kompliziertere Entscheidung als die über den Zeitpunkt eines Knopfdrucks getestet: Die Probanden sollten zwei Zahlen – die auf PC-Schirmen erschienen – addieren oder die eine von der anderen subtrahieren. Und über Addieren oder Subtrahieren entschieden sie selbst. Es geht also nicht um das Ausführen einer Bewegung, sondern um das Aufbauen einer Absicht (Pnas, 18. 4.).

Aber die Gehirne agierten bei der komplexen Wahl gleich wie bei der schlichten, wieder wurden sie vor der bewussten Entscheidung aktiv. „Die unbewusste Vorbereitung freier Wahl ist nicht auf die Motorik beschränkt“, schließt Haynes, „stattdessen gibt es auch bei Entscheidungen über abstrakte Absichten vorlaufende Gehirnaktivitäten.“ Einen Unterschied fand Haynes aber doch: Der zeitliche Abstand war in diesem Fall geringer, nur vier Sekunden. Vielleicht übernimmt bei noch komplexeren Entscheidungen irgendwann einmal doch das Bewusstsein die Macht – und der Wille wird frei.