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"Sollen wir Wotan mit einem Mezzo besetzen?!"

Sollen Wotan einem Mezzo
Sollen Wotan einem Mezzo(c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)
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Franz Welser-Möst vor der "Wozzeck"-Premiere über sein breites Repertoire, eine Frauenquoten-Anfrage aus dem Parlament, den Sinn von Festivals und sein Verhältnis zu Dominique Meyer und Alexander Pereira.

Kommenden Sonntag holt die Staatsoper Alban Bergs „Wozzeck“ in den Spielplan zurück. „An die Premiere dieser Inszenierung kann ich mich schon deshalb sehr gut erinnern, weil ich damals Claudio Abbados Assistent war“, erzählt Franz Welser-Möst. Mittlerweile ist er Generalmusikdirektor der Staatsoper und hat sich vor Probenbeginn das Notenmaterial mit dem Blick des verantwortlichen Musikers angeschaut: „Da ist sehr viel herumkomponiert worden. Es finden sich Instrumentationsretuschen, die wir alle rückgängig machen. Wir versuchen halt, Alban Berg zu spielen.“

Und zu „rezitieren“. Der Notentext dieses Schlüsselwerks der Moderne gilt ja vielen noch als Buch mit sieben Siegeln: „Ich bin froh“, sagt Welser-Möst, „dass wir mit Simon Keenlyside und Anne Schwanewilms so fulminante Sänger zur Verfügung haben, die es auch verstehen, die von vielen mit völligem Unverständnis behandelte Anweisung Bergs umzusetzen, hie und da auf vorgegebenen Tonhöhen zu sprechen, statt zu singen.“

Was für den „Wozzeck“ gilt, dehnt der Dirigent auf alle Meisterwerke der Musikgeschichte aus: „Man entdeckt Neues, auch wenn man die Partitur zum 100. Mal aufschlägt.“ Der „Wozzeck“ stellt aber für Welser-Möst eine Premiere dar, eine Ergänzung seines ohnehin ungewöhnlich reich bestückten Repertoires. „Ich bin ja nicht hier, um mich dauernd zu wiederholen“, sagt er. Seine Beziehung zum Orchester sei in der Oper wie im philharmonischen Konzert „enorm gewachsen. Es gibt Aufführungen, an die ich mich, glaube ich, noch lange erinnern werde, die ,Frau ohne Schatten‘ zum Beispiel, oder auch die ,Ariadne‘-Reprise Anfang Jänner, wo trotz – oder vielleicht sogar wegen des vorangegangenen Neujahrskonzerts, das ja immer Stress bedeutet, alles unglaublich entspannt funktioniert hat und Krassimira Stoyanova womöglich noch schöner als zuvor gesungen hat.“

 

Ein Schwerpunkt mit Richard Strauss

Dass es gerade Strauss-Opern sind, an die sich Wiens GMD spontan erinnert, wenn es gilt, Höhepunkte der bisherigen Arbeit zu benennen, ist kein Zufall: „Richard Strauss steht mir näher, je älter ich werde“, sagt er, „ich dirigiere zwar bewusst und mit Freude quer durch den sprichwörtlichen Gemüsegarten. Aber ich möchte in den kommenden Jahren einen Schwerpunkt auf Strauss setzen, was ja der Wiener Tradition entspricht.“

Dabei interessiert sich Welser-Möst auch für Werke, die nicht so häufig – oder gar nicht – auf den Spielplänen aufscheinen, die „Daphne“ zum Beispiel oder auch die „Liebe der Danae“. „Wichtig ist mir aber auch, andere Meister des 20. Jahrhunderts zu pflegen. Ich freue mich riesig, dass es uns gelingt, fast jede Saison unsere Einstandsproduktion, den ,Cardillac‘ von Hindemith, anzusetzen und dass diese Aufführungen immer voll sind.“ Da zeigt sich das Wiener Publikum von seiner neugierigen Seite.

 

Neue Musik und die Ignoranz der Politiker

„Wir spielen ja auch konsequent Janáček“, meint Welser-Möst, der sich auch für die Produktion von Zeitgenossen wie Jörg Widman oder Thomas Ades engagieren wird. Und ein Stück wie Brittens „Peter Grimes“, „den möchte ich gern einmal hier dirigieren. Ich hab's schon an den Herrn Direktor weitergegeben“, setzt er verschmitzt hinzu – das Verhältnis zu Dominique Meyer ist entspannt und die Arbeitsteilung funktioniert: „Ich habe meine Inseln, die ich betreue.“

