Eine Tugend, die körperlich sichtbar ist

Eine Tugend koerperlich sichtbar
Eine Tugend koerperlich sichtbar(c) Clemens Fabry

Das Wort "Demut" wurde wohl von christlichen Missionaren fürs Altdeutsche erfunden. So wie die "Gnade" und auch das "Mitleid".

Ein Jesuit und ein Franziskaner wollen ihre Orden rühmen, sie steigern sich in einen Wettstreit der Vorzüge. Immer hat der Jesuit die erfolgreicheren Brüder – größere Literaten, tiefere Denker, bessere Wissenschaftler. Da wird es dem Franziskaner zu viel, und er ruft verzweifelt aus: „Aber in der Demut sind wir nicht zu schlagen!“

Dieser Witz enthüllt eine widersprüchliche Eigenschaft der Demut, einem mehr als tausend Jahre alten Wort, das sich im Althochdeutschen aus „dio“ (Knecht) und „muot“ (Gesinnung) zusammensetzt. Kann man mutig und demütig zugleich sein? Ist die Demut nicht von ihren Wurzeln her eine unmögliche Konstruktion?

Beginnen wir mit dem Mut, der Kraft des Denkens, Empfindens und Wollens. Er bezeichnet die kühne Fähigkeit, sich in Gefahr zu begeben. Zu viel davon schadet, etwa das Tollkühne. Aber an sich ist der Mut eine Eigenschaft für Helden. Nehmen wir einen der ganz großen Krieger aus den germanischen Sagen: Siegfried war tapfer im Übermaß. Das ist wesentlich für einen Ritter. Im Hochmittelalter, als das Nibelungenlied aufgezeichnet wurde, eine Erinnerung an alte Geschichten aus der Völkerwanderungszeit, zählte auch der „hohe muot“ zu den Tugenden, er bezeichnete ein Hochgefühl – Stolz. Der aber kommt vor dem Fall.

Siegfried ist Held und Knecht zugleich. Weil es seiner Frau Kriemhild mit ihrem Herrschaftsanspruch an Demut mangelt, weil sie nicht akzeptieren will, dass ihr Mann den Vasallen ihres Bruders, König Gunther, spielt, muss das ganze Geschlecht untergehen. Die Nibelungen scheitern an Kriemhilds mangelndem Mut zur Demut.

Zwölf Stufen hat die Demut in den Regeln des Sankt Benedikt. Die erste verlangt, dass der Mensch stets auf Gottesfurcht achte, sich hüte, den Herrn je zu vergessen. Aufsteigend geht es in den Regeln um Variationen von Gehorsam, Bescheidenheit, Selbstbeherrschung.

Die letzte Stufe gipfelt in der Vorschrift: „Der Mönch sei nicht nur im Herzen demütig, sondern seine ganze Körperhaltung werde zum ständigen Ausdruck seiner Demut für alle, die ihn sehen.“


Nietzsches Spott. Das erfordert Beherztheit. Denn während man eine Demütigung erleidet, durch sie beschämt wird, entspringt Demut als Liebe zum Dienen dem freien Willen: „Wer sich erniedrigt, wird erhöht werden“, behauptet Jesus laut Lukas-Evangelium. Nietzsche hat dazu in „Menschliches, Allzumenschliches“ eine raffinierte Variante erdacht: „Wer sich selbst erniedrigt, will erhöhet werden.“

Mit diesem Bonmot macht sich Nietzsche über eine prinzipielle Passion des Christentums lustig. Die Demut wurde von Missionaren im Deutschen eingeführt, so wie die im brutalen Mittelalter gewöhnungsbedürftigen Wörter „Mitleid“ (compassio) oder „Gnade“ (gratia). Man zwang das Lateinische ins Deutsche. Das älteste erhaltene deutsche Buch, ein um das Jahr 770 verfasstes Wörterbuch, nennen die Germanisten nach dem ersten Stichwort „Abrogans“. Der Schreiber hat es mit „dheomodi“ übersetzt – Demut. Zufall? Bei aller Bescheidenheit: nein!

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.03.2013)