Kohlhase schäumte vor Wut

Kohlhase schaeumte
Kohlhase schaeumte(c) Erwin Wodicka - BilderBox.com (Erwin Wodicka - BilderBox.com)

Über den schmalen Grat zwischen legitimem Widerstand und entgrenzter Rebellion. Ein Plädoyer für beherzte Zivilcourage.

„An den Ufern der Havel lebte, um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, ein Rosshändler, namens Michael Kohlhaas, Sohn eines Schulmeisters, eines der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit“, so beginnt Heinrich von Kleists berühmteste Erzählung über einen Mann, den sein Rechtsgefühl letztlich aufs Schafott führte. Das historische Vorbild von Kleists Titelfigur war der bei Berlin lebende Hans Kohlhase, und seine Fehde gegen das Kurfürstentum Sachsen führte er bereits 1534–40.

Rund 270 Jahre später war Kleists Erzählung zugleich auch der Versuch, mit literarischen Mitteln den Widerstandsgeist gegen Napoleon zu mobilisieren. Das brisante rechtsphilosophische Thema, das Anfang des 19.Jh.s in Europa in den Vordergrund drängte, war das Recht auf Widerstand. Kohlhaas vulgo Kohlhase aber lebte noch in jener Zeit des 16.Jh.s, in der sich der Absolutismus formierte und die Freiheit auf Selbsthilfe immer kleiner wurde. Kleist projizierte in seine Erzählung den Zwiespalt zwischen mittelalterlichen und frühabsolutistischen Rechtsvorstellungen und lässt das Recht auf Résistance gegen herrschaftliche Willkür zum zentralen Motiv seines Helden werden. Seine Rebellion gegen Willkür und Korruption überschreitet alle Grenzen des Gesetzes und der Moral.

Die Verurteilung des Kohlhase durch Luther war schroff: „Ein Vermessener und Rebell sei er, auf dessen Gottlosigkeit und Missetat ewige Verdammnis warte“. Gewiss ist Kohlhaas kein idealer Rousseau'scher Held, denn mit seiner Selbsthilfeaktion begeht er größtes Unrecht und wird in Kleists Erzählung vom Autor massiv getadelt. 200 Jahre später ist Kleists „Kohlhaas“ aktueller denn je. Wie oft greifen Menschen zu Waffen, um sich „ihr Recht zu holen“, und erschießen dabei (auch) Unschuldige? Wie oft werden Mitbürger in die Illegalität gedrängt, vergewaltigt, gemobbt oder denunziert? Korruption, Intoleranz und Misanthropie blühen – wie die Macht des Geldes. Und es ist nicht verwunderlich, dass sogar auf nachbarlicher Ebene oft Schwächeren mangels Zivilcourage Hilfsbereitschaft und Solidarität verwehrt werden. Ein Begriff, der zwei Jahrzehnte nach Kleists Tod in Frankreich als „courage civil“ erfunden wurde und heute vorwiegend auf der Wertorientierung demokratisch-humaner Grundwerte basiert.

„Empört Euch!“ forderte daher der kürzlich verstorbene Stéphane Hessel und rief mit über 90 Jahren klar zum friedlichen Widerstand auf. „Ohne mich“-Typen waren für ihn, den ehemaligen KZ-Insassen und Résistance-Kämpfer, das Schlimmste. „Wir müssen begreifen, dass Gewalt von Hoffnung nichts wissen will“, schrieb Hessel. Er plädierte dafür, Rechtsverletzungen mit Empörung zu begegnen. Das ist nicht immer leicht, denn wir sind für Mitläufertum und Rudeldenken anfällig. 75 Jahre nach Beginn der Nazi-Herrschaft in Österreich erinnern wir uns der vielen Opfer, aber auch der gar nicht so wenigen Couragierten.

Kein Zweifel: Zivilcouragiertes Handeln ist nicht risikofrei. Doch schon Jean-Paul Sarte lehrte, dass „wir selbst, allein und absolut für die Welt verantwortlich sind“.

Widerstand und Ergebung, Revoltieren und Einlenken, Individualismus und Kollektivismus, Rache und Sühne, Staatsgehorsam und Staatsverachtung, Rechtsverletzung und Rechtsbefolgung sind nur theoretisch konträre Bereiche. In der Praxis des politisch-gesellschaftlichen Lebens sind sie in den widersprüchlichsten Vermischungen und eigenartigsten Synthesen und unglaublichsten Wechselwirkungen präsent.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.03.2013)