Den Tagesbetrieb hat Meyer in der Hand – eines Sinnes streiten beide Herren für einen möglichst lückenlosen Spielbetrieb: „Ich komme in Gesprächen immer wieder darauf zurück, dass durch Studien belegt ist: Jeder Tag, den die Staatsoper geschlossen hat, kostet den Staat etwa 100.000 Euro Minus an Steuereinnahmen. Wenn schon immer über Geld geredet wird, soll man das nicht außer Acht lassen. Es gäbe ja ein ganz einfaches Experiment. Sagen wir doch einmal zum Beispiel in Salzburg: Lasst die Festspiele ein Jahr weg und schaut, was passiert. Da heben alle gleich die Hände und sagen: unmöglich. Dann sollten wir doch nachfragen: Ja, und warum ist es unmöglich?“ Die Ignoranz, mit der vonseiten der Politik der Kulturbetrieb betrachtet wird, findet Welser-Möst „traurig und dumm. Was soll man sagen, wenn aus dem Parlament eine Anfrage kommt, wie viele Sängerinnen wir beschäftigen und wie viele Werke von Komponistinnen wir im Repertoire haben. Es gibt halt von Clara Schumann und Fanny Mendelssohn wenig, was ein Opernhaus aufführen könnte. Und sollen wir den Wotan ab sofort mit einem Mezzo besetzen?“

Das Ärgerliche an derlei Quertreibereien ist, dass sie von den Politikern ernst gemeint werden. Noch lässt sich der gefährlichen Ignoranz mit Humor begegnen: „Ich habe Dominique gesagt, frag doch zurück, wie viele Frauen in der österreichischen Fußballnationalmannschaft mitspielen.“

Mit weitaus weniger lächerlichen Problemen schlagen sich derzeit viele Orchester in den USA herum. Wobei das von Welser-Möst geleitete Cleveland Orchestra geradezu auf einer Insel der Seligen lebt: „Wenn ich bedenke“, sagt Welser-Möst, „dass es amerikanische Orchester gibt, die seit Monaten im Streik sind! Wir haben in Cleveland im Durchschnitt das jüngste Konzertpublikum Amerikas, seit wir dank einer großzügigen Donation Interessenten unter 18 ermöglichen können, Konzerte gratis zu besuchen. Da sitzen dann unter den 1700 Menschen im Auditorium plötzlich 400 drin, die unter 18 sind! Wir setzen zwar unterschiedlichste Maßnahmen, junges Publikum zu gewinnen. Wenn es dann aber noch Freikarten gibt, macht es plötzlich klick. Die kommen!“

Auch für die Gewinnung des schwierigen, weil meist am ruhigen Familienfeierabend interessierten Publikums der Dreißig- bis Vierzigjährigen hat man in Cleveland ein Rezept gefunden: „Da gibt es an Freitagen um sieben ein einstündiges Konzert ohne Pause, gefolgt von einer Art Party, wo Publikum und Musiker zusammenkommen. Das ist ein voller Erfolg.“ Weniger erfolgreich war hingegen der Versuch, Welser-Möst an die Salzburger Festspiele zu binden.

 

Sommerfrische statt „Saison in Salzburg“

„Ich will das gar nicht mehr kommentieren“, sagt der Dirigent, „aber ich denke, dass meine Absage des Da-Ponte-Zyklus nach allem, was in den vergangenen Wochen zu hören war, heute in einem etwas anderen Licht dasteht, nicht wahr?“

Ein guter Intendant, so viel ergänzt er noch, „muss ein Rattenfänger sein, der einen Künstler mit Projekten lockt, die sich von dem unterscheiden, was während der Saison ohnehin etwa in einem Haus wie der Staatsoper stattfindet.“ Welser-Möst sieht derzeit keinen Grund, seinen Sommererholungsurlaub zu unterbrechen.

„Nur eines möchte ich noch korrigieren: Ich lese immer öfter, Alexander Pereira hätte mich seinerzeit aus London nach Zürich als Chefdirigent geholt. Das stimmt so nicht. Er wollte keinen Chefdirigenten am Zürcher Opernhaus. Die Musiker haben damals beim Verwaltungsrat erwirkt, dass er mich engagieren soll. Das kann man in den Protokollen nachlesen.“

„Überdies muss man ja nicht befreundet sein, um gut zusammenarbeiten zu können“, setzt Welser-Möst noch hinzu und schließt keineswegs aus, dass sich ein Projekt finden könnte, dass ihn von seinem Domizil am Attersee doch wieder in Richtung Salzburger Festspielhaus locken könnte. „Wer die Angel richtig auswirft...“

Auf einen Blick

„Wozzeck“ (Alban Berg) kehrt in den Spielplan der Staatsoper zurück (24., 27. und 30. März). Am Sonntag überträgt Ö1 ab 20 h live.

„Parsifal“ mit Jonas Kaufmann ist die erste der Wagner-Opern, die Franz Welser-Möst bis Ende der Saison noch dirigiert (28., 31. März sowie 4. April). Es folgen ein kompletter

„Ring des Nibelungen“ mit Nina Stemme als Brünnhilde (12., 15., 19. und 22. Mai) sowie

„Tristan und Isolde“ mit Peter Seiffert und Nina Stemme (Neuinszenierung: David McVicar, 13., 18., 22., 26. und 30 Juni).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.03.2013)